Angesichts des Start-up-Booms und des wirtschaftlichen Aufschwungs in der Hauptstadt hat Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) vor übergroßem Optimismus gewarnt. Ob Berlin goldene Jahrzehnte bevorstünden, wie das Forschungsinstitut DIW prognostiziert, müsse sich noch herausstellen. „Das erinnert mich ein bisschen an die Situation nach der Wende, als die große Wirtschaftseuphorie ausbrach“, sagte Müller am Freitag auf einer Veranstaltung des Bundesverbandes Deutscher Start-ups in den Räumlichkeiten der Investitionsbank Berlin (IBB).

Gekommen ist es bekanntlich anders. Entgegen den Erwartungen verlegte kein großer Dax-Konzern seine Zentrale in die Hauptstadt. Im Gegenteil: Die ohnehin rar gesäte Großindustrie wanderte aus Berlin weiter ab. Die Zahl der Arbeitslosen stieg dramatisch und der wirtschaftliche Aufschwung ließ auf sich warten.

Enormes Potenzial

Mittlerweile hat Berlin die Trendwende längst geschafft – auch wegen seiner blühenden Start-up-Szene. Müller betrachtet dies auch mit als ein Verdienst seines Amtsvorgängers und Parteifreundes Klaus Wowereit, der dafür die richtigen Weichen gestellt habe: „Statt vergeblich zu versuchen, große Konzerne in Berlin anzusiedeln, hat er auf die Förderung der Kreativwirtschaft und der Wissenschaft gesetzt. Er wurde dafür anfangs scharf kritisiert. Dieser Weg hat sich aber als richtig erwiesen“, sagte Müller.

Das Ergebnis: Heute arbeiten laut Müller mindestens 60.000 Menschen im Start-up-Bereich. Andere Schätzungen gehen sogar von bis zu 100.000 Beschäftigten aus. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil die Szene so stark wächst: Die IBB geht davon aus, dass in den nächsten 15 Jahren 270.000 zusätzliche Arbeitsplätze in der Berliner Digitalwirtschaft entstehen.

"Das ist eine Erfolgsgeschichte"

„Inzwischen wird Berlin als Stadt der Arbeit und der Wirtschaft wahrgenommen“, sagte Müller. Das Potenzial der Stadt sei enorm, weil es ideale Bedingungen für Gründer gebe: „Berlin bietet gutes Leben, noch immer bezahlbares Wohnen, ein hervorragendes wissenschaftliches Umfeld und glänzende Jobperspektiven“, sagte Müller. Mittlerweile seien auch viele große Konzerne hier vertreten – zwar nicht mit ihren Konzernzentralen, aber mit ihren Zukunfts- und Forschungsabteilungen. „Fast jede Woche gibt es in diesem Bereich eine Neuansiedlung“, sagte Müller. „Das ist eine Erfolgsgeschichte.“

International gelte Berlin heute als die europäische Start-up-Metropole. Und da sich der Senat nicht auf den Lorbeeren ausruhen wolle, werde er die Digitalwirtschaft weiterhin unterstützen, unter anderem mit sogenannten City-Labs, also Begegnungsstätten für Start-ups, Wissenschaftler und „normale“ Berliner Bürger. „Wir wollen, dass der Funke überspringt“, sagte Müller. Allerdings stellte er klar: „Wir schauen uns schon sehr genau an, welche Projekte wir unterstützen. Nur weil eine Idee von einem Start-up kommt, muss sie nicht gut sein.“

41 Prozent der Firmen fühlen sich digital gut gerüstet

Die weitere wirtschaftliche Entwicklung Berlins wird nach Ansicht der Industrie- und Handelskammer auch davon abhängen, wie die Unternehmen die Chancen der Digitalisierung nutzen können. Laut einer am Freitag vorgestellten Studie schätzen 41 Prozent der hier ansässigen Firmen ein, dass sie in dieser Hinsicht bereits weitgehend gerüstet sind. Das liegt über dem Bundesschnitt von 27 Prozent. Gefragt wurde, in welchem Umfang digitale Technologien eingesetzt und digitale Kommunikations- und Absatzkanäle genutzt werden. Fast ein Viertel der Unternehmen erwirtschaftet heute schon mehr als 50 Prozent der Umsätze über digitale Kanäle – ein weiteres Viertel aber Null Euro.

IHK-Geschäftsführer Jan Pörksen riet eher traditionellen Wirtschaftszweigen zum Austausch mit digitalen Start-ups, auch über Branchengrenzen hinweg. Das könne helfen, neue Perspektiven für das eigene Geschäft zu erkennen. Allerdings müsse auch die digitale Infrastruktur in der Stadt verbessert werden.