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Weihnachten ist das Fest der Freude, der Versöhnung und Vergebung. Vor allem letzteres hätten die Industrieländer nötig. Denn sie haben große Schuld – Schulden – auf sich geladen. Zeit also für ein „Giubileo“, für ein „Jubeljahr“, in dem die Sklaven befreit und Schulden erlassen werden? Wer das wünscht, muss vorsichtig sein. Denn das Weltwirtschaftssystem beruht auf dem, was angeblich keiner haben will: Schulden.

Frucht der Schuld

Der Grieche Mihalis Maillis hat ein Problem: Sein Verpackungsunternehmen ist schuldenfrei. Seit Jahren erhält es keinen Kredit mehr von den Banken. Seine Konkurrenten aus den USA hingegen borgen sich Millionen Dollar, investieren das Geld, expandieren in alle Welt und nehmen Maillis damit Marktanteile ab. Denn er ist im Nachteil – er kann nur das Geld einsetzen, das er verdient.

Schulden sind keine Sünde. Sie sind ein Instrument. So haben die 30 Konzerne aus dem Deutschen Aktienindex Verbindlichkeiten von rund 760 Milliarden Euro. Für sie ist das geborgte Geld Kapital – Fremdkapital. Sie leihen es, investieren es, bauen ihre Produktion aus und werden durch die Schulden reicher, nicht ärmer. Schulden treiben die Produktion an und schaffen ein Mehr aus dem Nichts. Das ist ihr Zweck – auch wenn der nicht immer erreicht wird.

Glaube der Gläubiger

Die Regierungen der Industriestaaten haben einen Schuldenberg von etwa 27000 Milliarden Euro aufgehäuft. Die privaten Haushalte kommen auf eine ähnliche Summe. Die Schulden der Unternehmen dürften bei 60000 Milliarden Euro liegen.

Ist die Welt also pleite? Nein. Die Gesamtverschuldung der Welt beträgt null Euro. Denn die Schulden der einen sind das Vermögen der anderen.

Jedem Schuldner steht ein Gläubiger gegenüber, der daran glaubt, dass er die verliehene Summe plus Zinsen zurückerhält. Für Gläubiger ist das verliehene Geld also Kapital – Finanzkapital. Schulden sind ihr Reichtum. Das bedeutet aber auch: Was die einen drückt, macht andere reicher. Wer an der Staatsschuld verdient, wird nicht erhoben. Große Profiteure dürften aber nur wenige sein. Darauf deutet die Verteilung des Reichtums hin: In Deutschland gehören dem reichsten Zehntel der Bevölkerung 60 Prozent des Netto-Vermögens.

Verzicht und Reichtum

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Angesichts der Schuldenlast ruft die Politik zur Bescheidenheit auf, um den Glauben der Finanzmärkte zu stärken. „Wir müssen darauf achten, dass wir zu einem Leben kommen, bei dem wir nicht dauernd über unsere Verhältnisse leben“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem ökumenischen Kirchentag.

Dabei leben „wir“ gar nicht über unsere Verhältnisse. Den deutschen Staatsschulden über rund zwei Billionen Euro stehen private Nettovermögen von rund neun Billionen Euro gegenüber, davon ist etwa die Hälfte Geldvermögen. „Wir“ sind also reich. Theoretisch.
Einsicht und Erlösung: Bundeskanzlerin Merkel hat alle Länder in Europa ermahnt, mit dem „Leben auf Pump“ aufzuhören. Mit der „Schuldenwirtschaft“ müsse Schluss sein. Stattdessen sei Sparen das Gebot der Stunde.

Doch kann es nicht funktionieren, dass alle sparen, also mehr einnehmen als ausgeben. Denn die Ersparnisse der einen sind im Kapitalismus die Schulden des anderen. Selbst das Guthaben auf dem Girokonto ist nichts anderes als eine Summe, die die Bank dem Kontoinhaber schuldet. Wenn alle versuchen zu sparen – die Staaten, die Unternehmen, die Haushalte – dann bricht die Wirtschaft zusammen.