Berlin - Erst kommt die Ebbe, dann kommt die Flut. Die Hausse bei den Technologieaktien hat gerade erst nachgelassen, schon gibt es einen neuen Börsen-Trend: SPACs sind an den US-Aktienmärkten so beliebt wie noch nie. Prominente wie der Basketballspieler Shaquille O’Neal, der Rapper Jay-Z oder der Bundesliga-Star Robert Lewandowski begleiten den Trend mit jeweils eigenen Börsengängen.

In den ersten drei Monaten des neuen Jahres wurden über SPACs in den USA bereits 97,3 Milliarden US-Dollar eingesammelt – mehr als im gesamten Jahr zuvor. Investoren reißen sich derzeit um die spekulativen Papiere. Zum Vergleich: Bereits 2020 wurde über SPACs Investorengelder in Rekordhöhe von 83 Milliarden Dollar eingesammelt, dieser Höchstwert wurde diesen März bereits um fast 15 Milliarden Dollar übertroffen.

Doch was steckt hinter dem Trend? Bei den Special Purpose Acquisition Companies, kurz SPACs, handelt es sich um Mantelgesellschaften ohne eigenen Geschäftsbetrieb, die nur an die Börse gebracht werden, um ein anderes, real existierendes Unternehmen aufzukaufen. Diese leeren Unternehmenshüllen sind oft aus steuerlichen und regulatorischen Gründen in Überseegebieten wie den Kaimaninseln registriert und sollen so den Börsengang für Unternehmen in den USA im Schnelldurchgang ermöglichen. Die SPAC kauft dabei ein anderes Unternehmen und wird mit ihm sogleich verschmolzen – die Aktien des Zielunternehmens werden somit unmittelbar an der Börse handelbar. Ein klassischer Börsengang dauert regelmäßig deutlich länger. Lästige Berichtspflichten zu Unternehmenszahlen an die Börsenaufsicht entfallen, denn die Mantelgesellschaft entfaltet für sich genommen keine wirtschaftliche Aktivität. 

Das Ziel der Übernahme ist regelmäßig nicht bekannt

Da das Zielunternehmen in der Angebotsphase in der Regel noch nicht bekannt gemacht wird und damit nicht der üblichen Due-Diligence-Prüfung unterliegt, müssen Investoren dem Management der SPAC vertrauen. In den Papieren, die der amerikanischen Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) beim Börsengang vorgelegt werden, wird der Geschäftszweck der SPAC meist nur grob umrissen. Um die Anleger zu schützen, wird Investoren normalerweise ein Rückgaberecht für Unternehmensanteile eingeräumt, wenn sie mit dem Ziel der Übernahme nicht einverstanden sind. Außerdem wird ein klarer Zeitplan für die Übernahme in der Unternehmenssatzung hinterlegt (im Regelfall 18 bis 24 Monate) – wenn keine Unternehmensübernahme erfolgt, erhalten Anleger ihre in einem Treuhand-Konto hinterlegten Gelder zurück. So sollen die Anleger davor bewahrt werden, übervorteilt zu werden. Für Investoren ist das Investment in ein SPAC trotzdem oftmals ein schlechter Deal, weil sie nach der Verschmelzung die Verwässerung ihrer Anteile hinnehmen müssen.

Hinzu kommt, dass viele Firmen, die über SPACs an die Börse gebracht werden, keinen funktionierenden Geschäftsplan oder nennenswerten Umsatz vorweisen können. Das prominenteste Beispiel ist der auf Hybrid- und Elektroantriebe spezialisierte Autobauer Nikola. Drei Monate nach dem Börsengang im Juni letzten Jahres durch die Verschmelzung mit einer SPAC wurde das Start-up von Leerverkäufern des Betrugs bezichtigt, was zum Rücktritt des Gründers und einer Flut von Aktionärsklagen führte. Der Aktienkurs von Nikola hat sich davon nicht erholt und ist auf einen Bruchteil seines Höchststandes im Juni letzten Jahres gefallen. Umsatz oder gar Gewinn? Bis heute Fehlanzeige. Anleger, die auf die Energiewende auf der Straße gesetzt haben, fuhren teilweise massive Verluste ein. Erfolgsgeschichten wie der amerikanische Sportwetten-Anbieter Draftkings bilden eher die Ausnahme.

Die SPAC-Gründer verdienen kräftig: Bis zu 648 Prozent Rendite

Für die Gründer des SPAC, die auch Sponsoren genannt werden, lohnt sich der Börsengang indes umso mehr: Sie erhalten bis zu 20 Prozent aller Anteile des Unternehmens und tragen dafür im Gegenzug lediglich die Kosten für den Börsengang und die administrativen Ausgaben drumherum – im Regelfall nur wenige Millionen Dollar. Ein überaus attraktives Geschäft: Eine aktuelle Analyse der Investmentbank J.P. Morgan beziffert die durchschnittliche Rendite des SPAC-Sponsors auf 648 Prozent.

Auch Berliner Unternehmen wie Rocket Internet mischen bereits fleißig mit: Wie aus Unterlagen, die die Gesellschaft bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichte, hervorgeht, sollen an der New Yorker Börse über 250 Millionen US-Dollar eingesammelt werden. In Deutschland machte zuletzt der Münchener Flugtaxi-Entwickler Lilium in diesem Zusammenhang von sich reden. Durch den Zusammenschluss mit dem SPAC „Qell Acquisition Corp.“ fließen nach Unternehmensangaben insgesamt rund 830 Millionen Dollar in Lilium. Das Unternehmen wird nun mit 3,3 Milliarden US-Dollar bewertet. 

Der Fall Lilium beweist, dass SPACs ein wichtiges Instrument für kleine, innovative Unternehmen sein können, um die Entwicklung ihres Geschäftsmodells ausreichend zu finanzieren. Gleichzeitig wachsen bei Analysten die Zweifel an der Nachhaltigkeit des Börsen-Trends. Gerade die vielen prominenten Fürsprecher sieht die Börsenaufsicht SEC eher kritisch. Sie befürchtet Interessenkonflikte, denn die Prominenten, die für ein SPAC werben, werden dafür mit Unternehmensanteilen vergütet. „Die Beteiligung von Prominenten an einer SPAC bedeutet jedoch nicht, dass die Investition generell für alle Anleger geeignet ist“, bemüht sie sich betont sachlich festzustellen. Ungemach droht auch von anderer Stelle: Durch den sich in den USA langsam abzeichnenden Zinsanstieg werden Investitionen in Hochrisiko-Positionen unattraktiver – Investoren verlagern ihr Geld in sicherere Häfen.