Wenngleich Berlin in Sachen Feinstaub und Stickoxid nach wie vor ein massives Problem hat und bei der Problemlösung ziemlich ratlos erscheint, darf die Stadt bei der Kohlendioxid-Vermeidung als nationaler Vorzeigeort gelten. Denn während Deutschland seine Klimaziele voraussichtlich verfehlen und den CO2 -Ausstoß bis 2020 gegenüber 1990 nicht um die angestrebten 40, sondern wohl nur um rund 32 Prozent reduzieren wird, hatte Berlin allein bei der Stromerzeugung bereits vor vier Jahren eine Reduzierung um 46 Prozent erreicht. Konkret waren es sechs Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger, so das Statistische Landesamt. Es geht also.

Tatsächlich wird der größte Teil des in Berlin benötigten Stroms auch in der Stadt erzeugt. Mehr als 1000 Kleinst- bis Großkraftwerke gibt es hier. Sie vor allem produzieren zwei Drittel des Stroms, den die Berliner verbrauchen. Dabei ist Kohle auch in Berlin noch immer ein wichtiger Energieträger, aber nicht mehr lange. Denn während bundesweit ein Kohleausstieg im Jahr 2038 erwogen wird, ist dieser hier bereits seit fast drei Jahren beschlossene Sache.

2016 hatten sich das Land Berlin und Grundversorger Vattenfall, der in der Stadt alle Großkraftwerke sowie etwa 60 kleinere Strommeiler betreibt, auf einen Kohleverzicht geeinigt. „Bis spätestens 2030 werden wir in Berlin aus der Steinkohle heraus sein“, sagte Vattenfall-Chef Magnus Hall kürzlich in einem Interview. Bei der Braunkohle ist das bereits geschehen. Im Mai 2017 wurde am Kraftwerk Klingenberg in Rummelsburg der letzte Kohlefrachter gelöscht. Seitdem wird dort nur noch Erdgas zu Wärme und Strom gemacht. Unter dem Strich dürfte sich die jährliche Kohlendioxid-Emission allein dort mindestens halbieren. Effekt: etwa 700.000 Tonnen CO2 weniger. Eine Stadt wird rauchfrei.

Strom in Berlin: Hauptstadt hat beim Thema schmutzige Kohle einen deutlichen Vorsprung

Auch für die drei noch verbliebenen Steinkohle-Kraftwerke Reuter, Reuter West und Moabit ist der Anfang vom Ende bereits gemacht. Im zwischen Spree und Siemensstadt gelegenen Kraftwerk Reuter entsteht derzeit Deutschlands größter Power-to-Heat-Block. Knapp 100 Millionen Euro investiert Vattenfall in die Anlage, die den Steinkohlenblock des Heizkraftwerks ersetzen soll. Es ist eine Art riesiger Wasserkocher, der Strom in Wärme umwandeln soll, wenn vorübergehend zu viel Strom etwa aus Windkraftanlagen im Netz ist. „Eine effiziente und wirtschaftlich günstige Form, Energie zu speichern“, heißt es bei Vattenfall. Insgesamt will der schwedische Konzern bis 2022 zwei Milliarden Euro in Berlin investieren.

Ist also alles perfekt? „Berlin macht einiges besser, aber längst nicht alles“, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). So attestiert sie Berlin in punkto Kohleausstieg einen deutlichen Vorsprung, die Emissionen seien erfolgreich gesenkt worden. „Aber Berlin kann deutlich mehr Energiewende wagen als derzeit“, sagt die DIW-Professorin und denkt an den Ausstieg auch aus dem fossilen Erdgas. „Je schneller, desto besser.“

Tatsächlich ist der Anteil erneuerbarer Energien in Berlin gering. Wurden bundesweit im vergangenen Jahr 35 Prozent des erzeugten Stroms aus Wind, Sonne oder Biogas gewonnen, so waren es in Berlin im Jahr 2017 nicht einmal fünf Prozent. Das hat freilich Gründe, etwa dass in einer Großstadt kaum Platz für Windkraftanlagen ist. Die landeseigenen Stadtwerke haben daher auf Flächen der Berliner Stadtgüter südlich der Stadt eigene Windkraftanlagen mit einer Leistung von zwölf Megawatt installiert, die Strom nach Berlin liefern. Dennoch müsse sich Berlin mehr einfallen lassen, so Energieexpertin Claudia Kemfert: „Berlin sollte auf Biomasse setzen, die Gebäudeenergieeffizienz verbessern und insbesondere Solarenergie deutlich ausbauen.“

Über 50 Energietechnik-Unternehmen statt Strom durch schmutzige Kohle

Letzteres steht tatsächlich ganz oben auf der städtischen Energieagenda. „Solarcity“ heißt ein Masterplan, der bis zum Sommer ermitteln soll, wie viele der Berliner Dachflächen für die Photovoltaik genutzt werden könnten. Immerhin geht es dabei um ein Potenzial von insgesamt 2 400 Hektar. Jedenfalls soll „möglichst schnell“ ein Viertel des in Berlin benötigten Stroms aus Sonnenkraft gewonnen werden.

Darüber hinaus wird es um Effizienz, eine smarte Stadt und intelligente Energiesteuerung gehen. Dafür sind die Bedingungen hier gut. Schließlich gibt es in der Stadt mehr als 30 Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen, die in den Bereichen Energie und Umwelt forschen. Zudem locken die Herausforderungen neue Akteure nach Berlin.

Nach Angaben der hiesigen Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner haben sich allein in den vergangenen fünf Jahren mehr als 50 Unternehmen aus dem Bereich Energietechnik neu in der Stadt angesiedelt. Über 1000 Jobs und Investitionen von zusammen 130 Millionen Euro sind die unmittelbare Folgen. Und auch die einschlägige Start-up-Szene wächst. An fünf offenbar hoffnungsvollen Energie-Start-ups hat sich die landeseigene Investitionsbank Berlin schon mal beteiligt.