Beim Ausbau der Stromnetze geht einiges gewaltig schief – zumindest aus Sicht der Verbraucherschützer. In einigen Jahren könnten auf die Bürger zusätzliche Kosten von jährlich einer Milliarde Euro zukommen – für Infrastruktur, die niemand braucht.

Aus Sicht des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (VZBV) stimmen die Grundlagen für das gigantische Projekt der Runderneuerung der Strom-Infrastruktur nicht mehr. Dies geht aus einer Stellungnahme des VZBV an die Bundesnetzagentur zum „Szenariorahmen für den Netzentwicklungsplan“ hervor. Die Netzagentur legte den neuesten Szenariorahmen im April vor, bis zum 17. Mai konnten Stellungnahmen dazu eingereicht werden.

Kritik der Verbraucherschützer

Der Szenariorahmen ist die Basis für die Planungen des Netzausbaus. Denn dort werden unter anderem drei verschiedene Pfade für den Wandel in der Stromerzeugung in den nächsten zehn und den nächsten 20 Jahren durchgespielt. Ziel soll sein, die Infrastruktur zum Transport der Elektrizität möglichst präzise mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien zu koppeln.

Die Verbraucherschützer üben nun Fundamentalkritik: „Aus Sicht des VZBV wird keines der drei derzeit vorgeschlagenen Szenarien diesem Anspruch einer realistischen Darstellung der zukünftigen Kapazitäten gerecht“, heißt es in der Stellungnahme. Das bedeutet, der Verband fordert, letztlich die gesamte Netzplanung zu revidieren. Knackpunkt sind die Windmühlen vor der Küste. Der Ausbau der Offshore-Windenergie werde zu hoch angesetzt.

Derzeit gehen die Planungen, die jedes Jahr aktualisiert werden, davon aus, dass die Windräder auf hoher See im Jahr 2024 mindestens eine Leistung von zehn Gigawatt bringen – das entspricht etwa zehn Kernreaktoren. Die Verbraucherschützer halten es für viel wahrscheinlicher, dass in elf Jahren nur fünf bis sieben Gigawatt zur Verfügung stehen. Der Verband stützt sich dabei unter anderem auf zwei Gutachten, eines ließ die Firma Tennet erstellen, die zu den vier Betreibern der Stromautobahnen in Deutschland zählt.

Über das Aufstellen der Windräder vor der Küste wird seit geraumer Zeit diskutiert. Die Vorhaben kommen erheblich langsamer voran, als ursprünglich kalkuliert. Investoren und Banken scheuen die Risiken, die mit Offshore-Projekten verbunden sind, auch weil politische und rechtliche Vorgaben unklar sind.

Der VZBV erinnert in seiner Stellungnahme daran, dass derzeit die aktuell installierten Windräder auf hoher See gerade einmal 0,3 Gigawatt leisten. Anlagen mit 2,9 Gigawatt seien entweder in Bau oder zumindest schon finanziert. Dass bis 2024 weitere sieben Gigawatt hinzukommen, „erscheint angesichts der bestehenden Probleme beim Bau der Anlagen als ausgesprochen unwahrscheinlich“, schreibt der VZBV.

Neues Szenario gefordert

Was bedeutet das für die Planung der Stromnetze? Überkapazitäten. Die Verbraucherschützer schätzen, dass die Leitungen, die vor allem Tennet bauen soll, im Jahr 2015 etwa doppelt so viel Strom von Nord- und Ostsee ins Landesinnere transportieren können wie tatsächlich erzeugt wird. Das bedeutet, dass Kabel schlichtweg nicht genutzt und dahin gelegt werden, wo keine Windmühlen stehen.

Zwar sind funktionstüchtige Stromnetze ein wichtiger Baustein zum Gelingen der Energiewende. Aber eine überdimensionierte Infrastruktur kann das Megaprojekt diskreditieren. Denn dann geht es an den Geldbeutel der Verbraucher. Die Verbraucherschützer rechnen vor, dass sich die sogenannten Leerkosten 2021 auf mehr als eine Milliarde Euro hochschaukeln könnten. Das müsste dann über höhere Netzentgelte finanziert werden, die auf den Strompreis umgelegt werden.

Der Verband schlägt in seiner Stellungnahme der Netzagentur vor, ein neues Szenario festzuschreiben. Die prognostizierte Leistung der Offshore-Windenergie für 2024 soll mit knapp fünf Gigawatt halbiert werden. Dafür soll von merklich mehr Strom aus Photovoltaik und mehr Windstrom, der an Land erzeugt wird, ausgegangen werden. Die Netzagentur will den Szenariorahmen in den nächsten Monaten genehmigen. Daraus soll 2014 ein neuer Netzentwicklungsplan entstehen.