Berlin - Wachstum mit 1,7 Prozent ansehnlich, Beschäftigung  und Reallöhne gestiegen, Binnennachfrage hoch, Arbeitslosigkeit niedrig wie nie zuvor im wieder vereinten Deutschland: 2015 war alles in allem ein gutes Jahr für die deutsche Wirtschaft. Allerdings nicht für alle. Ausgerechnet Kinder aus armen Familien haben wenig oder nichts vom allgemeinen Aufschwung gehabt. In den westdeutschen Bundesländern ist die Kinderarmut 2015 gegenüber dem Vorjahr sogar gestiegen. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung, die der DGB auf Grundlage von Hartz-IV-Daten vorgelegt hat.

Danach lebten im September 2015 bundesweit 1,66 Millionen Kinder unter 15 Jahren in Familien, die Leistungen der Grundsicherung (Hartz IV) bezogen und somit weniger als 60 Prozent der mittleren Haushalteinkünfte zur Verfügung haben. Im Westen lag die Zahl bei  fast  1,22 Millionen, das entspricht gegenüber 2014 einem Plus von 33.000 Kindern. Damit stieg die Armutsquote der Kinder unter 15-Jahren im Westen von 13,6 auf 14 Prozent.  Im Osten dagegen ging die Zahl der Kinder in Haushalten, die auf die Grundsicherung angewiesen waren, um 0,4 Prozentpunkte auf knapp 442.900 zurück. Gleichwohl liegt der Anteil der Hartz-IV-Haushalte mit Kindern im Osten mit 22,4 Prozent weiterhin deutlich über der im Westen.

Im Osten Deutschlands sinkt die Kinderarmut

Ein Blick auf die einzelnen Bundesländer offenbart jenseits des Ost-West-Schemas enorme Unterschiede. Den republikweit höchsten Anteil von unter  15-Jährigen im Hartz-IV-Bezug  weist Bremen mit 32,8 Prozent, gefolgt von Berlin, wo 32,5 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe in Familien mit Grundsicherung leben. Demgegenüber blieb die Kinderarmut in Bayern und Baden-Württemberg - auf ohnehin niedrigem Niveau - beinahe unverändert (7,2 und 8,5 Prozent). Obwohl alle ostdeutschen  Bundesländer mit Ausnahme Berlins rückläufige Kinderarmutsquoten verzeichneten, ist  Hartz-IV-Abhängigkeit im Osten noch immer deutlich verbreiteter als in den westdeutschen Ländern. Am unteren Ende findet sich Sachsen-Anhalt mit einer Kinderarmutsquote von 25,1 Prozent. In Thüringen leben dagegen „nur“ 16,7 Prozent der Kinder unter 15 Jahren in Familien mit Grundsicherungsleistungen. 

Unabhängig von der Region sind Kinder, die bei nur einem Elternteil aufwachsen, besonders häufig betroffen. Ein Drittel aller Alleinerziehenden mit einem Kind war im November 2015  auf Grundsicherungsleistungen angewiesen. Mit zwei Kindern stieg der Hartz-IV-Anteil auf 43 Prozent, bei drei und mehr Kindern auf sogar 70 Prozent.  Paare mit Kindern stehen demgegenüber deutlich besser da: Bei Familien mit einem Kind lag die Hartz-IV-Quote mit 7,3 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt aller Haushalte mit zehn Prozent. Erst bei drei und mehr Kindern erhöht sich auch der Anteil der Paarhaushalte, die Grundsicherung erhalten, deutlich auf 17 Prozent.

DGB und BDA fordern Geld, um Kinder zu fördern

Was folgt aus alledem? Ganz offenbar ist ein beträchtlicher Teil der Kinder von wirtschaftlichem Wachstum einschließlich steigender Realeinkommen abgekoppelt. Sie erleben den Mangel als Dauerzustand, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Die Sozial- und Arbeitsmarkpolitik der kommenden Jahre sollte daher alle Anstrengungen unternehmen, damit aus benachteiligten Kindern  nicht dauerhaft abgehängte Erwachsene werden.  DGB und BDA haben bereits 2015 in nicht alltäglicher Eintracht gefordert, der Bund möge für drei Jahre insgesamt 780 Millionen Euro zur Verfügung stellen, die gezielt Hartz-IV-Familien mit Kindern fördern sollen.  Es wäre gut angelegtes Geld.