BerlinEigentlich lief es für die bundesweit größte Friseurkette schon wieder recht gut. 2019 hatte sich Klier in die schwarzen Zahlen saniert, dafür rund 200 unrentable Filialen geschlossen. Doch dann kam Corona und schleuderte das Unternehmen mit sinkenden Umsätzen und anhaltend hohen Kosten zurück in die Verlustzone. Da half dann auch der Zehn-Millionen-Überbrückungskredit der KfW nicht mehr. Im September eröffnete Klier ein Schutzschirmverfahren, Anfang Dezember folgte die Insolvenz.

Was das für jeden der insgesamt 8500 Mitarbeiter in den derzeit noch etwa 1300 Salons in Deutschland bedeutet, ist indes nach wie vor unklar. „Alle Zahlen, die derzeit genannt werden, sind Spekulationen“, heißt es in der Wolfsburger Unternehmenszentrale. Daran wolle man sich nicht beteiligen. Ein Insolvenzplan werde zurzeit erarbeitet und solle „noch im Januar“ bei Gericht eingereicht werden. Ende Februar muss dann eine Gläubigerversammlung über den Sanierungsplan entscheiden. Spätestens dann wird klar sein, wie viele Klier-Salons schließen müssen. Von mehreren Hundert ist auszugehen.

Die Friseurbranche gehört zu den vielen Dienstleistungsbereichen, die hart mit der Pandemie zu kämpfen haben. Im aktuellen Lockdown müssen die Salons geschlossen bleiben, der größte Teil der Beschäftigten ist auf Kurzarbeit gesetzt. Viele müssen mit Hartz IV aufstocken, weil die Löhne abseits der schillernden Welt weniger Promi-Coiffeure sehr oft und wenn überhaupt nur knapp über dem Mindestlohn liegen und davon nicht viel Kurzarbeitergeld übrig bleibt.

Bereits vor dem zweiten Lockdown klagten Unternehmen über Umsatzverluste von 30 Prozent und mehr. Einer aktuellen Branchenumfrage zufolge hat mehr als jeder zweite der bundesweit rund 80.000 Friseursalons „starke oder sehr starke Existenznöte“. „Viele Betriebe unseres Handwerks können die Belastungen einfach nicht mehr schultern“, sagt Friseurverbandspräsident Harald Esser.

Welche Auswirkungen der Lockdown auf das Geschäft von Klier hat, könne man noch nicht absehen, erklärt man auf Nachfrage. Dies hänge unter anderem vom Entgegenkommen der Vermieter und der Dauer des Lockdowns ab. Bei der Gewerkschaft Verdi ist man jedenfalls alarmiert. Sonja Austermühle, dort als Bundesfachgruppenleiterin auch für das Friseurhandwerk zuständig, rechnet mit einer Verschlimmerung der Lage. „Ich befürchte, dass der Lockdown sich auf eine Schließungsliste negativ auswirken wird“, sagt sie.

Dabei ist Klier nicht nur Klier. Das ursprünglich 1948 im sächsischen Werdau gegründete und 1954 nach Wolfsburg umgesiedelte Unternehmen ist ein Geflecht aus mehreren Marken. Mit Essanelle und Super Cut wird der Premiumbereich bedient. Frisör Klier ist die Marke für das Massengeschäft und vorrangig in Shoppingmalls angesiedelt. Hinzu kommen noch die Discounter-Label Hairexpress und Styleboxx. Kritiker werfen dem Wolfsburger Unternehmen vor, zu schnell gewachsen zu sein. Zur Klier Holding gehören auch noch Auslandsgesellschaften.

In Berlin betreibt die Klier Group insgesamt mehr als 40 Filialen mit über 200 Beschäftigten. Die meisten Salons gehören zu den Marken Essanelle und Frisör Klier. Der hiesige Markt gilt als einer der härtesten in der Republik. Laut Handwerkskammer gibt es in der Stadt genau 2486 Salons. Das sind sieben Friseurgeschäfte mehr als 2019 und im Schnitt drei pro Quadratkilometer. Wie viele Klier-Filialen im Sommer noch dazugehören werden, ist allerdings ebenso unklar. Sonja Austermühle von Verdi geht davon aus, dass in der Stadt die Schließung von „wenigstens zehn Filialen“ geplant ist.

Entscheidend dafür wird vor allem der Ausgang der Verhandlungen mit den Vermietern sein. Für Klier hängt daran die Rentabilität der Salons. „Wir wollen uns nicht an den Vermietern bereichern, aber eine angemessene Anpassung der zu hohen Mieten ist notwendig“, sagte Klier-Chef Michael Klier der Berliner Zeitung. Insgesamt würden sich die Gespräche „sehr konstruktiv“ gestalten. „Wir konnten bereits Lösungen, insbesondere mit privaten und vereinzelt auch institutionellen Vermietern finden“, so Klier. Genauere Zahlen über die Höhe der monatlichen Mietbelastungen will Klier allerdings nicht nennen. „Betriebsinterna“.

Einer der großen Vermieter im Land ist die zum Hamburger Otto-Konzern gehörende ECE Projektmanagement GmbH. Allein in Deutschland betreibt das Unternehmen 100 Shoppingcenter. Wie schon im ersten Lockdown im Frühjahr hat das Unternehmen den Händlern und Gastronomen in den Malls nun ebenfalls die Halbierung der Kaltmiete sowie den Verzicht auf Werbebeiträge angeboten – vorbehaltlich der Zustimmung der jeweiligen Investoren und Banken. Dies gilt seit Mitte Dezember sowie „für mögliche weitere Lockdowns im Jahr 2021“. Laut ECE haben Investoren dem für knapp zwei Drittel der Shoppingcenter zugestimmt.

Darüber hinaus werden in Hamburg direkte Verhandlungen mit der Klier Group bestätigt. In den insgesamt acht Berliner ECE-Malls, zu denen etwa das Eastgate, das Ring-Center oder die Potsdamer Platz Arkaden gehören, ist Klier mit insgesamt 14 Filialen vertreten und dortiger Mieter.

Man habe für alle Standorte ausführliche und detaillierte Gespräche zum Weiterbetrieb der Filialen geführt, heißt es in Hamburg. Teils sei es dabei auch um Vertragsverlängerungen zu angepassten Konditionen gegangen und man sei sich bereits für nahezu alle Standorte einig geworden. ECE-Sprecher Lukas Nemela erklärt: „Die Vereinbarungen umfassen oftmals eine langfristig reduzierte Mindestmiete, die im Gegenzug zum Beispiel mit einer verlängerten Vertragslaufzeit oder einer gleichzeitig erhöhten Umsatzmiete kombiniert wird.“ Das ist das Angebot. Nun liegt die Entscheidung bei Klier.