Berlin - Kinder verschwinden auf unerklärliche Art und Weise. Die Hintergründe dafür liegen in der Vergangenheit. Über zehn Folgen werden die Geheimnisse ganz langsam gelüftet. Das kommt einem irgendwie bekannt vor. Es gibt schon eine Reihe von Filmen, die sich dieses Themas annehmen. Nun hat der amerikanische Gigant Netflix erstmals eine TV-Serie gedreht, die in Deutschland spielt, in einer vermeintlich ganz normalen Kleinstadt. „Dark“ heißt sie und kann von Herbst an per Internet abgerufen werden.

Das alles ist kein Zufall. Denn Deutschland gilt als Markt mit enormen Wachstumschancen für Filme und Serien. Experten erwarten für dieses Jahr ein rasantes Wachstum, aber auch einen heftigen Konkurrenzkampf. Und dabei könnte ein Unternehmen die Hauptrolle spielen, das sich immer tiefer in unseren Alltag gräbt: Amazon.

Weltweit werden 314 Milliarden Dollar für Videodienste ausgegeben

Der Reihe nach: „Video-Streaming-Dienste boomen“, sagt Timm Lutter von Digitalverband Bitkom, der davon ausgeht, dass 2017 die Umsätze mit Internet-Abrufdiensten erstmals nah an die Grenze von einer Milliarde Euro kommen. Das bringt ein Wachstum von fast 18 Prozent und entspricht einem internationalen Trend. Nach den Berechnungen des US-Marktforschungsunternehmens Gartner werden 2017 gut 314 Milliarden Dollar weltweit für Videodienste ausgegeben – Bezahl-TV à la Sky ist da miteingerechnet. 2020 sollen es schon fast 360 Milliarden Dollar seien.

Der größte Profiteur dieses Trends war in der jüngeren Vergangenheit Netflix. Das US-Unternehmen hat gerade die Marke von 100 Millionen Abonnenten weltweit erreicht. Um aber die riesigen Summen für aufwendige Eigenproduktionen, die Netflix groß gemacht haben, zu refinanzieren, müssen die Nutzerzahlen auch in Deutschland weiter steigen. „Dark“ soll nun helfen, die Abonnentenkartei spürbar zu vergrößern, in der derzeit zwischen zwei und 2,5 Millionen Namen stehen sollen – Nutzerzahlen nennt der Konzern nicht. 

Die Konkurrenz auf dem deutschen Videomarkt ist groß

„Deutschland ist als größter Markt in Europa für alle Anbieter sehr attraktiv“, sagt Bernd Riefler vom Marktforschungsunternehmen Veed-Analytics. Eine wachsende Zahlungsbereitschaft sei überdies erkennbar. Doch die Konkurrenz ist groß. Neben dem linearen Fernsehen und dem Bezahlsender Sky gibt es einerseits die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen, die kostenlos und werbefrei sind. Dann gibt es die werbefinanzierten Angebote -  mit beispielsweise Youtube, den Webseiten der privaten Fernsehsender. Diese werden nach Bitkom-Hochrechnungen dieses Jahr gut 430 Millionen Euro einnehmen.

Den Internet-Streamingdiensten traut der Digitalverband einen Umsatz von mehr als 500 Millionen zu. In dieser Kategorie sind sowohl Abo-Dienste mit einer monatlichen Gebühr wie bei Netflix und Maxdome als auch Angebote zum Kaufen und Leihen von einzelnen Filme und Serien zusammengefasst – so wie es Amazon,  iTunes oder Google Play offerieren. Die Nutzung jedenfalls ist inzwischen weit verbreitet. Von den 14- bis 49-Jährigen rufen um die 90 Prozent regelmäßig bewegte Bilder ab, so eine Bitkom-Umfrage.

Amazon bastelt an einem neuen Konzept

Wer sich durchsetzt, ist völlig offen. „Fest steht, dass der Erfolg von Angeboten stark davon abhängen wird, dass den Nutzern genau das offeriert wird, was sie sehen möchten“, sagt Marktforscher Riefler. Sogenannte Empfehlungsmaschinen würden deshalb an Bedeutung gewinnen. Netflix agiert mit diesem Werkzeug recht virtuos. Die Software speichert und analysiert riesige Datenmengen und destilliert daraus nicht nur Empfehlungen für ihre Nutzer, sondern auch Inhalte für Eigenproduktionen -  das hat auch beim Konzept für „Dark“ eine entscheidende Rolle gespielt.

Auch Amazon setzt verstärkt auf diese Karte. Einerseits. Anderseits bastelt der Konzern nach Informationen von Branchenkennern an einem Konzept, das auf den ersten Blick paradox wirkt: an einem Angebot mit den guten alten Bekannten des linearen Fernsehens. Welche Sender von den Öffentlich-Rechtlichen und den Privaten eventuell mitmachen, sei noch unklar, heißt es. Indes leuchtet die Grundidee ein: Eine möglichst große Plattform soll entstehen. Die etablierten Sender sollen TV-Zuschauer anlocken, die dann zu zahlenden Nutzern des Amazon-Videodienstes gemacht werden sollen.

Kabelnetzbetreiber könnten bald Konkurrenz bekommen

Eine ganz neue Kombination aus linearem um abrufbarem Fernsehen könnte einige Eruptionen in der Branche hervorrufen. Denn damit würde Amazon unter anderem zum unmittelbaren Konkurrenten der großen Kabelnetzbetreiber Vodafone oder Unitymedia. Zumal Amazon bekannt dafür ist, viel Geld in neue Geschäftsfelder zu stecken, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste in der Bilanz.

Lutz Schüler, Chef von Unitymedia, gibt sich indes gelassen: „Unsere Geschäfte wachsen auf erfreuliche Weise“, sagte er dieser Zeitung. Die Erlöse kletterten im ersten Quartal um sechs Prozent auf 591 Millionen Euro. 52 000 neue Abonnenten kamen hinzu, Unitymedia hat jetzt rund 7,2 Millionen Nutzer. Schüler fügt indes hinzu: „Allerdings müssen wir dafür gewappnet sein, dass es künftig zusätzliche Konkurrenz geben könnte. Das bedeutet, dass wir noch besser werden müssen.“