Die soziale und wirtschaftliche Lage der Menschen in der EU hat sich in den vergangenen Jahren verbessert. Im Vergleich zum Jahr 2013, als die Finanz- und Wirtschaftskrise ihren Höhepunkt erreichte, ist die Arbeitslosigkeit in den 28 Mitgliedsländern von durchschnittlich 11,0 auf 9,4 Prozent im vergangenen Jahr gesunken, während die Beschäftigung von 64,1 Prozent der Menschen im Erwerbsalter auf 65,6 Prozent anstieg. Insgesamt hat sich der Index für Soziale Gerechtigkeit, den die Bertelsmann Stiftung jährlich ermittelt, erstmals seit Ausbruch der Krise 2008 spürbar verbessert, von 5,63 auf 5,75 Punkte auf einer zehnstelligen Skala. Dabei verzeichnet Deutschland europaweit die größten Fortschritte: Der Indexwert stieg seit 2008 mit 6,23 Punkten kontinuierlich auf zuletzt 6,66 Punkte an. Das sind Daten, die Hoffnung machen

Und es sind Daten, die im gleichen Atemzug zu großer Besorgnis Anlass geben. Denn die Durchschnittswerte verdecken, dass sich die soziale Lage in vielen Bereichen und Regionen zuspitzt. Zusammenfassen lassen sich die Befunde, die der 195 Seiten starke Bertelsmann-Bericht enthält, in einem Satz: Die Abstände zwischen jenen auf der Sonnenseite und weniger glücklichen Zeitgenossen wachsen, zumindest werden sie nicht geringer.

Immer öfter Niedriglöhne

Das betrifft zum Beispiel die Kluft im Beruf: Immer mehr Menschen in Vollzeit können von ihrer Arbeit kaum mehr leben und sind akut von Armut bedroht. Ihr Anteil stieg europaweit von 7,2 Prozent 2013 auf 7,5 Prozent im vergangenen Jahr. Das gilt auch und erst recht in Deutschland, wo der Anteil der „arbeitenden Armen“ an allen Vollzeit-Erwerbstätigen von 5,1 Prozent im Jahr 2009 auf 7,1 Prozent im vergangenen Jahr anstieg. Sinkende Arbeitslosigkeit und steigende Beschäftigung gingen also offenbar mit einer Zunahme des Niedriglohnsektors einher. Eine Entwicklung, die den Vorstandschef der Bertelmann Stiftung Aart de Geus eindringlichen warnen lässt: „Ein steigender Anteil von Menschen, die nicht von ihrer Arbeit leben können, untergräbt die Legitimität unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.“

Wer wollte dem im Jahr 2016, mit Wahlerfolgen der AFD, dem Austritt der Briten aus der EU und der Trump-Präsidentschaft, widersprechen? Gleichwohl: Zumindest Deutschland weist alles in allem eine positive Entwicklung auf. Die Bundesrepublik belegt auf dem Gerechtigkeitsindex Platz sieben unter 28 EU-Ländern, hat gegenüber 2008 Länder wie Luxemburg und Frankreich hinter sich gelassen und zählt nun zur erweiterten Spitzengruppe.

Südeuropa rutscht weiter ab

Dies leitet zu einer weiteren Kluft, einer geografischen über: Der Abstand zwischen Nord- und Mitteleuropa auf der einen und Südeuropa auf der anderen Seite ist enorm gewachsen. Zwischen den Spitzenreitern Schweden, Finnland, Dänemark, Tschechien, den Niederlanden, Österreich und Deutschland und den Schlusslichtern auf dem Balkan und der iberischen Halbinsel liegen Welten. In Griechenland, dem Gesamt-Index-Letzten, leben 36 Prozent der Menschen an oder unter der Armutsgrenze. In Rumänien sind es 37, in Bulgarien sogar 41 Prozent. Insgesamt 118 Millionen EU-Bürger, also etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung, sind von Armut bedroht, 25 Millionen von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Ihre Zahl ist allein in den vier Krisenstaaten Griechenland, Italien, Portugal und Spanien seit 2008 um 1,1 Millionen angewachsen. Der Anteil armutsbedrohter Personen unter 25 Jahren liegt in diesen Ländern bei durchschnittlich 30 Prozent. Die Daten belegen, dass der Begriff „verlorene Generation“ mehr als ein Schlagwort ist. In Italien haben mehr als 30 Prozent der 20- bis 24-Jährigen weder eine Arbeit noch eine Ausbildung, in Griechenland sind es 26 Prozent, in Spanien 22 Prozent. Diese Werte liegen bei weitem über dem EU-Durchschnitt von 17,4 Prozent.

Die Kluft zwischen Jung und Alt wird besonders mit Blick auf „schwerwiegenden materiellen Entbehrungen“ , sprich bitterer Armut, sichtbar. Im EU-Durchschnitt sind knapp zehn Prozent der unter 18-Jährigen davon betroffen, in Bulgarien sind es gut 37, in Rumänien 29 und in Griechenland annähernd 26 Prozent der Kinder. Dort hatte der Anteil 2008 noch bei 10,4 Prozent gelegen. In Deutschland dagegen sank die Quote von 6,9 auf 4,7 Prozent. Spitzenreiter ist auch in diesem Punkt Schweden: Nicht einmal jedes 100. Kind ist dort von bedrückender Armut betroffen. Demgegenüber geht es den über 65-Jährigen deutlich besser: Hier liegt der EU-Durchschnitt der sehr Armen bei „nur“ sechs Prozent, in Griechenland bei 15 , in Deutschland bei 2,4 und in Schweden bei 0,4 Prozent. „Die wachsende Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen spielt den erstarkenden populistischen Bewegungen in die Hände“, kommentiert Geut.

Um den Index für soziale Gerechtigkeit zu ermitteln, glichen die Forscher in sechs Hauptkategorien und 40 Einzelpunkten miteinander ab. Besonders stark gewichtet wurden dabei staatliche Maßnahmen zur Armutsbekämpfung, Bildungschancen und Arbeitsmarktzugang, eine Rolle spielten außerdem die Gesundheitsversorgung, Integrations- und Anti-Diskriminierungspolitik sowie Generationengerechtigkeit. Insbesondere in letzterem Punkt mahnt der Bericht zu entschlossenem Handeln: „Die Bekämpfung von Kinderarmut muss in der EU und ihren Mitgliedsstaaten oberste Priorität haben.“