Berlin - Julian Weselek und Julian Stiefel (beide 33) haben mit ihrem Berliner Start-up Tourlane das Reisen revolutioniert, zumindest ein bisschen. Mit ausgeklügelter Technologie und individualisiertem Service machen sie laut eigener Auskunft die Buchung komplexer Fernreisen zu einer einfachen Sache. Der Krise zum Trotz haben die bisherigen Investoren Sequoia und Spark Capital, DN Capital und HV Capital sowie die beiden Gründer das Gesamtkapital des Unternehmens inzwischen auf über 100 Millionen US-Dollar (umgerechnet etwa 84 Millionen Euro) aufgestockt. Aber nicht nur deshalb müssen sich die beiden Aufsteiger, wie Weselek im Interview zu verstehen gibt, keine Sorgen machen. Ein Gespräch über den tiefgreifenden Wandel, der in diesen Tagen in der Reise-Industrie auszumachen ist.

Hatten Sie in den vergangenen zwölf Monaten die Gelegenheit, selbst zu verreisen?

Leider nein. Corona hat die gesamte Reiseindustrie quasi von einem auf den anderen Tag zum Stillstand gebracht. Das hat meine privaten Reisepläne durchkreuzt und auch bei Tourlane zu einem kompletten Shift geführt. Eine absolute Ausnahmesituation, die für uns sehr viel Arbeit bei sehr wenig Umsatz bedeutete.

Sie waren zunächst vor allen Dingen mit dem Abarbeiten von Regressansprüchen beschäftigt.

Zwei Dinge hatten für uns zunächst Priorität: zum einen, dass wir unsere Mitarbeiter schützen, und zum anderen, dass wir all unseren Kunden eine sichere Rückreise gewährleisten. Zum Schutz unserer Mitarbeiter haben wir bereits Anfang März angeordnet, soweit möglich von zu Hause aus zu arbeiten. Bis jetzt arbeiten wir größtenteils noch im Remote-Modus. Und als dann auch im März die Grenzen dichtgemacht wurden, hat unser Team 24 Stunden am Tag daran gearbeitet, dass wir alle Kunden, die auf der ganzen Welt festsaßen, wieder zurückholen. Dass uns das ohne Ausnahme gelungen ist, macht uns schon ein bisschen stolz.

Foto: Tourlane
Zur Person

Im Jahr 2016 gründete Julian Weselek zusammen mit Julian Stiefel das Online-Reisebüro Tourlane. Die beiden kennen sich seit der gemeinsamen Schulzeit in Heidelberg. Weselek, 33, studierte in Reutlingen und London, wurde 2012 an der London School of Economics mit dem Best in Class Award ausgezeichnet. Von 2013 bis 2016 arbeitete er für Rocket Internet. Weselek lebt in Berlin, ist Vater von zwei Kindern.

Und was war mit den Regressansprüchen?

Vor der Corona-Krise lagen Stornierungen bei uns im unteren Ein-Prozent-Bereich und dann kam es plötzlich zu Massenstornierungen, auf die unsere Systeme erst einmal gar nicht ausgerichtet waren. Dabei war es für uns sicherlich von Vorteil, dass wir zum einen als Start-up ständige Veränderung gewohnt, zum anderen eine absolute Tech-Firma sind. Wir sind anpassungsfähig und haben schnellstmöglich neue automatisierte Prozesse gebaut, mit denen wir Umbuchungen und Stornierungen flexibel handeln können. Und wir haben zudem mit jedem unserer Kunden gesprochen, um individuelle Lösungen für ihre Reisepläne zu finden. Diese persönliche Beratungsleistung ist ja unser absoluter Kernansatz.

Ihre Kunden haben also nicht das Vertrauen in Tourlane verloren?

Nein, im Gegenteil. Als einer der wenigen Anbieter konnten wir unseren Score auf den einschlägigen Bewertungsportalen sogar noch verbessern. Das spricht für uns. Auch wenn sich unsere neu geschaffenen Prozesse erst noch einspielen mussten, überwog bei unseren Kunden am Ende die Dankbarkeit.

In der Reisebranche war schon vor der Corona-Krise einiges in Bewegung gekommen, diese Entwicklung wurde in den vergangenen Monaten nun noch weiter vorangetrieben.

Ja, die Corona-Krise ist ein Beschleuniger, treibt einen Trend an, der schon zuvor zu beobachten war. Ich bin mir sicher: Corona wird das Reisen für immer verändern.

Was Ihnen als Anbieter von Individualreisen womöglich in die Karten spielen wird.

Wir sehen Reisen als etwas Gutes an, für uns persönlich, aber auch für die ganze Gesellschaft. Reisen ist für uns unter anderem der Kerntreiber, um Nationalismus zu durchbrechen. Das funktioniert aber nur, wenn man in die Kultur eines Landes eintaucht. Wenn es nicht nur vom Flughafen ins Massenhotel, an den Strand, wo man nur unter anderen Touristen ist, und von dort direkt wieder nach Hause geht. Es braucht da eine gewisse Offenheit. Und inzwischen gibt es ein ganz anderes Bewusstsein beim Reisen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Leute wieder in Scharen vor der Mona Lisa stehen wollen. Wir haben Tourlane gegründet, weil es das Bedürfnis nach Individualreisen schon immer gegeben hat, die Online-Buchung dafür aber bisher sehr kompliziert war. Wir schaffen eine neue Dimension des Reisens: sehr individuell, aber dennoch einfach buchbar.

Zum Thema Kurzarbeit kann ich als Unternehmer nur sagen, dass ich für dieses Konzept extrem dankbar bin. Bei so einem externen Schock ist es sehr hilfreich.

Julian Weselek

Eine neue Dimension – das klingt ambitioniert.

Leute, die online gebucht haben, haben die einzelnen Elemente ihrer Reisen bisher auf unterschiedlichsten Plattformen gebucht. Das war nicht effizient und unheimlich aufwendig. Die Krise hat bei vielen Reisenden zudem die Frage aufgeworfen: Wer kümmert sich im Ernstfall eigentlich um mich? Corona hat uns daher in unserem Kern bestärkt: Bei uns können Reisende alles aus einer Hand buchen und haben mit unseren geschulten Reise-Experten immer einen Ansprechpartner zur Seite. Wir sind deshalb überzeugt, dass wir weiter wachsen werden. Wir sind in einer guten Position. Wir haben ein super Team, haben das Vertrauen unserer Investoren und Kapital zur Verfügung, um weiter in Technologie zu investieren. Individualisiertes Reisen funktioniert nur mit einer entsprechenden Technologie.

Sie sprechen von Technik, was ist mit den Menschen, die für Tourlane arbeiten?

Bei unserem gesamten Tech-Team haben wir während der Krise keinerlei personelle Veränderungen vorgenommen. Unsere operativen Teams, die sehr von der Nachfrage abhängig sind, haben wir hingegen größtenteils auf Kurzarbeit gesetzt, weil von einem Tag auf den anderen der Umsatz eingebrochen ist. Wir werden aber auch in diesem Bereich alle Mitarbeiter zurückholen. Zum Thema Kurzarbeit kann ich als Unternehmer nur sagen, dass ich für dieses Konzept extrem dankbar bin. Bei so einem externen Schock ist es sehr hilfreich.

Würden Sie auch tatsächlich so weit gehen wie der eine oder andere Zukunftsforscher, der den Massentourismus gar für tot erklärt hat?

So würde ich das nicht formulieren. Wovon ich aber überzeugt bin: Die Zukunft ist Individualtourismus. Auch im Hinblick auf den Klimawandel. Es geht doch nicht darum, drei- oder viermal im Jahr irgendwo hinzureisen, sondern darum, weniger, aber dafür umso intensiver zu reisen und die Welt wirklich kennenzulernen. Bei Tourlane geht es uns um bewusstes Reisen, mit Respekt und Rücksicht gegenüber den Menschen und Kulturen vor Ort. Deshalb haben wir uns auch mit unseren Partnern in den jeweiligen Ländern entsprechend aufgestellt. Wir arbeiten direkt mit Partnern vor Ort zusammen, die wir bestmöglich unterstützen wollen. Für viele unserer Zielländer ist der Tourismus der größte Wirtschaftszweig. Daher ist es wichtig, dass ein Großteil des Geldes auch im Land bleibt. Das ist die Zukunft.

Was will Tourlane gegen den Klimawandel tun?

Nachhaltigkeit spielt bei uns eine große Rolle. Wir haben schon vor zwei Jahren damit begonnen, die Emissionen unserer Reisen mit entsprechenden Projekten vollständig zu kompensieren. Und das nicht auf dem Rücken unserer Kunden, sondern als Investment von Tourlane. Auch weil wir der Überzeugung sind, dass ein Reiseunternehmen so etwas leisten muss. Wir wollen bei dieser Entwicklung ein Treiber sein, auch wenn wir dabei erst am Anfang sind.

Individualreise klingt nach einem kostspieligen Vergnügen, nach Luxus.

Bei Tourlane können wir auf die unterschiedlichen Budgets eingehen. Unser Spektrum reicht etwa von der Zwei-Wochen-Südafrika-Reise für 2000 Euro bis hin zur Botswana-Fly-in-Safari für 40.000 Euro. Das richtet sich ganz nach den Wünschen unserer Kunden. Eine Südafrika-Reise besteht beispielsweise aus einem Flug, unterschiedlichen Unterkünften und aus den Aktivitäten vor Ort – dafür braucht es ein gewisses Budget. Wir stehen nicht für eine bestimmte Preiskategorie, sondern vielmehr für eine bestimmte Art des Reisens.

Wie wird sich das in den kommenden Wochen entwickeln? Aufgrund der Sicherheitsbedenken wird es doch erst mal eher zu einem regionalen Tourismus kommen, oder etwa nicht?

Reisen hat für die Menschen derzeit einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Das ist das, was die Menschen am meisten vermissen. Wie sich übrigens bei einer repräsentativen Umfrage, die wir Ende letzten Jahres mit 1200 unserer Kunden gemacht haben, gezeigt hat. Klar, deutscher oder europäischer Tourismus hat im Sommer vergangenen Jahres tatsächlich geboomt, aber einen nachhaltigen Trend, der auch nach den Reisebeschränkungen anhalten wird, sehe ich darin nicht. Dadurch, dass es derzeit einfach nicht möglich ist, wirklich weit zu reisen, glaube ich, dass Fernreisen einen richtigen Boom erfahren werden, sobald es wieder zu Lockerungen kommt. Entscheidend ist dabei aber sicher erst einmal, wie die einzelnen Länder das Infektionsgeschehen im Griff haben.

Gibt es trotz aller Probleme bei der Organisation einer weitgreifenden Impfung der Bevölkerung in Deutschland schon Anzeichen für eine erste Buchungswelle?

Momentan sehen wir, dass die Nachfrage nach Reisen noch gering ist. Aber das wird sich in den nächsten Monaten schnell wandeln. Ich habe kürzlich erst mit einem unserer Investoren aus den USA gesprochen. Da hat sich die Situation schon wieder komplett gedreht. Dort buchen schon wieder alle wie verrückt, eben weil man bei den Impfungen schon auf einem ganz anderen Level ist. Jetzt braucht es eben auch noch in Deutschland diese externe Stabilität, dann wird auch hier eine große Buchungswelle einsetzen. Der Nachholbedarf beim Reisen ist nämlich enorm.

Tourlane ist also in gewisser Weise beim Restart des Tourismus in der Pole Position. Die großen Touristik-Unternehmen müssen hingegen schleunigst ihr Programm korrigieren. Haben Sie ein klein wenig Angst, dass Ihre Nische schon bald keine Nische mehr ist, also die großen Touristik-Unternehmer zu direkten Konkurrenten werden?

Angst habe ich nicht, Angst würde mich auch zu falschen Entscheidungen verleiten. Wir konzentrieren uns auf uns. Wir machen das, wovon wir überzeugt sind – und damit sind wir bisher immer gut gefahren.