Berlin - Ins Zentrum der deutschen Zuwanderungs- und Entwicklungshilfepolitik ist die „Bekämpfung von Fluchtursachen“ gerückt.  Im Masterplan Migration, den Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) vor fünf Wochen vorlegte, stehen „Maßnahmen in den Herkunfts- und Transitländern zur Verbesserung von Lebensbedingungen und zur Stabilisierung der Sicherheitslage vor Ort“ ganz oben auf der Agenda. „Hilfe vor Ort in den Herkunfts- und Transitländern“ sei der „humanste und wirksamste Weg, Fluchtursachen zu begegnen und Bleibe- und Zukunftsperspektiven für die Menschen zu schaffen“, heißt es weiter. Es müsse der deutschen Entwicklungshilfe darum gehen, „für die betroffenen Menschen Lebensperspektiven zu schaffen und Fluchtursachen zu mindern“.

Die reichen Länder sollen den armen helfen

Die zugrunde liegende Annahme ist so simpel wie plausibel: Wenn es den Menschen gut geht, sehen sie keine Notwendigkeit, auszuwandern. In der aktuellen Zuwanderungsdebatte erscheint Entwicklungszusammenarbeit somit als Geschäft von allseitigem Nutzen: Die reichen Länder helfen den armen, den Menschen dort geht es besser, die Zahl der Flüchtlinge geht zurück. Oder, wie Seehofer 2016 formulierte: „Je restriktiver die Zuwanderungspolitik ist, desto großzügiger muss die Bekämpfung der Fluchtursachen sein.“

Nafta hat das selbe Ziel

Neu ist dieser Gedanke nicht. Schon das 1994 geschlossene Freihandelsabkommen Nafta zwischen den USA, Kanada und Mexiko zielte ausdrücklich darauf ab, die Zuwanderung aus Mexiko in die nördlichen Vertragsstaaten zu begrenzen. Der 2015 eingerichtete EU-Treuhandfonds für Afrika legte im Februar dieses Jahres drei zusätzliche Hilfsprogramme mit dem Ziel auf,  „die Ursachen für Migration zu beseitigen“. Und auch Hilfsorganisationen bedienen sich der Zuwanderungsproblematik, um die Notwendigkeit ihres Tuns zu unterstreichen. Bei Brot für die Welt etwa heißt es: „Entwicklungszusammenarbeit kann dazu beitragen, Fluchtursachen zu verringern, indem sie Armut bekämpft, Frieden fördert, die Menschenrechte stärkt und die Lebensbedingungen generell verbessert.“

Wohlstand führt zu steigenden Auswanderungszahlen

Aber kann sie das wirklich? Dieser Frage ist das Washingtoner Center for Global Development (CGD) in einer aktuellen Studie nachgegangen – mit bemerkenswerten Ergebnissen. Danach führen wachsender Wohlstand, bessere Bildung und geringere Kindersterblichkeit keineswegs automatisch zu einem Rückgang der Wanderungsbewegungen. Im Gegenteil bringt ein höherer Lebensstandard in armen Ländern zunächst einmal steigende Auswanderungszahlen mit sich. Demnach trüge die „Bekämpfung von Fluchtursachen“ faktisch zu mehr Migration bei anstatt sie zu begrenzen.

Tatsache ist, dass Zuwanderung in vielen Fällen mit steigenden Entwicklungshilfeausgaben einhergeht. In einer Studie der Universität Cambridge konnten die Autoren Sarah Bermeo und David Leblang 2015 diesen Zusammenhang klar belegen: Jeder zusätzliche Einwanderer in eines der OECD-Länder bringt für das Herkunftsland im Schnitt eine um 242 US-Dollar höhere Entwicklungshilfe. Untersuchungen aus Spanien und den USA kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Steigt die Zuwanderung, steigen die Entwicklungshilfezuwendungen an die Herkunftsländer mit dem Ziel, Wirtschaftswachstum, Bildung, Gesundheitsversorgung, Arbeitsangebote, Rechtstaatlichkeit und innere Sicherheit zu verbessern und damit den Migrationsdruck zu mindern.

Kindersterblichkeit als Indikator

Genau dies aber funktioniert so einfach nicht, wie die Washingtoner Wissenschaftler der CGD-Denkfabrik anhand internationaler Daten der UN zeigen: Erst oberhalb eines Pro-Kopf-Einkommens von rund 10 000 US-Dollar im Jahr führt weiterer Wohlstand dazu, dass mehr Menschen in ihrer Heimat bleiben. Bis zu dieser Grenze aber gehen wachsende Einkommen mit steigenden Auswandererzahlen einher. In Ländern mit Pro-Kopf-Jahreseinkommen zwischen 5000 und 10 000 Dollar machen sich laut UN dreimal mehr Menschen auf den Weg in wohlhabender Weltregionen als aus Ländern mit Pro-Kopfeinkommen unter 2000 Dollar. Ähnlich verhält es sich mit der Kindersterblichkeit, die als wichtiger Indikator für die Qualität der Gesundheitsversorgung gilt: Je weniger Kinder vor ihrem fünften Geburtstag in einem Land sterben, desto mehr Menschen wandern aus.

Migration als Investition in die Zukunft

Für diese scheinbar paradoxen Befunde liefert die Studie mehrere Erklärungen. Auf der einen Seite mindern Wohlstand, Bildung und Gesundheit tatsächlich den Druck in der Bevölkerung, das Glück außerhalb der Landesgrenzen zu suchen. Auf der anderen Seite wachsen aber auch Informationsstand und Kommunikationsmöglichkeiten der potenziellen Auswanderer sowie ihre Erfolgsaussichten im Ausland. Erst steigende Einkommen versetzen viele Familien überhaupt in die Lage, ein Mitglied auf die weite Reise in den vermeintlich goldenen Norden zu schicken. „Die Familien begreifen Migration als Investition in die Zukunft, als Absicherung gegen Krisen in ihren Heimatländern“, heißt es in der Studie.  Die sinkende Kindersterblichkeit hat einen weiteren Effekt, der die Migrationsneigung befördert: Die Zahl der Menschen, die das Erwerbsalter erreichen, steigt meist stärker als der Arbeitskräftebedarf der inländischen Wirtschaft. Wer keine Arbeit findet, geht.

Aus diesen Befunden leiten die  CGD-Wissenschaftler nicht etwa ab, man müsse die Menschen möglichst großer Armut überlassen, um Zuwanderung zu verhindern. Zum einen könne mancher Fortschritt – höhere Sicherheit im Inneren, Beilegung von Konflikten, ausreichend Arbeit für die junge Generation – die Migrationsneigung tatsächlich verringern. Zum zweiten aber solle die Erwartung, mit Entwicklungshilfe wirkungsvoll „Fluchtursachen bekämpfen“ zu können, einer gesteuerten, auf beidseitigen Vorteil gerichteten Zuwanderungspolitik weichen.