Berlin - Ob Vorstand, Bundestag oder Chefetagen – über der sogenannten Gläsernen Decke arbeiten vorranging Männer. Nur wenige Frauen stoßen durch diese Decke hindurch.

Frauen, denen das zu zermürbend erscheint, könnten sich ja einfach selbstständig machen und ein eigenes Unternehmen gründen, um diese alten Machtstrukturen gleich vorab zu umschiffen. Alles ganz einfach, also? Nicht unbedingt.

Denn auch hier sind sie mit Vorurteilen konfrontiert, die den Weg holprig machen. Zwar gibt es in Deutschland inzwischen rund 40 Prozent Frauen, die ein Unternehmen gründen. Aber in der Startup-Szene sieht es bislang noch ganz anders aus: Nur knapp 15 Prozent Gründerinnen in der Startup-Szene gibt es in Deutschland.

Zu diesem Ergebnis kommt der Deutsche Startup Monitor 2017. Zwar wächst der Anteil stetig, aber eben sehr langsam. Berliner Startups weisen dabei mit 16,2 den höchsten und Hamburger und Münchner Startups mit  je 10,5 Prozent den niedrigsten Frauenanteil auf.

Auch bei den populären Startups  sind Frauen unterrepräsentiert. So sitzt zum Beispiel  beim Essenslieferant DeliveryHero  keine einzige Frau im Vorstand oder im Aufsichtsrat, auch bei der Startup-Schmiede Rocket Internet bekleiden diese Posten nur Männer. Im neunköpfigen Zalando-Aufsichtsrat sitzen immerhin zwei Frauen.

Auch das Silicon Valley ist eine Männerbastion

Das ist längst kein typisch deutsches Phänomen, auch das Silicon Valley ist eine Männerbastion. Dort  sind nur zehn Prozent der Manager weiblich. In der Schweiz sind es etwa neun Prozent. In Großbritannien und Griechenland immerhin  30 Prozent.

Dieses Ungleichgewicht zeigt sich schon früh: So bewarben sich zum Beispiel beim Businessplanwettbewerb Startup Teens, bei dem  Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren eine eigene Startup-Idee einreichen können, nur ein Viertel Mädchen.

Vor allem im  Bereich der Digital- und Hightech-Szene fehlen Frauen. Claudia Große-Leege, Geschäftsführerin des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU),  erklärt das so: „Zum einen ist es so, dass in den sogenannten Mint-Berufen Frauen weniger präsent sind.  Zudem höre ich immer wieder von Gründerinnen, dass die Start-Up-Szene von einer Macho-Kultur geprägt ist, in der alte Mechanismen eine Rolle spielen.“

Und das hat Folgen. Denn die alten Hierarchiemechanismen führen gerade bei Unternehmensgründungen eine entscheidende Rolle. „Die unbewussten Vorurteile herrschen auch noch im Bereich der Finanzierung vor, vielleicht inzwischen weniger in der institutionellen Finanzierung als im Bereich des Risikokapitals“, weiß Große-Leege.

Gerade Jungunternehmerinnen sind oft auf sogenanntes Venture Capital (VC) angewiesen, das zwar für die Geldgeber hohe Risiken birgt, aber bei Erfolg  des Startups ebenso hohe Renditen bringen kann.

Für viele Gründerinnen liegt genau hier ein Problem: Forscher der Universität Harvard haben in einer Studie in Schweden herausgefunden, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts  weniger Risikokapital erhalten als Männer.

So wurden von Kapitalgebern die gleichen Charaktereigenschaften bei Männern positiv und bei Frauen negativ bewertet: Einer arroganten oder aggressiven Frau wurde ein emotionales Defizit unterstellt, während diese Attribute bei Männern positiv ankamen.

Frauen fühlen sich durch Investoren benachteiligt

Die Folge: Frauen erhielten durchschnittlich nur ein Viertel der Summe, die sie benötigten, Männer doppelt so viel. 53 Prozent der Frauen bekamen gar keine Finanzierung. Dagegen wurden nur 38 Prozent der Männer mit ihrer Gründungsidee abgewiesen. 

Eine Studie des des Vodafone Instituts für Gesellschaft stützt die Erkenntnisse aus Schweden: Bei einer Umfrage bei Gründerinnen in der Digitalgesellschaft in Deutschland fühlten sich 62 Prozent der Frauen durch Investoren und Kreditgeber benachteiligt.

Verschärft wird das Problem, weil die Kapitalgeber meist Männer sind. In der Forbes Midas Liste, die jedes Jahr die 100 Top-Investoren auszeichnet, waren 2017 gerade mal sieben Frauen in der Auflistung dabei. 

Janina Mütze kennt die Szene. Sie hat das erfolgreiche Startup Civey mitgegründet, ein repräsentatives Umfrageinstitut, das Ergebnisse in Echtzeit liefert. Zuvor vertrat die Volkwirtin die Interessen von Venture-Capital-Investoren in Berlin.

Ein gutes Netzwerk ist wichtig

Sie weiß aus ihren Erfahrungen heraus, dass Kapitalgeber dazu neigen, „in ihre eigene Peer zu investieren, weil man die besser versteht“. Das sei genauso wie bei Bewerbungsgesprächen. Kurz gesagt: Männer fördern Männer, weil sie sie besser verstehen.

Als die Unternehmerin Civey gründete, war sie zu zweit. Ihr Co-Gründer: Ein Mann. Dieser Fakt – aber ebenso ihr gutes Netzwerk – habe vieles erleichtert. „Man muss ja auch nicht alleine gründen“, rät Unternehmerin anderen Frauen.

Wichtig sei aber, überhaupt mal den Schritt zu wagen. „Wenn man Frauen nicht selbst zum Gründen bekommt, werden sie auch selten als Risikokapitalgeber präsent. „Das ist ein Kreislauf“,  betont Mütze.

Schlechte finanzielle Bildung

Doch hinzu kommt auch ein anderes Phänomen: In 135 von 144 untersuchten  Ländern wissen Frauen weniger über Finanzen als Männer. Zu diesem Ergebnis kam das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Frauen in Deutschland und den USA schneiden bei Tests zur finanziellen Bildung schlechter ab als Männer ab – auch diejenigen mit hoher Allgemeinbildung oder Alleinstehende.

„Die Politik sollte versuchen, die Finanzbildung im Allgemeinen und besonders von Frauen zu verbessern“, fordert die Studienautorin Antonia Grohmann. Zusätzlich sollte sich der Schulunterricht mehr mit Finanzbildung befassen und dabei ein besonderes Augenmerk auf Mädchen gerichtet werden, um ihr Selbstvertrauen in diesem Feld zu stärken.

Mit dem Vater zur Beratung

Barbara Rojahn ist Frauen-Finanzberaterin. Sie berichtet zum Beispiel, dass selbst Frauen mit Mitte 30 gemeinsam mit ihrem Vater zu ihrer Beratung kämen.  „Am Ende ist es auch der Vater, der dann entscheidet“, erzählt  sie.

Es braucht Vorbilder, von denen junge Unternehmerinnen lernen können, damit sie sich trauen und präsenter werden. So wie Doreen Huber. Sie hat mit 23 Jahren ihr erstes eigenes Unternehmen gegründet. Mit Eigenkapital.  Heute leitet sie das Berliner Startup Lemoncat, das Catering an Firmen vermittelt und führend auf dem deutschen Markt ist.

Neun Millionen Euro Kapital hat das Startup innerhalb dieser anderthalb Jahre von Investoren erhalten, unter anderem vom internationalen Venture Capitalist Northzone. Den Deal handelte übrigens eine Frau aus.

Es gibt sie also auch: Weibliche Geldgeberinnen. „Ich weiß aus meinen Erfahrungen, dass dieses Thema gerade Konjunktur hat. Investoren wollen mehr Frauen in ihre Teams holen“, sagt Huber.

Huber setzt auf gemischte Teams und rät Gründerinnen ebenfalls dazu, sich gerade zu Beginn Partner zu suchen. Ehrgeiz, Mut, Selbstkritik und Selbstbewusstsein, das seien gute Voraussetzungen, um als Gründerin Erfolg zu haben. Und: „Seid laut“, rät sie Frauen, die in der Branche Fuß fassen wollen.

Der Gründer-  und Investorstar Jonathan Sposato hat sich übrigens vor rund zwei Jahren die Selbstverpflichtung aufgelegt, nur noch in Unternehmen zu investieren, in denen mindestens eine Frau im Gründungsteam sitzt. Auch so kann es funktionieren.