Berlin - Die privaten Haushalte müssen am stärksten draufzahlen: Seit dem Jahr 2000 hat sich der Preis für den Strom fast verdoppelt. Die Industrie hat es mit deutlich geringeren Aufschlägen zu tun. Stadtwerke und andere Unternehmen, die elektrische Energie weiterverteilen, kaufen heute sogar günstiger als vor 14 Jahren ein. Wir erläutern, die Mechanismen des Strommarktes.

Sind die Preise für Haushalte kontinuierlich gestiegen?

Das Statistische Bundesamt weist nach, dass es eine langsame aber erstaunlich stetige Steigerung der Strompreise gegeben hat - allerdings mit zwei Ausnahmen seit  dem Jahr 2000. Anfang 2011 und Anfang 2013 sprangen die Preise steil in die Höhe. Hauptgrund dafür war, dass zu beiden Zeitpunkten die Umlage zur Förderung der erneuerbaren Energie (EEG-Umlage), die jeden Haushalt mit seiner Stromrechnung zahlt, spürbar erhöht wurde. Besonders heftig fiel der Aufschlag von 2012 auf 2013 aus - nämlich von 3,59 Cent pro Kilowattstunde auf 5,27 Cent. 

Welche Faktoren haben die Preise zudem in die Höhe getrieben?

Aus den Daten des Statistischen Bundeamtes lässt eine klare Entwicklung ablesen: In den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende gab es nur leichte Erhöhungen. Von 2005 bis 2008 stieg im Zuge des weltweiten Konjunkturaufschwungs  das Preisniveau besonders für Unternehmen stärker. Hauptgrund dafür waren höhere Kosten für fossile Energieträger, also für Kohle und insbesondere für Gas. Infolgedessen konnte auch der Atomstrom teurer verkauft werden. Mit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise sanken auch die Nachfrage nach Kohle und Gas. Die Preise dafür gingen in den Keller. Das schlug aber vor allem beim Strompreis für Großabnehmer durch. Seit gut drei Jahren wächst die Differenz zwischen den Tarifen für Haushalte und die Industrie. 

Was ist der Grund für den geteilten Strommarkt?

Zwei Faktoren kommen zusammen. Erstens sind die staatlichen Abgaben seither deutlich gestiegen. Dazu zählt unter anderem die Stromsteuer. Vor allem aber die besagte EEG-Umlage, die mittelweile 6,24 Cent beträgt. Das bekommen vor allem die privaten Haushalte zu spüren. Energieintensive Unternehmen können sich von dieser Abgabe fast komplett befreien lassen. Zugleich führt der Ausbau der Erneuerbaren dazu, dass das Angebot an elektrischer Energie deutlich wächst, dadurch gehen die Notierungen an den Strombörsen zurück. Dies können wiederum viele Unternehmen nutzen, die ihren Strom direkt an der Börse erwerben. Am stärksten profitieren von dieser Entwicklung Stadtwerke und andere Versorgungsunternehmen, die die Energie weiterveräußern. Diese können heute billiger als im Jahr 2000 einkaufen. 

Wie teuer ist der Strom an der Strombörse?

Das Niveau ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Im Schnitt kostet die Kilowattstunde derzeit weniger als vier Cent. Strom, der nachts erzeugt wird, gibt es häufig schon für weniger als zwei Cent – das sind wohlgemerkt Preise ohne Steuern und Abgaben. Regelmäßig gibt es stundenweise sogar negative Preise: Der Erzeuger zahlt dafür, dass ihm jemand den Strom abnimmt.  Ursache ist ein Überangebot, was auch zur Folge hat, dass Deutschland inzwischen permanent Strom in die Nachbarländer exportiert.  Die Erneuerbaren speisen immer mehr Strom ein. Zugleich lassen die Betreiber von Kohle- und Atomkraftwerken ihre Anlagen kontinuierlich laufen, da ein zeitweises Abschalten  zu teuer wäre. 

Warum machen sich diese Veränderungen nicht bei den Preisen für die Haushalte bemerkbar?

Strom wird nicht nur an der Börse gehandelt. Stadtwerke beschaffen sich heute den Strom vielfach über verschiedene Wege. In der Regel wird nur ein kleinerer Teil kurzfristig über die Börse gekauft. Daneben gibt es langfristige Lieferverträge mit großen Erzeugern wie Eon oder RWE, in denen Preise über mehrere Jahre festgeschrieben werden. Für jetzt noch laufenden Vereinbarungen liegen die Preise häufig deutlich über den aktuellen Notierungen an der Börse. Die langlaufenden Liefervereinbarungen haben die Verbraucher in den Jahren 2005 bis 2008, als die Kohle und Gas sprunghaft teurer wurden, aber auch vor erheblich stärkeren Preiserhöhungen bewahrt.

Welche Rolle spielen Billigstromanbieter?

Es gibt inzwischen einen harten Wettbewerb zwischen den Billiganbietern. Allerdings getrauen sich noch immer viel zu wenig Verbraucher, den Anbieter zu wechseln – aus gutem Grund, denn es sind noch immer viele unseriöse Stromhändler aktiv. Dies bremst die Dynamik des Energiemarktes. Viele angestammte Versorger können so ihren Strom nach wie vor relativ teuer verkaufen. 

Wie lässt sich das Problem lösen?

Stromhändler selbst fordern inzwischen eine stärkere Kontrolle der Branche durch die Bundesnetzagentur – mit dem Ziel unseriösen Anbietern das Handwerk zu legen und  mehr Vertrauen für einen Anbieterwechsel zu schaffen. 

Wie werden sich die Strompreise im nächsten Jahr entwickeln?

Nächste Woche wird die Höhe der EEG-Umlage für 2015 bekannt gegeben. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wird sie auf weniger als sechs Cent gesenkt, weil  – vereinfacht formuliert – auf dem EEG-Umlagekonto ein Überschuss entstanden ist.  Dies macht es für Versorger zumindest schwer, von den Verbrauchern höhere Preise im nächsten Jahr zu verlangen. Außerdem laufen vielfach langfristige Lieferverträge aus, sie können nun mit günstigeren Preisen neu ausgehandelt werden. Die Frage bleibt aber, ob insbesondere Stadtwerke die günstigeren Einkaufskonditionen an die privaten Kunden weitergeben. Häufig nutzen kommunale Unternehmen die Gewinne aus dem Stromgeschäft, um zum Beispiel den öffentlichen Nahverkehr oder den Betrieb von Schwimmbädern zu subventionieren.