Berlin - Die Carl Kühne AG verlagert den Anbau mittelgroßer Gurken ins Ausland, genauer nach Bosnien. Nur noch Gurken der Kategorie „dick“ sollen weiterhin aus Deutschland kommen, kündigte der auf Essig, Senf sowie allerlei Gemüse aus dem Glas spezialisierte Hersteller in der vergangenen Woche an.  Begründet wird das Aus für die heimische Normalgurke mit dem Mindestlohn, der zum 1. Januar von 8,50 auf 8,84 Euro angehoben wird. Der steigenden Personalkosten wegen rentiere sich der Anbau auf deutschen Äckern nicht mehr, teilt das Berliner Traditionsunternehmen mit.

Der Mindestlohn steigt, die Gurke geht: Man mag das für eine schlechte Nachricht halten. Die gute lautet: Kühne ist die absolute Ausnahme. „Der Anstieg auf 8,84 Euro wird nach meiner Einschätzung keine Entlassungen oder andere negativen Effekte zur Folge haben, jedenfalls nicht im messbaren Bereich“, sagt Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Seine Zuversicht bezieht Möller einesteils aus der insgesamt sehr robusten Arbeitsmarktlage, in der diese moderate Anhebung verkraftbar sei.

Kein großer Stellenabbau zu erwarten

Andernteils stützt der IAB-Forscher seine These auf alle bisher mit dem Mindestlohn gesammelten Erfahrungen. Vor der Einführung am 1. Januar vor zwei Jahren hatten Arbeitgeberverbände und Wirtschaftsforscher vor dem Verlust hunderttausender Stellen gewarnt. Der auf 8,50 Euro festgelegte Mindestlohn werde zu massiven Verwerfungen am Arbeitsmarkt führen, prophezeite der damalige Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Doch nichts davon trat ein. „All die großen Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Es hat keinen größeren Stellenabbau gegeben, die Beschäftigung ist in den letzten beiden Jahren insgesamt weiter gestiegen, die Arbeitslosigkeit zurückgegangen“, bilanziert Möller.

Negative Effekte hat es nach Erkenntnissenn der IAB-Forscher  nur in einigen Regionen Ostdeutschlands mit besonders niedrigem Lohnniveau gegeben - und selbst dort nur in geringem Umfang. Auf Basis einer Umfrage bei Unternehmen hat das IAB hochgerechnet, dass in diesen Regionen wegen des Mindestlohns 60.000 Einstellungen nicht erfolgt sein könnten. Das mag viel klingen, fällt laut Möller aber gesamtwirtschaftlich kaum ins Gewicht: Die Mehrzahl dieser nicht zustande gekommenen Beschäftigungsverhältnisse wären ohnehin Minijobs gewesen, nicht etwa Vollzeitstellen.

Mindestlohn stärkt Kaufkraft und privaten Konsum

Die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse bilden ohnehin das einzige Arbeitsmarktsegment, in dem der Mindestlohn zu einem messbaren Abbau von Arbeitsplätzen geführt hat. „Wir gehen aber davon aus, dass mindestens die Hälfte der 130.000 Minijobs, die nach Einführung des Mindestlohns verloren gingen, in sozialversicherungspflichte Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt worden sind“, sagt Möller. Vermutlich liege der Anteil noch höher, weil in vielen Fällen mehrere Minijobs zu einem regulären Beschäftigungsverhältnis zusammengelegt worden seien. Ein aus Sicht der Arbeitsmarktforscher ist dies ein durchaus begrüßenswerter Effekt, weil damit die Beitragseinnahmen der Sozialsysteme wie auch die Rentenansprüche der Beschäftigten steigen.

Auch mit Blick auf das volkswirtschaftliche Wachstum hat der Mindestlohn zuträgliche Wirkung. Denn rund vier Millionen Menschen haben unmittelbar vom Mindestlohn profitiert. Andere Schätzungen gehen von bis zu fünf Millionen Beschäftigten aus, deren Arbeitseinkommen durch den Mindestlohn gestiegen ist. Um den Lohnabstand zu einfachen Tätigkeiten zu wahren, haben laut IAB teils auch Beschäftigte, die schon vor der Einführung des Mindestlohns 8,50 Euro oder mehr verdienten, eine Lohnerhöhung erhalten. Dazu heißt es in einer aktuellen Analyse der Deutschen Bank, der Mindestlohn habe die Kaufkraft und damit den privaten Konsum gefördert. Der wiederum ist seit Monaten wichtigste Stütze der Binnenkonjunktur.

„Mindestlohn hat sich bewährt“

In manchen Bereichen dürfte der Mindestlohn sogar zum Aufbau von Arbeitsstellen beigetragen haben. „Der sehr starke Beschäftigungsaufwuchs im Gastgewerbe zum Beispiel könnte zum Teil auch darauf zurück zu führen sein, dass mehr Beschäftigte als früher wegen des Mindestlohns wenigstens hin und wieder mal Essen gehen können“, mutmaßt Möller. Der Mindestlohn hätte Gastronomiebetrieben demnach nicht nur steigende Personalkosten verursacht, sondern auch höhere Umsätze beschert. Der IAB-Chef hält dies für „zumindest plausibel“, auch wenn noch keine Daten vorlägen, die das eindeutig belegten.

Möllers Fazit: „Alles in allem hat sich der Mindestlohn bewährt.“ Bleibt die Frage, ob dessen Höhe von bald 8,84 Euro ausreichend ist.  Linken-Chef Bernd Riexinger nennt die Anhebung auf 8,84 einen „schlechten Witz“ und fordert mindestens 10 Euro. Auch Verdi-Chef Frank Bsirkse hält 10 Euro für angemessen. Und Bayern Linken-Chef Xaver Merk brachte schon eine  Anhebung auf 12 Euro ins Spiel. Solche Größenordnungen hält Möller hingegen für problematisch: „Damit könnte eine  rote Linie überschritten werden, von der an tatsächlich Beschäftigte in größerer Zahl ihre Stelle verlieren.“ Dies aber könne in niemandes Interesse sein. Forschungen zeigten, wie unglaublich wichtig der Arbeitsplatz für Wohlbefinden und Gesundheit des Menschen sei: „Selbst schlecht bezahlte Arbeit oder Ein-Euro-Jobs sind besser als Arbeitslosigkeit. Deshalb sollte man Arbeitsplätze mit überzogenen Mindestlohnforderungen nicht leichtfertig auf Spiel setzen.“