Poker um das Erbe: Springer-Chef Mathias Döpfner.
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BerlinFeiern können sie bei Axel Springer. Unvergessen ist die Revue, die das Medienhaus im Mai 2012 anlässlich des 100. Geburtstags seines 1985 gestorbenen Gründers den Intendanten des Hamburger St.-Pauli-Theaters, Ullrich Waller, inszenieren ließ.

Der Schauspieler Herbert Knaup gab den Verleger. Die Musiker Udo Lindenberg und Max Raabe hatten Gastauftritte. Und Konzernchef Mathias Döpfner stand im Prolog in Hoodie und Jeans höchst selbst auf der Bühne. Im Publikum saßen solch illustre Gäste wie Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker und der damalige Bundespräsident Joachim Gauck.

Und schon stehen die nächsten Termine an, die Anlass für größere Festivitäten sein könnten: Im Juni weiht Springer den von Stararchitekt Rem Koolhaas entworfenen Neubau in der Berliner Schützenstraße ein. Und 2021 begeht das Medienhaus sein 75-jähriges Bestehen.

Einstieg des US-Finanzinvestors KKR

Die Frage ist nur, ob den Springer-Mitarbeitern zum Feiern zumute ist. Wohl eher nicht: Derzeit durchlebt das Medienhaus das wohl größte Personalabbau-Programm seiner Geschichte. Über den Umfang der Stellen, die gestrichen werden sollen, macht der Konzern keine Angaben.

In Gewerkschaftskreisen wird geschätzt, dass am Ende zwischen 1500 und 2000 Arbeitsplätze wegfallen werden. Parallel dazu wird die Springer-Aktie von der Börse genommen. Dieses sogenannte Delisting dürfte spätestens im zweiten Quartal abgeschlossen sein.

Hintergrund ist der Einstieg des US-Finanzinvestors Kohlberg Kravis Roberts (KKR) bei dem Medienhaus im vergangenen Jahr. Von dem Übernahmeangebot der Amerikaner hatten die Springer-Aktionäre bereits 2019 regen Gebrauch gemacht, weshalb KKR jetzt bereits 44,9 Prozent der Anteile hält und damit Hauptgesellschafter ist.

Springer: Börsenrückzug und Konzernumbau

Nach dem nun angekündigten Rückzug von der Börse könnte der Finanzinvestor weitere 3,6 Prozent übernehmen. Doch warum das alles? Warum das Delisting und warum ein Personalabbau, bei dem der bislang als vergleichsweise arbeitnehmerfreundlich geltende Konzern um betriebsbedingte Kündigungen kaum herumkommen dürfte?

In Unternehmenskreisen heißt es, der Börsenrückzug und die Stellenstreichungen seien gewissermaßen die Ouvertüre zu einem Prozess, an dessen Ende ein radikaler Konzernumbau stehen werde. Die alten Strukturen würden zerschlagen. Bisher gibt es im Unternehmen vier Segmente.

Bereits auf der Hauptversammlung 2019 verkündete Konzernchef Döpfner, das Segment Media Marketing aufgeben zu wollen. Es blieben dann noch News Media – also Springers publizistische Aktivität – und Classified Media – die digitalen Rubrikenmärkte des Medienhauses wie etwa die Jobbörse Stepstone oder das Immobilienportal Immonet – sowie das Segment Holding/Services.

Publizistisches Erbe bewahren

Doch der Umbau geht noch viel weiter: „Am Ende wird es nur noch den Unternehmensbereich Publizistik und die hoch profitablen digitalen Rubrikenmärkte geben“, sagt eine mit dem Konzernumbau vertraute Person, die wegen der Sensibilität der Materie nicht namentlich genannt werden möchte, der Berliner Zeitung.

Demnach könnte der Verlag vor einem radikalen Umbau stehen: „Die publizistischen Objekte kommen in eine Stiftung, die mit KKR nichts zu tun hat. Die Rubrikenmärkte wandern in eine von den Amerikanern geführte Aktiengesellschaft mit der neugegründeten Stiftung als Juniorpartner. Die Anwälte arbeiten bereits die Verträge aus.“ Eine weitere Quelle bestätigt diese Angaben.

Als Stiftungsvorstand sei Döpfner gesetzt, ergänzt sie. Ziel der Aktion sei es, den Interessen des renditefixierten Finanzinvestors gerecht zu werden und zugleich das publizistische Erbe Axel Springers zu bewahren. Um dieses Erbe ist es nicht gut bestellt. Die Tageszeitung Die Welt, die Springer 1953 von den britischen Besatzungsbehörden übernahm, war finanziell nie wirklich erfolgreich. Dennoch galt eine Schließung des konservativen Blatts auch nach dem Tode des Verlagsgründers als undenkbar.

Beispielloser Auflagenverfall der Bild-Zeitung

In den anlässlich des KKR-Einstiegs bei Springer erstellten Angebotsunterlagen wird jedoch der Fortbestand der kompletten Welt-Gruppe, zu der neben der Tageszeitung auch deren Digital-Angebote, die Welt am Sonntag und der TV-Sender Welt gehören, unter einen Vorbehalt gestellt: Er stehe „unter der Voraussetzung einer angemessenen Steuerung der jährlichen Ergebnissituation“, heißt es dort.

Auch die immer noch profitable Bild-Zeitung ist in schweres Fahrwasser geraten. Die Auflage des Boulevardblatts, die in dessen besten Zeiten bei mehr als fünf Millionen verkauften Exemplaren lag, bewegte sich noch Anfang der 2000-Jahre deutlich oberhalb der Marke von vier Millionen verkauften Zeitungen. Doch dann setzte ein beispielloser Auflagenverfall ein. Heute werden von Bild nur noch 1,37 Millionen Exemplare verkauft. Hält der Abwärtstrend unvermindert an, wird Bild bereits übernächstes Jahr die psychologisch wichtige Marke von einer Million verkauften Exemplaren verfehlen.

Rettung durch Quersubventionierung

Offenbar hilft in dieser bedrohlichen Lage nur noch eine Quersubventionierung. Denn wie beide Quellen übereinstimmend berichten, ist einer der Gründe für den Konzernumbau, dass die geplante Stiftung die auf sie entfallenden Erträge aus der Classified AG steuerfrei in ihre publizistischen Aktivitäten steckt. Zudem würde durch ein solches Stiftungsmodell das Erbe der kinderlosen Verlegerwitwe Friede Springer endlich geregelt. Sie hält 42,6 Prozent der Anteile des Medienhauses und ist damit nach KKR dessen zweitgrößter Gesellschafter. Blaupause für diese Konstruktion sind der Mischkonzern Evonik und die RAG-Stiftung.

Der 2019 gestorbene Manager und frühere Bundeswirtschaftsminister Werner Müller hatte die 2007 gegründete RAG-Stiftung zum Hauptaktionär der aus der Ruhrkohle AG hervorgegangenen Evonik gemacht. Mit den Erträgen aus dem Konzern finanziert die Stiftung die Regulierung der Schäden, die durch den jahrzehntelangen Kohlebergbau entstanden sind.

Springer weist Pläne von sich

Auch für den US-Finanzinvestor wäre eine Aufteilung Springers in eine Stiftung für Publizistik und eine AG für digitale Rubrikenmärkte von Vorteil. Würden die publizistischen Aktivitäten in eine Stiftung ausgelagert, könnte KKR in aller Ruhe den weltgrößten Anbieter digitaler Rubrikenmärkte aufbauen – und zu einem späteren Zeitpunkt seinen AG-Anteil an der Börse versilbern. Es spricht also alles für eine Aufteilung.

Offiziell weist man die Pläne beim Verlag weit von sich, ein Unternehmenssprecher sagte der Berliner Zeitung: „Solche Pläne gibt es nicht.“

Zwar ist es möglich, dass der Konzern die Pläne für eine Publizistik-Stiftung und eine Aktiengesellschaft für digitale Rubrikenmärkte geändert hat. Die Frage ist nur: Wodurch wurden diese Pläne ersetzt? Denn die derzeitige Konstruktion von Springer zeigt, dass sie nur für eine Übergangsphase geplant sein kann. Als Hauptgesellschafter eines publizistischen Hauses scheint der weltweit sehr umstrittene Finanzinvestor KKR ungeeignet.

Investitionen in fragwürdigen Branchen

Es drohen Imageprobleme, Interessenskonflikte und, sollten die Amerikaner längerfristig bei Springer engagiert bleiben, womöglich irreparable Schäden. KKR-Gründer Henry Kravis gilt als das Vorbild für Gordon Gekko, dem von Michael Douglas in Oliver Stones Filmklassiker „Wall Street“ verkörperten Prototyp des gierigen, skrupellosen Finanzhais. Dem Finanzinvestor ist keine Branche zu fragwürdig, so sie denn hohe Renditen verspricht.

KKR investiert munter in die Rüstungsindustrie – in Deutschland gehört den Amerikanern etwa Hensoldt, die frühere Verteidigungselektronik-Sparte von Airbus – und in konventionelle Energien mit hohen CO2-Emissionen. KKR ist rund um den Globus in nahezu allen Branchen aktiv.

Was heißt das für die Wirtschaftsberichterstattung der Springer-Blätter? Selbst wenn es keine Anweisung geben sollte, Rücksicht auf die Interessen des neuen Hauptgesellschafters zu nehmen, ist schwer vorstellbar, dass Springers Wirtschaftsredakteure unbefangen über Unternehmen mit KKR-Beteiligung berichten können – und sei es wegen der berühmt-berüchtigten Schere im Kopf.

Döpfners Vereinbarung mit den Amerikanern

Auf lange Sicht am bedrohlichsten für das Medienhaus sind aber die Geschäftspraktiken der Amerikaner. Die Kosten für teure Zukäufe bürden sie in der Regel den von ihnen erworbenen Unternehmen in Form von Schulden auf. Diese Schulden müssen dann von den Unternehmen bedient werden, in der Regel mit Zinsen. Um auch noch üppige Dividenden an die Finanzinvestoren ausschütten zu können, müssen deren Firmen sparen, bis es kracht.

Was das konkret bedeutet, erfuhr die Senderfamilie Pro Sieben Sat 1 zwischen 2006 und 2014. In dieser Zeit war dort KKR zusammen mit dem ähnlich gestrickten US-Finanzinvestor Permira investiert. Die Amerikaner kauften die skandinavische Senderkette SBS hinzu und bürdeten die Kosten dafür ihrer deutschen Senderfamilie auf.

Zugleich ließ ihr rigider Sparkurs dringend notwendige Investitionen ins Programm ebenso wenig zu wie eine vernünftige Personalpolitik. An den Folgen des Engagements der US-Finanzinvestoren leidet Pro Sieben Sat 1 bis heute. Nun dürften die KKR-Praktiken Springer-Chef Döpfner bekannt sein. Wohl auch deshalb hat er mit den Amerikanern vereinbart, dass er und Friede Springer allen Gesellschafterbeschlüssen zustimmen müssen. Dies wiederum dürfte für den Finanzinvestor nur für eine Übergangsphase akzeptabel sein.

Neue Perspektiven

Wie man es auch dreht und wendet: Die derzeitige Konstruktion ergibt als Dauerlösung für keine der beteiligten Parteien Sinn. Das gilt in besonderem Maße für Springers Belegschaft. Das Programm zum Personalabbau mit dem schönen Namen „Herkules“ wurde, so viel steht fest, nicht auf Wunsch des neuen Hauptgesellschafters aufgesetzt. Doch warum dann? Welche neuen Perspektiven werden sich nach dem harten Schnitt ergeben?

Dazu schweigt die Unternehmensspitze, sieht man mal von Bild TV ab, den neuen Bewegtbild-Aktivitäten von Springers Boulevardblatt. Doch die nimmt in der Branche kaum jemand ernst. Weil offenbar Geld für professionelle Fernsehtechnik und erfahrenes TV-Personal fehlt, bastelt sich eine Laienschar mit dem zunehmend überfordert wirkenden Bild-Chefredakteur Julian Reichelt an der Spitze mit iPhones ihr Programm. „Moderator“ sei „völlig zu Recht ein eigener Beruf“, spottete der Spiegel nach Begutachtung des Bild-Talks „Hier spricht das Volk“, in dem Reichelt als Gastgeber dilettierte.

Kulturschock für Springer-Mitarbeiter

Derweil nimmt „Herkules“ Fahrt auf: Personal abgebaut werden soll in der Welt- und in der Bild-Gruppe, bei Computer-Bild ebenso wie bei Auto-Bild, beim Werbevermarkter Media Impact, beim Vertrieb Sales Impact sowie in der Holding. Zunächst versucht es Springer mit einem Freiwilligenprogramm. Sollten sich nicht genug Freiwillige finden, ließe sich wohl noch etwas mit Altersteilzeit machen. Doch am Ende des Tages, da macht sich niemand im Haus etwas vor, dürfte es bei einem Personalabbau in vierstelliger Höhe wohl kaum ohne Entlassungen gehen.

Für ein Haus, dessen Mitarbeiter den Begriff „betriebsbedingte Kündigung“ jahrzehntelang allenfalls vom Hörensagen kannten, ist das ein Kulturschock. Ein Abgang, der definitiv nicht im Zusammenhang mit „Herkules“ steht, könnte Aufschluss über den künftigen Kurs von Springer geben. Zumindest ein wenig.

Springer-Vorstandsmitglied wechselt zu KKR

Im Oktober 2019 wurde bekannt, dass das langjährige Vorstandsmitglied Andreas Wiele Springer Ende Mai verlassen wird. Er wechselt in das Senior Advisory Board von KKR. Wiele hat für Springer das Geschäft mit den digitalen Rubrikenmärkten nicht nur aufgebaut, er hat den mit Abstand profitabelsten Unternehmensbereich des Konzerns quasi erfunden.

Es dürfte weltweit kaum einen Manager geben, der sich mit digitalen Rubrikenmärkten besser auskennt als der 57-Jährige. Wie es aussieht, hat sich KKR vor allem, wenn nicht gar ausschließlich, wegen dieses Geschäftsfeldes an Springer beteiligt.