Schmallenberg im Hochsauerland ist nicht gerade der perfekte Ort für einen Industriebetrieb. Bis zur nächsten Autobahnauffahrt sind es gut 30 Kilometer, und die Bahn hat das Städtchen bereits vor 20 Jahren aus ihrem Netz radiert. Dennoch lebt hier seit dem 15. Jahrhundert das Textilgewerbe, Strümpfe machten die Stadt zum Zentrum der sauerländischen Strickindustrie. Geblieben ist davon einzig die Firma Falke, der letzte große eigenständige Strumpfhersteller der Republik.

Franz-Peter und Paul Falke führen ihn in mittlerweile vierter Generation. Zwei Männer mit Gegensätzen: drahtig der eine, kräftig der andere. Ein Tee-Genießer und ein Kaffee-Junkie, ein Limousinen-Lenker und ein Geländewagen-Freund. 1990 haben sie die Geschäftsführung von ihren Vätern übernommen. Sie sind Cousins.

Nennen wir es beim Namen: Sie betreiben Vetternwirtschaft.

Paul Falke: Aber in ihrer reinsten Form. Darauf legen wir Wert.

Franz-Peter Falke: Eigentlich eine Diskriminierung, dass der Begriff so negativ besetzt ist.

Sie empfinden es nicht so?

Franz-Peter F.: Wir begnügen uns mit dem Beweis, dass Vetternwirtschaft nicht schlecht sein muss.

Sie machen Geschäfte mit dem Wunsch nach warmen Füßen.

Paul F.: Und dem Wunsch, mit den richtigen Accessoires toll auszusehen, und dem Wunsch, beim Sport das richtige funktionale und moderne Equipment zu haben. Denn wir fertigen auch Sportbekleidung.

Aber vor allem geht es um Socken.

Franz-Peter F.: Das stimmt, nur werden Strümpfe heute nicht nur wegen ihres ursprünglichen Zwecks gekauft. Sie sind längst ein Modeartikel, ein Accessoire wie eine Krawatte oder ein Einstecktuch.

Ein schwieriges Geschäft. Männer sind farbscheu, bevorzugen meist graue Autos und schwarze Socken.

Franz-Peter F.: Das wandelt sich ganz massiv. Auch Männer entdecken die Farbigkeit.

Überschätzen Sie das nicht? Tatsächlich sind die Fußtextilien gut unter Hosenbeinen versteckt.

Paul F.: Frauen erkennen den Unterschied sehr wohl. Sie schauen erwiesenermaßen zuerst auf die Hände eines Mannes, dann auf die Beine.

Geht es bei Falke nicht ohnehin vor allem um Frauen?

Paul F.: Sie machen etwa die Hälfte unseres Geschäfts aus. Unsere Wurzeln liegen jedoch mehr im Strickstrumpfbereich insbesondere für Männer. Feinstrümpfe für Frauen kamen erst in den Fünfzigern hinzu.

Wird der Anteil zunehmen?

Paul F.: Damit ist schon allein deshalb zu rechnen, weil die Kauflust bei Frauen erheblich stärker ausgeprägt ist als bei Männern. Die Gunst der Frauen ist uns besonders wichtig, sie kaufen ja auch noch häufig für die Männer ein.

Beeinflussen Rocklängen Ihr Geschäft?

Paul F.: Nein. Aber grundsätzlich sind uns Röcke lieber als Hosen. Auch, weil sie unsere Produkte besser zur Geltung bringen.

Wie bringen Sie eigentlich Leute dazu, für ein Paar Socken einen Preis zu zahlen, für den sie anderswo ein Zehnerpack bekommen könnten?

Franz-Peter F.: Wir bringen sie nicht dazu; wir machen ein Angebot, das von unseren Konsumenten honoriert wird.

Paul F.: Und natürlich gehört Inszenierung dazu. Wir versuchen, unsere Produkte den Menschen schmackhaft zu machen.

Wie viel Geld stecken Sie jährlich in die Werbung?

Franz-Peter F.: Das werde ich Ihnen nicht verraten, aber es ist in diesem Zusammenhang auch völlig unbedeutend. Denn es suggeriert, man könnte eine Marke durch Kampagnen schaffen. Das ist nicht so. Ein Label kann man kreieren, eine Marke wächst.

Die Marke ist die Voraussetzung, um hohe Preise erzielen zu können?

Franz-Peter F.: Der Anspruch unserer Urgroßväter war es, für ihren Kunden die beste Qualität zu liefern. Das haben sie nachweislich dauerhaft getan, standen dafür mit ihrem Namen, und so wurde aus Strümpfen ein Falke-Strumpf. Also: Ist jemand zufrieden, kommt er meistens wieder.

Wie viele Ihrer Kunden kommen wieder?

Franz-Peter F.: Fast 90 Prozent kaufen nicht nur einmal bei uns.

Gibt es eine Marke, die Sie mit größtem Respekt betrachten?

Paul F.: Hermès. Die Marke gibt es seit fast 180 Jahren und diese Marke wird unglaublich konsequent und vorbildhaft geführt.

Was bedeutet konsequent?

Franz-Peter F.: Besessen zu sein bis ins kleinste Detail und alles in einer Hand zu generieren. Das ist die Besonderheit, und das vermitteln sie ihren Kunden mit allem, was ihnen zur Verfügung steht.

Machen die Franzosen es konsequenter als Apple?

Franz-Peter F.: Unabhängig von den Nationalitäten. Der Ansatz ist der gleiche, Steve Jobs hat diese Philosophie gelebt. Aber bleibt Apple weiter Kult oder rückt der Umsatz immer weiter in den Vordergrund? Die Lancierung billigerer Modelle macht mich skeptisch.

Käme für Sie eine günstigere Zweitmarke infrage?

Franz-Peter F.: Nein. Entweder man kann Top-Qualität oder nicht. Wenn man Qualität kann, dann geht nur eine. Eine eigene Billigmarke macht unglaubwürdig.

Wie ruiniert man eine gute Marke?

Franz-Peter F.: Indem man kurzfristige Ziele über die langfristigen stellt. Wenn es nur um Umsätze geht, nicht mehr um Werte, um Identität.

Da ist der besitzende Familienunternehmer im Vorteil.

Paul F.: Es gibt viele Fälle, die belegen, dass Familienunternehmer nicht automatisch die besseren Manager sind. Auf der anderen Seite wird etwa eine Marke wie Louis Vuitton sehr erfolgreich von angestellten Managern geführt.

Franz-Peter F.: Es kommt immer auf die Denke an. Grundsätzlich gilt zwar, dass die CEOs der großen Kapitalgesellschaften häufig nicht in langfristigen Kategorien denken und handeln. Dort meinen Tausende Berater, immer zu alles neu erfinden zu müssen, um mehr verkaufen zu können. Dem kann man sich aber auch entziehen, Umsatz und Ergebnis eben nicht als die alles entscheidende Größen betrachten.

Aber darum geht es doch.

Franz-Peter F.: Umsatz und Ergebnis sind Resultanten einer Leistung. Je glaubwürdiger, je differenzierter, je einzigartiger eine Leistung ist, desto erfolgreicher ist sie auch wirtschaftlich. In immer mehr Unternehmen geht es aber um nackte Zahlen, die nur immer schneller größer werden müssen.

Was bleibt dabei auf der Strecke?

Franz-Peter F.: Wenn Unternehmen nur noch zum Selbstzweck funktionieren, verlieren sie ihren gesellschaftlichen Wert, ihre eigentliche Existenzberechtigung. Wenn das dann bewusstgeworden ist, werden aktionistisch Werte- und Ethikkommissionen gebildet und wieder setzen Berater große Papiere und Analysen auf. Das erleben wir gerade.

Sie halten nichts von der neuen Besinnung der Manager?

Franz-Peter F.: Das ist vielfach aufgesetzt und nicht immer authentisch. Wir leben unsere Werte seit 1895. Es ist unser Selbstverständnis. Unternehmen müssen eine Leistung für die Menschen erbringen.

Das haben auch die Mitarbeiter der Leinefelder Textilwerke in Thüringen erwartet. Der Betrieb, von dem Sie einen Teil Ihrer Garne beziehen, musste im vergangenen September Insolvenz anmelden. Wenig später haben Sie als Hauptauftraggeber alle Bestellungen storniert. Es hieß, Sie hätten dem Unternehmen den Todesstoß versetzt.

Paul F.: Diese Reaktion ist uns unverständlich. Wir haben das Unternehmen 1997 übernommen, saniert und 2009 wieder verkauft. Damals sind wir dem Käufer weit entgegenkommen, weil wir die Leinefelder als Lieferant behalten wollten. Dann ist der Betrieb aber in Turbulenzen geraten. Da wir hochwertige Garne, wie wir sie brauchen, nicht von heute auf morgen anderswo bekommen kann, wuchs das Risiko für uns. Wir müssen natürlich dafür sorgen, dass hier unsere Maschinen laufen. Wir können doch nicht bei uns über 3 000 Jobs in Gefahr bringen, um ein Unternehmen zu retten, das mit seiner Leistung im Markt nicht mehr erfolgreich war. Das war eine reine Sicherheitsüberlegung.

Franz-Peter F.: Inzwischen scheint sich eine Lösung abzuzeichnen. Wir haben weiterhin die Abnahme von bis zu 180 Tonnen im Jahr zugesagt.

Zuvor waren es 400 Tonnen. Wie viele der Falke-Produkte kommen aus Deutschland?

Franz-Peter F.: Ein Drittel unserer Mitarbeiter beschäftigen wir hier in Deutschland.

Paul F.: In einem Strumpf steckt sehr viel Handarbeit. Alle Falke Produkte werden von Falke Mitarbeitern in Deutschland entwickelt und in Falke Werken europaweit produziert. Aber das ist auch teuer. Diese handarbeitsintensiven Tätigkeiten, ließen sich bei den Lohnkosten in Deutschland nicht umsetzen. Somit machen wir diese Tätigkeiten in unseren Werken in Serbien, Portugal, Tunesien und in der Slowakei.

Warum gehen sie nicht nach China oder Kambodscha?

Franz-Peter F.: Die Strumpfherstellung ist sehr komplex. Wir wollen eine gleichbleibend gute Qualität erreichen, das ist für uns absolut entscheidend. Am Ende ist die Produktion in Europa kostenmäßig derjenigen in Asien gleichwertig.

Sind Kosten die entscheidende Größe?

Franz-Peter F.: Es ist nicht nur eine Frage des Rechnens. Eine prosperierende Wirtschaft basiert auf Wettbewerb. Der Kostenfaktor ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Erfolgsfaktor für eine einzigartige Marke.

Ihr Großvater hat 1938 in Schmallenberg die Strickwarenfabrik des jüdischen Unternehmers Salomon Stern gekauft. Was wissen Sie darüber?

Franz-Peter F.: Alles!

Die Fabrik war schon damals ein alteingesessener und sehr bedeutsamer Betrieb …

Franz-Peter F.: Das ist richtig. Der Betrieb sollte arisiert werden, wie es damals hieß. Es gab einige, die die Fabrik haben wollten. Dann verkaufte der Inhaber Artur Stern aber an unseren Großvater. Stern und Franz Falke waren gute Schulfreunde.

Ist ein fairer Preis bezahlt worden?

Franz-Peter F.: Was kann schon fair sein in einer solchen Situation? Nach dem Krieg hat unser Großvater den Betrieb noch einmal bezahlt. Zu Artur Sterns Schwiegertochter haben wir noch heute ein gutes Verhältnis.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.