Schönes Wochenende, rufen die Kollegen noch. Fragt sich bloß, wie genussvoll die freien Tage werden, wenn der Arbeitsstress in der Freizeit weiter geht – dank Mobiltelefon und E-Mail-Weiterleitung. Für viele Menschen mit Bürojob hat sich die technisch mögliche Dauererreichbarkeit per Smartphone oder Laptop zur modernen Fessel entwickelt, die sie an ihren Arbeitgeber kettet.

Volkswagen hat dem nun ein Ende bereitet und die Erreichbarkeit von Mitarbeitern in der Freizeit eingeschränkt. Damit ist der Wolfsburger Autokonzern in der deutschen Wirtschaft ein Vorreiter, wie eine Umfrage der Frankfurter Rundschau unter den anderen 29 Dax-Konzernen gezeigt hat. Nur drei weitere Konzerne erwarten explizit von ihren Mitarbeitern, dass sie ihre Freizeit nicht am Telefon verbringen und haben dafür klare Regeln. 24 Unternehmen verzichten auf eindeutige Vorschriften. Zwei Unternehmen, die Deutsche Post und der Rückversicherer Munich Re, antworteten nicht auf die Anfrage.

Permanentes Zur-Verfügung-Stehen ist in deutschen Großkonzernen für Mitarbeiter, die über mobile Geräte verfügen, demnach Alltag. Neun Unternehmen gaben allerdings an, die Dauererreichbarkeit nicht einzufordern.

Wachsende Ansprüche

Worin liegt das Problem? Prinzipiell hat ja die Flexibilität moderner Kommunikationsmittel auch ihr Gutes für die Arbeitnehmer. Zum Beispiel, wenn sie eine Kleinigkeit zu Hause erledigen können, für die sie früher ins Büro hätten kommen müssen. Andererseits wachsen mit den technischen Möglichkeiten, mit E-Mail und Handy, auch die Ansprüche. Denn die Eitlen und Ehrgeizigen setzen damit die Maßstäbe: Aus einem großen Münchner Unternehmen ist zum Beispiel zu hören, manch eifriger Mitarbeiter dort verschicke einige Mails pro Monat inzwischen mit Absicht erst um 23 Uhr, um Eindruck zu schinden.

Was Müller kann, muss Meier auch bald leisten, wenn er nicht enttäuschen will. Zwar kann kein Arbeitgeber, außer bei hochbezahlen Führungskräften, verlangen, außerhalb der vereinbarten Arbeitszeiten seine Mitarbeiter zu erreichen. Aber die Erwartung, auch nach Dienstschluss auf die Mitarbeiter zugreifen zu können, beschränkt sich eben keineswegs nur auf die Gutbezahlten. Das ist immer wieder aus Unternehmen zu hören und auch durch Erhebungen belegt. Eine Studie des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen vor einem Jahr ergab: Die Hälfte der repräsentativ befragten Berufstätigen gab an, jederzeit erreichbar zu sein, auch für den Job. Jeder Fünfte ging sogar kurz vor dem Schlafengehen beruflichen Aufgaben nach, zum Beispiel die E-Mails zu überprüfen.

Der VW-Konzern machte kürzlich mit einer neuen Regelung auf sich aufmerksam: Er zwingt die Mitarbeiter zum Durchschnaufen. Tarifmitarbeitern, also keinen Führungskräfte, die ein Blackberry (ein Handy mit E-Mail-Funktion) haben, werden die Mails gesperrt: 30 Minuten, nachdem die Arbeitszeit endet, schaltet sich die Weiterleitung der Mails aufs Handy ab und funktioniert erst wieder kurz vor Arbeitsbeginn. Die Regel betrifft zwar nur 1150 Jobs, hat aber Signalwirkung.

Und hinter ihr steckt durchaus Eigennutz. Denn VW entschärft so einen wichtigen Krankheitsfaktor für die Mitarbeiter. Jeder Dritte gab vor zwei Jahren in einer Umfrage der Techniker Krankenkasse an, dass er unter der elektronischen Erreichbarkeit leide. Nur Termindruck und Hetze wurden noch häufiger als Stressursache im Beruf genannt. Das Ergebnis von Stress ist aber, dass sich Mitarbeiter schlecht erholen.

Hohe Kosten für die Unternehmen

Übermäßig gestresste oder gar ausgebrannte Mitarbeiter verursachen aber hohe Kosten für die Unternehmen. Der Produktionsausfall in Deutschland aufgrund psychischer Erkrankungen liegt verschiedenen Berechnungen zufolge bei drei bis vier Milliarden Euro pro Jahr – das kann den Produktivitätsvorsprung durch die Dauererreichbarkeit leicht wieder auffressen.

Doch noch hat sich diese Erkenntnis nicht überall durchgesetzt. Der Umfrage dieser Zeitung zufolge haben nur die Deutsche Telekom und der Energiekonzern Eon Regelungen zur Erreichbarkeit, die an die Vorschriften von VW heranreichen.

Bei der Telekom gibt es seit Mitte 2010 eine mit dem Betriebsrat abgestimmte „Smart-Device-Policy“, eine Selbstverpflichtung,. „Urlaub und Freizeit sollen arbeitsfreie Zeit bleiben und der Erholung dienen“, erläuterte ein Sprecher. Konkret werden die Mitarbeiter außerhalb der Arbeitszeit aufgefordert, auf Telefonate und E-Mails zu verzichten. „Geschieht dies dennoch ausnahmsweise, so darf sich daraus keine Erwartungshaltung ableiten lassen“, sagte der Sprecher. Denn es bestehe die Gefahr, nicht mehr abzuschalten.

Besonders fortschrittlich ist, dass die Telekom sogar ihre Top-Manager darauf einschwört, mit gutem Beispiel voranzugehen. „Sich um seine Familie zu kümmern und dafür bewusst Zeit zu investieren, kann und darf kein Makel mehr sein“, heißt es.

Beim Energieriesen Eon gibt es zwar keine Abmachung mit dem Betriebsrat, aber dafür sogar sehr klare Unternehmensregeln. „Wir erwarten, dass keine E-Mails nach 20 Uhr versendet oder bearbeitet werden. Gleiches gilt für die Wochenenden und Urlaub, wo Störungen nur im Notfall erlaubt sind“, teilte der größte deutsche Versorger auf Anfrage mit. Ebenso hält es Eon mit Anrufen: Nach 20 Uhr und am Wochenende soll Stille herrschen.

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Beim Versicherungskonzern Allianz gilt immerhin: Die Regeln zur Arbeitszeit sollen auch für Blackberrys und Smartphones gelten, zumindest für Tarifmitarbeiter. Auch hier ist die Dauererreichbarkeit also nicht gern gesehen, ja wird sogar abgelehnt.

Die anderen 24 Dax-Konzerne, die auf die Umfrage antworteten, lassen der elektronischen Erreichbarkeit dagegen freie Bahn – mehr oder minder. Sechs Dax-Unternehmen gaben immerhin an, dass die Dauererreichbarkeit bei ihnen nicht erwünscht sei, klare Regeln dafür haben sie jedoch nicht. Der Chemiekonzern BASF teilte zum Beispiel mit, dass es „Aufgabe des Vorgesetzten ist, darauf zu achten, dass sich der durch außergewöhnliche Fälle bedingte berufliche Einsatz in der Freizeit auf das betrieblich notwendige Minimum beschränkt und auch kein darüber hinausgehender Erwartungsdruck erzeugt wird“.

In dringenden Fällen

Inkonsequent ist, dass viele Unternehmen betonen, dass sie ihre Mitarbeiter in der Freizeit nicht stören wollen. Gleichzeitig übertragen sie aber den Mitarbeitern die Verantwortung zu entscheiden, wann sie auf E-Mails und Anrufe reagieren. Beim Nutzfahrzeugehersteller MAN sollen Mails zum Beispiel nur „in dringenden Fällen“ beantwortet werden. Auch der Gesundheitskonzern Fresenius SE und seine Tochter Fresenius Medical Care überlassen den Mitarbeitern die Einschätzung der Dringlichkeit einer Anfrage. Das alles setzt aber voraus, dass die Angestellten in ihrer Freizeit zumindest den Email-Eingang im Blick behalten – selbst wenn sie entscheiden sollten, nicht auf Anfragen zu antworten. Genau in diesem permanenten Überprüfen des Posteingangs besteht aber ein Großteil des Stresses.

Viele Unternehmen beschränken die elektronische Kommunikation quasi gar nicht. Die Commerzbank überlässt es den Mitarbeitern, in ihren Teams individuell zu entscheiden, wann sie ihre Blackberrys nutzen. Es ist also eine Gruppenentscheidung, ob die Geräte in der Freizeit zum Einsatz kommen oder nicht. Das dürfte den Erreichbarkeitsdruck erheblich erhöhen.

Andere Unternehmen, wie etwa die Softwarefirma SAP, argumentieren dagegen, dass ihre Mitarbeiter sich ihre Arbeitszeit frei einteilen könnten. Wo es keine starren Arbeitszeiten gebe, könne man auch die Erreichbarkeit nicht strikt regeln.

Im Moment sieht es auch nicht so aus, als ob die Beispiele VW, Eon und Telekom Schule machen. Keines der Unternehmen ohne explizite Kommunikationsregeln plant laut Umfrage, daran etwas zu ändern.