Berlin - Smartphones, E-Mails, Power-Point – die Digitalisierung ist Segen und Fluch zugleich. Sie macht die Arbeit an vielen Stellen leichter, doch sie erhöht den Arbeitsdruck und sorgt durch die ständige Erreichbarkeit und die Informationsflut für Stress bei den Beschäftigten und zu Problemen im Familienleben. Das zeigt eine am Dienstag in Berlin vorgestellte Studie zu den Folgen der Digitalisierung für die Gesundheit der Arbeitnehmer.

Studienleiter Stephan Böhm von der Universität St. Gallen sagte, die Digitalisierung der Arbeitswelt führe bei Beschäftigten zu Einschlafschwierigkeiten, Kopf- und Rückenschmerzen sowie emotionaler Erschöpfung („Burnout“). Bei den Befragten, die nach eigenen Angaben unter der Digitalisierung leiden, fühlen sich fast 40 Prozent durch die neuen Arbeitsanforderungen in ihrem Privat- und Familienleben beeinträchtigt. Bei denen, die die Digitalisierung nicht als Belastung empfinden, sind es dagegen nur 25 Prozent.

46 Prozent der Befragten nutzen Telefon oder Computer in der Freizeit für berufliche Zwecke

Wie stark das Privatleben durch die neuen Technologien beeinflusst wird, zeigen weitere Zahlen aus der Studie: Danach nutzen 46 Prozent der Befragten Telefon oder Computer in der Freizeit für berufliche Zwecke. Innerhalb dieser Gruppe beschränken nur 38 Prozent die Zeit, in der sie Telefon, Handy, Computer oder Tablet zu Arbeitszwecken benutzen. Das Eindringen der Arbeitswelt in die Freizeit hat laut der Umfrage Folgen: 27 Prozent der Befragten, die über 10 Stunden in der Woche in der Freizeit beruflich telefonieren oder am Computer sitzt, fühlen sich ausgebrannt. Bei Befragten, die nur zwei Stunden in der Woche ihre Freizeit für berufliche Belange unterbrechen, ist die Rate mit 18 Prozent deutlich niedriger.

Auch im Beruf werden die neuen Kommunikationsmittel nicht immer als Vorteil empfunden. 12 Prozent der Befragten gaben an, sie fühlten sich überfordert, weil die moderne Technologie es vielen Menschen ermögliche, auf ihre Zeit zuzugreifen. 15 Prozent nennen den Umgang mit E-Mails und Sprachnachrichten im Job Zeitverschwendung, die nichts mit der eigentlichen Arbeit zu tun habe. Jeder Sechste (17 Prozent) sagte, die Technologie am Arbeitsplatz zwinge ihn, deutlich schneller zu arbeiten. Und 16 Prozent der Befragten gaben an, durch die Informationsflut überwältigt und dadurch bei der Entscheidungsfindung abgelenkt zu sein. Selbst die jüngeren Befragten, die die Digitalisierung im Allgemeinen als Bereicherung empfinden, berichten von Problemen: 16 Prozent klagen darüber, mehr Arbeit verrichten zu müssen als eigentlich möglich sei.

Digitalisierung erhöht nicht die Zahl der Krankentage

Gleichwohl erhöht die Digitalisierung nicht die Zahl der Krankentage, sagte Böhm, der die Studie im Auftrag der Krankenkasse Barmer GEK und der Zeitung Bild am Sonntag erstellt hat. Er schränkte allerdings ein, dass dies auch mit dem Arbeitsdruck und der Angst vor dem Jobverlust zu tun haben könnte: Die Menschen gingen arbeiten, obwohl sie eigentlich krank seien, sagte er bei der Vorstellung der Studie. Für sie waren im Sommer 8000 Arbeitnehmer in Deutschland befragt worden. Vorgestellt wurden allerdings nur erste Auszüge aus den Studienergebnissen.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) mahnte bei einer anschließenden Diskussionsrunde, man müsse lernen, mit Smartphone und anderer Technik umzugehen - also auch die Geräte öfter einmal wegzulegen. Sie forderte die Wirtschaft auf, die Digitalisierung auch dazu zu nutzen, den Beschäftigten mehr Freiheiten beim Arbeitsort und den Arbeitszeiten zu geben. Das mindere den Stress und erhöhe die Zufriedenheit der Beschäftigten. „Wir brauchen mehr selbstbestimmte Arbeitszeit“, mahnte die Ministerin.