Kassenkräfte werden derzeit händeringend gesucht (Symbolbild)
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BerlinRegale im Supermarkt sind zurzeit teilweise schon morgens leer. Zwar ist die Versorgung der Bevölkerung weiterhin gesichert, es fehlt nicht an Waren. Doch Hamsterkäufe führen dazu, dass die Logistikzentren der großen Einzelhändler auf Hochtouren arbeiten müssen. Und es fehlt an Mitarbeitern. „Wir brauchen dringend Kräfte. Es ist uns jeder willkommen, der in der Lage ist, Ware richtig zu verpacken“, sagt Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. Studenten seien als Mitarbeiter besonders attraktiv, weil sie flexibel sind und schnell eingestellt werden können. Wie dringend der Bedarf ist, zeigt auch Amazon. Das Versandunternehmen erhöht bis Ende April den Bruttostundenlohn um zwei Euro und sucht 350 Voll- und Teilzeitmitarbeiter in ganz Deutschland.

Die rund 190.000 Studierenden an den Berliner Universitäten und Hochschulen horchen auf. Ihre Semesterferien wurden bis nach Ostern verlängert und tatsächlich ist das Interesse der Studenten am Jobben groß. Die Zeitarbeitsfirma für Studenten, Studitemps, berichtete jetzt, dass sich bundesweit zurzeit wöchentlich mehr als 7000 Studierende um Jobs bewerben – rund sieben Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Nachfrage ist allerdings um ein Vielfaches höher: Besonders Fahrer und Verkaufshilfen werden gesucht, sagt Studitemps, aber auch Logistikhelfer und Kassenkräfte. Insgesamt seien die Angebote für Studentenjobs um 78 Prozent gegenüber März 2019 in die Höhe geschnellt. Laut Studitemps-Mitgründer Benjamin Roos tragen die Studierenden in Corona-Zeiten mit dazu bei, „dass das Leben in den Grundzügen weitergehen kann“.

Grafik: BLZ/Isabella Galanty

Unterstützung im Fachkräftemangel

Die 29-jährige Germanistikstudentin Annekatrin Duske hat gerade in Neukölln das Homeoffice für ihren Job eingerichtet. „In der Küche, damit mein Wohn-Schlafzimmer nicht zum Arbeitszimmer wird“, sagt sie. Sie ist seit zwei Jahren Werkstudentin in der Presse- und Medienarbeit der Kommunikationsagentur Familie Redlich in Mitte. Dort wertet sie unter anderem die Resonanz auf Kampagnen aus und bereitet Pressespiegel zur Vorlage beim Kunden vor.

Auch in der Krise will die Agentur auf Duske nicht verzichten und hat ihr einen großen Rechner mit Bildschirm mit nach Hause gegeben, sodass sie einen Zugang zum Firmennetzwerk hat. Ihre Chefin, Katrin Landgraf, Direktorin bei Familie Redlich, sieht die Arbeitskraft nicht als einziges Plus, das die Studenten dem Unternehmen bringen. „Die junge, studentische Perspektive auf die verschiedenen Themen ist für uns immer spannend, ebenso auch der mal stattfindende kritische Austausch dazu“, sagt sie. Einige der Werkstudenten seien inzwischen Juniorprojektleiter geworden.

Studenten bereichern die Wirtschaft. „Sie haben eine durchaus gewichtige und zudem wachsende Bedeutung für den Arbeitsmarkt in Deutschland und in Europa“, sagt Karl Brenke, Konjunkturpolitik-Experte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Rund vier Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland sind laut Sozio-ökonomischem Panel Studenten. Eine beachtliche Zahl der Studenten übte eine qualifizierte oder gar hoch qualifizierte Tätigkeit aus, so Brenke. „Für manche Arbeitgeber dürften Studenten inzwischen unverzichtbar sein.“

Grafik: BLZ/Isabella Galanty

Das gilt besonders in den Branchen, in denen hoher Fachkräftemangel herrscht. „Studenten mit einem Händchen für IT können sich den Arbeitgeber aussuchen und neben der Uni viel dazuverdienen“, sagt Studitemps-CEO Eckhard Köhn. Das gelte sogar für Studierende, die sich die IT-Skills selbst beigebracht hätten. Sie könnten mehr verdienen als andere nach ihrer Ausbildung.

Haufenweise Nachfragen zu Entlassungen

So erklären sich die hohen Stundenlöhne, die Studitemps in einer Analyse seiner eigenen Daten errechnet hat: 15,23 Euro pro Stunde werden studentischen Softwareentwicklern und Programmierern gezahlt, aber auch Sozialbetreuer – ob im Kindergarten oder der Schulmensa – verdienen fast 15 Euro pro Stunde. Nachfrage plus Flexibilität zahlen sich aus. Der durchschnittliche Stundensatz für einen Studentenjob liegt laut Studierendenwerk Berlin bei 11,70 Euro, also weit über dem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn von 9,35 Euro.

Laut dem Studierendenwerk arbeiten die meisten Studenten, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren (68 Prozent), rund zwei Drittel wollen sich mehr leisten können (67 Prozent) und 64 Prozent wollen unabhängig von den Eltern sein. Das ist auch bei Annekatrin Duske der Fall. Da sie schon Biotechnologie studiert hat, finanziert sie sich ihren Lebensunterhalt im Zweitstudium zu 80 Prozent selbst.

Ein Verlust des Arbeitsplatzes wäre für sie schwer zu verkraften. Werkverträge geben aber keine Sicherheit. Sie unterliegen zumeist der üblichen Kündigungsfrist von vier Wochen. Beim Studierendenwerk standen diese Woche die Telefone nicht still, weil es haufenweise Nachfragen zu Entlassungen gab – vor allem in den Branchen wie der Gastronomie, in der es wegen der Corona-Prävention zu eingeschränkten Öffnungszeiten kam.