Stellenabbau bei Siemens: 800 Jobs beim Berliner Gasturbinenwerk stehen auf der Kippe

Es waren imposante Anlagen, die Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller kürzlich beim Besuch im Siemens-Werk in der Huttenstraße zu sehen bekam: meterlange Gasturbinen, tonnenschwere Gehäuse, hochwertige Schaufeln, jede einzelne mindestens im Wert eines Kleinwagens, nach oben offen. Voller Begeisterung erläuterte Siemens-Standortleiter Herbert Klausner in der mehr als 200 Meter langen Halle Produktion und technische Details – bis sich wieder einmal der Betriebsrat des Gasturbinenwerks, Günter Augustat, mit einem Zwischenruf meldete. In der Mitte der Halle sagte er trocken: „Und bis hierhin wäre alles weg an Produktion, wenn die Konzern-Pläne wahr werden“. Mitsamt Hunderten Arbeitsplätzen.

Die Konzernpläne treiben derzeit die Mitarbeiter um, oder besser gesagt auf die Straße. Siemens hat zum wiederholten Mal ein Umbau-Programm beschlossen, das mehr Rendite bringen soll und vielen Mitarbeitern den Abschied aus dem Unternehmen. Vor einem Monat machte Siemens-Chef Joe Kaeser das Streichprogramm öffentlich: Weltweit sollen insgesamt weitere 4 500 Arbeitsplätze entfallen, davon in Deutschland mit 2 200 fast die Hälfte. Am heutigen Dienstag werden bundesweit an den Siemens-Standorten die Mitarbeiter gegen die geplanten Kürzungen protestieren, auch in Berlin.

Am Standort Berlin ist insbesondere das Gasturbinenwerk betroffen. Weltklasse sind die Produkte, schon geliefert in alle Welt. Etwa 3 800 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, allein 1 000 in der Fertigung. Zusammen mit früheren Streichplänen sollen 800 Arbeitsplätze wegfallen. Das ist fast jeder fünfte Arbeitsplatz. Aber auch im Schaltwerk laufen Untersuchungen, die zu Einschnitten führen können.

Bei den Gasturbinen begründet Siemens die Unvermeidlichkeit der Reduzierungen mit der Energiewende, die Gaskraftwerke in Deutschland und Europa unrentabel macht – weswegen auf dem Festland niemand mehr solche großen Turbinen bestellt. Es kommen mächtige Kolosse aus dem Werk in Moabit: Die größten Turbinen sind 17 Meter lang, sieben Meter hoch. Es sind die leistungsstärksten der Welt. Aber die Aufträge aus Europa sind eingebrochen, in der Folge entwickelte sich ein massiver Preisdruck, sagt der Vorstand der Siemens-Sparte Power&Gas, Willi Meixner.

Das Werk in der Huttenstraße habe kein Kapazitätsproblem, sondern ein Kostenproblem, heißt es denn auch von Seiten der Siemens-Manager. Gerade erst letzte Woche machte Siemens den größten Einzel-Auftrag in der Firmengeschichte fest: Drei riesige Gaskraftwerke und bis zu 600 Windkraftanlagen werden nach Ägypten geliefert. Der Gesamtwert liegt bei acht Milliarden Euro. Der Gewinn für den Standort Berlin: Der Bau der zugehörigen 24 Gasturbinen bringt dem Werk in Moabit für zwei Jahre gute Auslastung.

Was danach kommt, ist offen. Der Markt ändert sich: Stärker nachgefragt werden kleinere Energieanlagen, und die Nachfrage kommt aus dem Nahen Osten und Asien. Dort will man auch Produktion vor Ort haben, betont Siemens.
Der Moabiter Betriebsratschef Augustat fürchtet, dass mit dem Abbau der Stellen und von Fertigungsbereichen ein Verlust an Know-how einhergeht, der dem Standort schwer schaden wird. Man brauche eine Strategie, mit der möglichst viel Fertigung am Standort erhalten bleibt, sagt er: „Was einmal an Arbeit weg ist, kommt nicht wieder“. In den USA werden auch Gasturbinen bei Siemens gefertigt, die Amerikanerin Lisa Davis zeichnet im Siemens-Vorstand seit August 2014 für den Energiebereich verantwortlich. Augustat fürchtet eine „Amerika-Orientierung“, die Berlin schaden könnte.

Die Betriebsräte werfen der Konzernführung vor allem eins vor: Strukturanpassungen würden „immer gleich und zuerst mit Personalabbau verbunden“, erklärt Olaf Bolduan, Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und Sprecher der Berliner Betriebsratsvorsitzenden: „Das ist eine rückwärtsgewandte Strategie“. Dagegen werden die Mitarbeiter beim Aktionstag auftreten. Die Beschäftigten kämen sich vor wie in einer Tretmühle: Ein Abbauprogramm jage das andere. Das Ausmaß der geplanten Streichungen im Gasturbinenwerk habe vielen Kollegen die Sprache verschlagen.

Mit dem Ägypten-Auftrag habe das Gasturbinenwerk zwei Jahre Zeit gewonnen, sagt Bolduan, „und die müsse man nutzen, um Innovationen zu entwickeln“. Man könne diesen Auftrag nur deshalb so schnell abwickeln, weil es eine große Fertigungstiefe gebe. Damit sei der Standort flexibel, zudem könne man sich am weltweit größten Siemens-Produktionsstandort untereinander mit Personal aushelfen. „Es wäre fatal, wenn diese Vorteile aufgegeben würden“.

Den Konzern werde man nicht aus der Verantwortung entlassen, sagt Bolduan. Und Siemens kann sicher sein, dass auch der Regierende Bürgermeister wieder nachfragen wird.