Kreuzberg vs. Google

Was passiert, wenn Techfirmen die Lage in der Stadt falsch einschätzen, konnte man gut beobachten, als Google das ehemalige Umspannwerk in Kreuzberg anmietete, um dort einen Campus zu eröffnen. Auf einmal wurde in Berlin viel über die Obdachlosen in San Francisco diskutiert – und was Google damit zu tun hat.

Dabei hatte Google nie vor, in Kreuzberg eine Firmenzentrale zu eröffnen. Der Campus sollte ein sogenannter Accelerator mit einem knappen Dutzend Mitarbeitern werden, ein Ort also, wo Start-ups ein Mentoring-Programm durchlaufen und Investoren kennenlernen können.

In den vergangenen Jahren hat eine ganze Reihe Konzerne solche Hubs in Berlin eröffnet, von Lufthansa über SAP bis Daimler. Es ist der Versuch, die Schnelligkeit und die Innovationsfähigkeit von Start-ups für das eigene Unternehmen zu nutzen. Und niemand störte sich groß an diesen Hubs und Inkubatoren. Aber in Kreuzberg, einem der härtesten Immobilienmärkte der Welt, wo Bürgerinitiativen und Anwohner derzeit erbitterte Kämpfe gegen Investoren führen, schrillten bei dem Namen Google sofort alle Alarmglocken.

Der Konzern war der perfekte Feind. Weil er für alles steht, was linke Gruppierungen in Kreuzberg ablehnen: einen entgrenzten Kapitalismus, die Missachtung von Datenschutz und Privatsphäre, eine Konzernmacht, deren Dimension kaum zu begreifen ist.

Protest mit Töpfen und Pfannen

Die Protestgruppen nannten sich „Google ist kein guter Nachbar“ und „Fuck Off Google“ und beschlossen, von denen zu lernen, die schon seit Jahren neben Google leben. Sie luden eine Aktivistin aus Kalifornien ins SO36, es war voll, und die Frau berichtete von Robotern, die Obdachlose verscheuchen und von Anwohnern mit BBQ-Soße beschmiert werden, und von ihren Blockaden der Google-Busse. „Ihr müsst euch Google in den Weg stellen“, sagte sie.

Jeden Freitag standen Anwohner also vor dem Umspannwerk und schepperten mit Pfannen und Töpfen. Es gab Demos und Aufkleber, Webseiten und digitale Unterschriftenlisten. Im September wurde das Umspannwerk für einen Nachmittag lang besetzt. Im Oktober verkündete Google, doch keinen Campus mehr eröffnen zu wollen, und übergab das Gebäude an Betterplace und Karuna, zwei gemeinnützige Organisationen.

Vor zwei Jahren war der Campus von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller mit den Worten begrüßt worden, es sei „ein großer Tag“ für die Stadt; nach Googles Rückzug sprach die CDU von einem „schweren Rückschlag für den Wirtschaftsstandort Berlin“.

Dass Google nach wie vor ein Büro Unter den Linden hat und gerade ein weiteres in der Tucholskystraße aufmacht, dass es nur einen Kilometer Luftlinie vom Umspannwerk mit der Factory bereits einen großen Accelerator gibt, dass Betterplace und Karuna auch Start-ups sind, nur eben mit sozialem Engagement als Arbeitsfeld – all das ging in der Debatte verloren.

Sinnvoll? Sozial? Nachhaltig?

„Der Hype um Start-ups lenkt von der Frage ab, wie sinnvoll oder notwendig das jeweilige Start-up ist, ob es ein guter Arbeitgeber ist, sozial und ökologisch nachhaltig agiert“, sagt Hergen Wöbken, der Leiter des IFSE. „Wir müssen schon genauer hinschauen und uns fragen, was wir uns gesellschaftlich für unsere Stadt wünschen.“ Nicht jedes Start-up sei per se gut für Berlin.

Dann kam eine Woche später die Nachricht, dass Siemens in Spandau einen Innovationscampus für 600 Millionen Euro bauen wird, und der verhinderte Google Campus war vergessen. Ein neues Stadtviertel soll dort entstehen, mit eigenem U-Bahn-Anschluss und Wohnungen auf 200.000 Quadratmetern.

Eine der wenigen, die sich in diesen Tagen nicht jubelnd zu Wort meldeten, war die Linken-Politikerin Katalin Gennburg. Bevor sie bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus vor zwei Jahren der SPD überraschend den Bezirk Treptow-Köpenick abnahm, war sie Stadtforscherin. „Es ist eine alte Tradition im Kapitalismus, dass finanzkräftige Akteure gerne Stadt bauen wollen“, sagt sie. Für sie geht es dabei nicht nur um Gentrifizierungsprozesse, nicht nur darum, dass nicht abzusehen ist, welchen Einfluss ein Innovationscampus von Siemens auf die noch niedrigen Mieten in Spandau haben wird. Techfirmen, sagt Gennburg, sind mehr als nur ein weiterer Faktor, der den Druck auf die Innenstädte erhöht. „Es geht darum, was eine Stadt eigentlich ist und in Zukunft sein soll.“

Katalin Gennburg hat den Posten der Sprecherin für Smart City in ihrer Partei übernommen. Weil sie von Berlins altem Smart-City-Konzept nichts hielt, sagt sie, und gerade deshalb darauf Einfluss nehmen wollte. Siemens profitiere als Produzent von Technologien rund um die vernetzte Stadt in allererster Linie selbst davon, ein Stadtviertel zu bauen, in dem es diese Technologien gleich erproben kann, sagt sie. „Dieser Campus wird eine Dauerausstellung für Siemens’ neueste Smart-City-Produkte.“

Techfirmen bauen Stadt

Alle großen Techkonzerne steigen gerade in dieses Geschäft ein. In Menlo Park entsteht neben der alten Facebook-Zentrale ein Viertel namens Zee-Town (wobei das „Z“ für „Zuckerberg“ steht), Amazon hat vor ein paar Tagen riesige Grundstücke in New York und Virginia gekauft, auf denen neue Zentralen mit mehr als 50.000 Mitarbeitern entstehen sollen. Und Google zieht auf einem alten Hafengelände in Toronto ein ganzes Viertel namens Quayside hoch.

Um Quayside ging es ständig bei den Protesten gegen den Google Campus. Entworfen haben dieses Viertel die Planer von Sidewalk Labs, eine Tochterfirma von Googles Dachorganisation Alphabet. Die Idee ist eine komplett vernetzte, smarte Stadt, die sich im Grunde selbst steuert und verwaltet, getrimmt auf äußerste Effizienz. Die Straßen werden auf die Bedürfnisse von selbstfahrenden Autos abgestimmt sein, Sensoren registrieren die Fußgängerbewegungen und passen die Ampelschaltungen daran an; die Mülltonnen trennen den Müll selbst und stellen die Entsorgung automatisch in Rechnung; die Liegestühle am Ufer lassen sich per App reservieren.

Ein Fuß in der Tür?

In Kreuzberg geisterte Toronto durch die Debatten, als Orwell’sches Horrorszenario, als Beispiel für Googles Allmachtsfantasien von einer totalüberwachten Stadt, in der der Konzern jede Bewegung der Bewohner tracken und speichern kann. Und in der Algorithmen eine Stadt lenken statt Menschen.

Und selbst wenn Quayside nur knapp fünf Hektar groß ist – das ist nur ein Zehntel des Wrangelkiezes –: Alphabet hat bereits die 325 angrenzenden Hektar Land gekauft, außerdem den Chelsea Market in Manhattan und ein Grundstück in der Bay Area bei San Francisco. Wäre ein Google Campus in Kreuzberg also nur der Fuß in der Tür?

Man konnte diesen Gedanken hysterisch finden. Erst mal aber ist es interessant, dass man in dieser Debatte am Landwehrkanal beginnen und an der Toronto Waterfront enden konnte, dass beides also irgendwie doch zusammenhängt, nämlich mit der Frage: Wollen wir in Zukunft in einer Stadt leben, wie sie sich Techfirmen vorstellen?

„Urbanität entsteht durch das Unvorhergesehene, den Zufall, das Unfertige“, sagt Felix Hartenstein, „die Zukunftsbilder, die wir bei Techfirmen sehen, sind dagegen geprägt von unternehmerischem Denken und einem technokratischen Verständnis von Stadt.“ Was dabei aus dem Fokus gerät, ist eine gesellschaftliche Diskussion darüber, wie das Zusammenleben in Zukunft eigentlich aussehen soll. Bei den Kreuzberger Protesten wurde die zumindest immer wieder angestoßen.

Die Krux ist: Techfirmen haben, was Städten derzeit fehlt: die Visionen, das technische Know-how, vor allem aber Geld. Die Städte rennen also immer hinterher. Viele Techfirmen arbeiten nach einer Maxime, die Facebook am schönsten auf den Punkt bringt: Go in and break things. Was man wohlwollend vielleicht so übersetzen kann: einfach machen.

Scheitere schnell, scheitere oft

Was dann passiert, hat man bei Uber gesehen, bei Airbnb, beim Carsharing, bei den unzähligen Anbietern von Leihfahrrädern. Mit ihren langsamen Verwaltungen müssen Städte oft erst herausfinden, unter welche Gesetze diese Innovationen fallen. Oder erst ganz neue Gesetze schaffen, die das fassen, was es vorher noch nicht gegeben hat. Dann sind in Berlin schon 26.000 Wohnungen bei Airbnb gelistet. Und dass Berlins Antwort darauf „Zweckentfremdungsgesetz“ heißt, ein Wort mit 17 Konsonanten, sagt viel. Taxifahrer machen in Tegel derweil Jagd auf Uber-Fahrer, die illegale Fahrten anbieten; Carsharing sorgt dafür, das zeigte jüngst eine Studie, dass nicht weniger, sondern mehr Autos durch die Stadt fahren; und an jeder Straßenecke stapeln sich die Leihfahrräder.

Aus der Sicht der Firmen macht das vielleicht alles noch Sinn. Eine andere Maxime lautet nämlich: Fail early, fail often. Scheitere schnell, scheitere oft. Was im Sinne einer Fehlerkultur, in der das Scheitern nicht als Versagen gewertet wird, sondern als Chance, ein schönes Konzept ist – wenn es um Stadtentwicklung geht, aber eher nach einem Albtraum klingt.

Und über allem steht die Frage, was eine Stadt eigentlich sein soll: Ist sie vor allem Ware und Absatzmarkt, ein Ort, den wir konsumieren und wo wir konsumieren? Und sind Effizienz und Optimierung das Wichtigste, was Städte brauchen?

Keine einfachen Antworten

Ließe sich diese Frage beim öffentlichen Nahverkehr noch recht schnell mit Ja beantworten, sieht es bei vielen anderen Dingen anders aus. Wollen wir einen Essenslieferdienst wie Deliveroo, wenn dessen Fahrer ausgebeutet werden? Wollen wir Amazon, wenn der kleine Buchladen an der Ecke schließt? Wollen wir Tinder, wenn es zwar leichter wird, einen One-Night-Stand zu haben, die Menschen aber gleichzeitig immer einsamer werden?

Die Antworten sind nicht leicht zu haben, so viel ist klar. Weil sie nicht nur von Stadtplanern kommen müssen, sondern auch von jedem einzelnen, der sich seinen Alltag mit den Apps und Dienstleistungen und Technologien vermeintlich leichter macht.

Die Linken-Politikerin Katalin Gennburg sagt: „Wir müssen dringend eine eigene Vorstellung davon entwickeln, wie die Stadt der Zukunft aussieht.“ Dazu gehört für sie auch, nicht eine Firma wie Google Berlins Kreativität abschöpfen zu lassen, sondern selbst, als Stadt, kommunale Fablabs zu eröffnen. Oder über Algorithmen nachzudenken, die die Stadt smart machen, aber gleich so programmiert sind, dass sie nicht als Überwachungsinstrumente benutzt werden können, eine Art ethisch-korrekte Software also.

Und wer nicht glaubt, dass es dringend Zeit ist, sich über all das Gedanken zu machen, der geht vielleicht einfach mal im neuen Quartier an der East Side Gallery spazieren. Dort ist übrigens auch die Post aus der Skalitzer Straße hingezogen.