Potsdamer-, Ecke Bülowstraße. Eine Baustelle. Während dort ein 8000-Quadratmeter-Bürokomplex hochgezogen wird, plant man in München den Umzug. Sony Music, nach Universal und Warner drittgrößtes Musikunternehmen der Welt, wird seine Deutschland-Dependance von der bayerischen Landeshauptstadt nach Berlin verlegen.

Im März hatte der Konzern den Umzug für 2020 angekündigt und wurde dafür gefeiert. Immerhin sind 300 neue Jobs zu erwarten. Wirklich überraschen kann der Umzug allerdings nicht. Schließlich ist Berlin seit Jahrzehnten der Ort, an dem die Musik spielt. Sony ist spät dran.

Soundtrack dieser Stadt

Berlin ist die Stadt, für die Paul Lincke, Dr. Motte und Ideal den Soundtrack geschrieben haben, und in der Musik längst auch zum ökonomischen Grundrauschen gehört. Von hier kommen Rammstein als erfolgreichster deutscher Musikexport, Herbert Grönemeyer, den Wikipedia als den kommerziell erfolgreichsten zeitgenössischen Musiker Deutschlands betitelt. Und auch die Nummer eins im internationalen Musikgeschäft: Universal Music verlegte seine Deutschlandzentrale bereits 2002 von Hamburg an die Oberbaumbrücke.

Mittlerweile hat mindestens jedes zehnte deutsche Musikunternehmen seinen Sitz in Berlin. Insgesamt sind das etwa 1450 Firmen unterwegs. Sie beschäftigen mehr als 13.300 Menschen und verhelfen der hiesigen Musikbranche zu einem Gesamtumsatz von 1,9 Milliarden Euro. Willkommen Sony.

Beispiellose Band- und Orchesterdichte

Tatsächlich gibt es nirgendwo im Land eine größere Band-, Orchester- oder DJ-Dichte. Und es gibt große Unternehmen, die von Berlin aus den Sound in den Studios und auf den Bühnen der ganzen Welt bestimmen.

In der Leipziger Straße etwa befindet sich das Entwicklungszentrum der legendären Mikrofonmarke Neumann, die bis heute zur Grundausstattung jedes berühmten Aufnahmestudios gehört. Ableton in der Schönhauser Alle und Native Instruments am Schlesischen Tor sind auf dem Markt der Software-Instrumente das, was Gibson und Fender im Gitarrengeschäft sind.

Neues Vinyl-Platten-Presswerk in Lankwitz

Und sogar ein Schallplatten-Presswerk gibt es. Zwei junge Leute haben es vor zwei Jahren in Lankwitz gegründet. Inzwischen fertigen sie im Schnitt 1000 Vinyl-Scheiben am Tag. 75.000 waren es im ersten Quartal dieses Jahres, und die Auftragslage ist gut. Die meisten Aufträge kommen aus den Sparten Elektronik, Techno und Hip-Hop. Vorzugsweise aus Berlin, was auch der Grund dafür war, dass sich die Plattenpresser gerade hier angesiedelt haben. Mehr als 1000 Bands soll es in der Stadt. Berlin, die Sound-Werkstatt.

Für Maximilian Kolb ist Berlin nach wie vor eine der wichtigsten Musikmetropolen Europas, und auch deshalb sitzt er mittendrin. Das internationale Musikunternehmen BMG, das unter anderem Iggy Pop, Lenny Kravitz, Adel Tawil und die Rolling Stones im Portfolio hat, führt seine Geschäfte vom Gendarmenmarkt in Mitte aus. Dort befindet sich der Hauptsitz von BMG. Kolb lenkt dort das Deutschlandgeschäft.

BMG hat seinen Hauptsitz in Berlin

„Wenn junge Leute ihren Traum von einer Musikerkarriere verwirklichen wollen, ist Berlin noch immer die erste Wahl“, sagt der 32-Jährige. Musik brauche einen ganz besonderen Boden, um wachsen zu können, Gefühl, Atmosphäre und Kultur. Das lasse sich nicht künstlich erzeugen, sondern entstehe langsam aus sich heraus und sei daher umso beschützenswerter.

Kolb ist seit zehn Jahren in der Berliner Musikszene zu Hause, zog lange Zeit selbst als Talentscout durch die Clubs. Aus seiner Sicht habe sich Berlin in dieser Zeit eher positiv entwickelt. Er schätzt die Clubvielfalt und die vielen Möglichkeiten für Liveauftritte. Die Stadt sei ein Schmelztiegel für neue Sounds. Kolb sieht dies nicht in Gefahr, aber Berlin müsse diese Vielfalt auch pflegen.

Clubcommission ist besorgt

Bei der Clubcommission, dem Verband der Berliner Club-, Party- und Kulturereignisveranstalter, sieht man die Gefahr durchaus. Denn längst tobt in der wachsenden Stadt der Kampf um Flächen, in dem Renditen die Gewinner machen.

„Das Unfertige, Unkonventionelle und Experimentelle kann heute kaum noch organisch entstehen, da Raum fehlt oder unerschwinglich geworden ist“, heißt es bei den Verteidigern der Clubkultur.

Dass sich die Stadt verändert hat, weiß auch Maurice Summen. Dennoch habe die Stadt nach wie vor ihren eigenen Charme und auch Anziehungskraft. „Ein Musiker sollte schon eine gewisse Zeit in Berlin verbracht haben“, sagt er.

Einzigartige Radiolandschaft in der Stadt

Summen, Jahrgang 74, selbst Musiker, inzwischen auch Musikverleger und Autor, hatte 2003 eigenes Musiklabel Staatsakt gegründet. Ursprünglich sollte es nur um die Veröffentlichung der eigenen Band Die Türen gehen. Inzwischen hat das Label, das seinen Sitz mitten in Prenzlauer Berg hat, Musiker und Bands wie Bonaparte, Andreas Dorau, Die Sterne und Isolation Berlin unter Vertrag.

Ja, es gebe weniger Clubs in der Stadt, so Summen. Allerdings finde in den bestehenden Clubs mehr statt als je zuvor. „An einem Club kann man heute an einem Abend drei, vier Bands erleben“, sagt der Staatsakt-Chef. Berlin habe eine „sehr, sehr gute Liveszene, und Summen lobt die breite Berliner Radiolandschaft, „in der man sich noch traut, Musik zu spielen, die noch nicht überall zu hören ist“.

Jahresdurchschnittseinkommen: 14.000 Euro

Tatsächlich wird der Musik heute vor allem mit Liveauftritten Geld verdient. Für Summen ist das auch ein Grund dafür, dass es immer mehr Solokünstler gibt, die die meist magere Gage dann nicht noch mit drei, vier Bandkollegen teilen müssen.

Denn bis zum Superstar ist es auch in Berlin ein langer und vor allem wenig einträglicher Weg. Laut Künstlersozialkasse lag das durchschnittliche Einkommen eines Musikers in Deutschland im vergangenen Jahr bei 14.199 Euro. Bei den höchstens 30 Jahre alten Musikern waren es sogar weniger als 13.000 Euro. In Berlin sei das nicht anders, sagt Maurice Summen und stellt fest, dass immer mehr junge Musiker aus „sogenanntem guten Hause“ kommen. Ohne den finanziellen Support etwa der Familie habe man es schwer, seinen Musiker-Traum zu erfüllen. „Unmöglich ist es aber eben auch nicht“, sagt der Musikverleger. Vielleicht gerade hier nicht.