Der Stromriese Vattenfall will deutschlandweit Tausende kleine Kraftwerke in Häusern installieren, die flexibel Wärme und Strom erzeugen. Mit dem „virtuellen Kraftwerk“ von Vattenfall sollen die Schwankungen von Wind- und Sonnenkraftwerken, deren Anteil an der Stromerzeugung schnell wächst, zum Teil ausgeglichen werden. „Wir planen ein aggressives Wachstum“, sagte Projektchef Hanno Balzer der Frankfurter Rundschau. Ab diesem Sommer würden die Kraftwerke bundesweit privaten und gewerblichen Hausbesitzern angeboten. „Wir wollen zunächst jährlich mehrere Hundert Anlagen installieren, später kann es noch deutlich mehr werden“, sagte Balzer.

Gesteuert wird das virtuelle Kraftwerk von einer Schaltzentrale in Berlin, wo seit 2010 bereits rund 50 sogenannte Blockheizkraftwerke und einige Wärmepumpen versuchsweise zusammengeschaltet sind. Von der Zentrale aus können die vielen kleinen Kraftwerke jederzeit ferngesteuert werden. Die Anlagen produzieren mit ihren Motoren Wärme, aber auch Strom (Kraft-Wärme-Kopplung oder KWK) und sind deshalb besonders effizient.

„Der Clou am virtuellen Kraftwerk ist: Wir können Strom- und Wärmeverbrauch zeitlich entkoppeln“, sagte Balzer. So könne der Strom produziert werden, wenn er besonders knapp und damit an der Börse besonders teuer sei. „Das mitproduzierte, aber gerade nicht benötigte heiße Wasser wird in einem angeschlossenen Wärmespeicher zwischengelagert, bis es gebraucht wird.“ So werde zum Beispiel am frühen Abend Strom produziert und die Wärme dann über Nacht aufgebraucht. „Wir können den Wärmeverbrauch gut über einen Tag verschieben“, so Balzer.

Wärme zum günstigen Preis

Die Hausbewohner bekommen davon nichts mit. „Sie bekommen immer so viel Wärme, wie sie brauchen, zu einem sehr günstigen Preis zur Verfügung gestellt. Wir vermarkten dann den Strom auf eigene Rechnung“, sagte Balzer. Die Investitionskosten sowie die Wartung der Anlage würde Vattenfall übernehmen, die Verträge mit den Hausbesitzern liefen über zehn Jahre.

Der Stromriese Vattenfall ist nach dem Öko-Stromanbieter Lichtblick das zweite Unternehmen mit einem derartigen Angebot. Auch Lichtblick hat aber erst einige Hundert Anlangen installiert. Im Gegensatz zu Lichtblick, das eine kleine, standardisierte Anlage auf Basis von VW-Motoren in die Häuser einbaut, will Vattenfall unterschiedliche KWK-Anlagen einsetzen. „Die Anlagen werden eine elektrische Leistung von 20 bis 50 Kilowatt haben und sind in der Regel gasgetrieben“, sagte Vattenfall-Projektchef Balzer. Später könnten auch noch größere Kraftwerke eingesetzt werden, wie sie jetzt schon in der Probeanlage in Berlin eingesetzt würden. „Damit kommen unsere KWK-Anlagen für sehr unterschiedlich große Objekte in Betracht.“

Vattenfall arbeitet mit etablierten Herstellern von Kleinkraftwerken zusammen, unter anderem mit Senertec und Stiebel Eltron. Für die Steuerung der Kleinkraftwerke ist von Vattenfall ein neuer Standard eingeführt worden, der die Kosten senken soll. „Dafür haben wir eine eigene Software-Schnittstelle entwickelt“, sagt Balzer.

Viele Experten halten unabhängig von Vattenfall die Verzahnung von Strom- und Wärmemarkt für einen wichtigen Baustein der Energiewende. Denn bislang gibt es außer Pumpspeicherkraftwerken, deren Potenzial begrenzt ist, keine bezahlbare Möglichkeit, Strom zu speichern.

Wenn dennoch die Kern- und Kohlekraftwerke nach und nach abgeschaltet werden sollen, braucht es noch herkömmliche Kraftwerke, die einspringen können, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint – zum Beispiel an einem Winterabend bei Hochdruck und großer Kälte. Im Gespräch ist, für diese wenigen Stunden pro Jahr neue große Gaskraftwerke zu subventionieren. Doch die gleiche Aufgabe können zumindest in Teilen auch virtuelle Kraftwerke wie von Lichtblick und Vattenfall erfüllen, die durch die Verwendung der Wärme viel effizienter sind.

Vattenfall möchte in einigen Jahren erhebliche Stromerzeugungskapazitäten mit den Kleinkraftwerken aufbauen. „Wir planen, bis Ende 2013 mindestens 200 Megawatt Kapazität zusammengeschaltet zu haben“, sagte Balzer. Das entspricht der Leistung eines mittleren Gas-Großkraftwerks. Damit könnte das virtuelle Kraftwerk zum Beispiel bereits die Leistung von zwei kleineren Offshore-Windparks ausgleichen, wenn diese aufgrund einer Flaute keinen Strom produzieren können.