Berlin - Für Sportwetten gibt es eigentlich ein staatliches Monopol. Dies wird durch einen Glücksspielstaatsvertrag geregelt. Unter dem Namen Oddset bieten Lottoannahmestellen Wetten auf den Ausgang von Fußball-Spielen oder Formel-1-Rennen an. Doch dieses staatliche Monopol wird nun aufgebrochen: Das zuständige hessische Innenministerium will 20 Anbietern Konzessionen für Sportwetten erteilen. Sie sind zunächst für fünf Jahre gültig.

Die Politik beugt sich damit der Macht des Faktischen. Denn trotz des Monopols konkurrieren schon seit Jahren Dutzende private Anbieter mit Oddset. Einige von ihnen handeln in einer rechtlichen Grauzone, andere operieren völlig illegal. Doch die Behörden haben praktisch keine Handhabe gegen sie, da sie nur im Internet agieren und ihren Firmensitz im Ausland haben.

Auch die Telekom mischt mit

Die Privaten – auch die meisten halb- oder illegalen – entrichten zwar eine fünfprozentige Wettsteuer auf die Gewinne, Oddset muss aber neben dieser Steuer zusätzlich noch soziale Projekte finanzieren. Aus diesem Grund kann Oddset, was die Höhe der Gewinnquoten für die Spieler angeht, nicht mit den Privaten mithalten. Deshalb haben diese dem staatlichen Anbieter längst den Rang abgelaufen. Im Vergleich zu Branchenriesen wie Bwin oder Tipico ist Oddset daher, was die Marktanteile betrifft, nur ein kleiner Fisch.

Nun soll das Sportwettenmonopol zunächst für eine Experimentierphase von sieben Jahren nicht angewandt werden, „um eine bessere Erreichung der Ziele des Glücksspielstaatsvertrages, insbesondere bei der Bekämpfung des festgestellten Schwarzmarktes und dessen Kanalisierung hin zu einem legalen Angebot, zu erproben“, wie das hessische Innenministerium argumentiert. Mit der Festlegung der Zahl von 20 Lizenzen solle „eine effektive Überprüfung des Marktes“ ermöglicht und eine Expansion des Wettangebots vermieden werden. Damit solle insbesondere die Suchtbekämpfung, der Jugendschutz und der Spielerschutz besser gewährleistet werden, heißt es im Ministerium. Was das Ministerium nicht sagt, aber was klar ist: Vor allem soll der Staat über Oddset künftig wieder einen größeren Teil des Wettkuchens erhalten. Denn auch Oddset soll künftig rund um die Uhr im Internet aktiv sein dürfen.

Die Auswahl der 20 Firmen, die eine Lizenz bekommen, ist bereits erfolgt. Angeblich war das Hauptkriterium, welche Anbieter am besten für Suchtbekämpfung und Spielerschutz stehen. Doch das Ministerium räumt ein, dass auch die wirtschaftliche und finanzielle Leistungsfähigkeit der Anbieter bei der Lizenzvergabe eine Rolle spielte.

Offiziell werden die Begünstigten noch nicht genannt, doch durchgesickert sind bereits einige Namen. Unter anderem dabei ist eine Firma namens Cashpoint. Sie gehört dem „Glücksspiel-König“ Paul Gauselmann, der Kneipen und Spielsalons in der ganzen Repubilk mit seinen Daddel-Automaten bestückt hat. Diese Automaten gelten als besonders gefährlich. Spielsüchtige sitzen nicht selten stundenlang vor diesen Automaten und bestücken mitunter zwei oder drei von ihnen parallel. Ausgerechnet Gauselmanns Firma landete nun im Ranking des Ministeriums auf Platz ein.

Eine Lizenz erhalten soll auch die Deutsche Telekom über die Deutsche Sportwetten GmbH (DSW), vor deren Übernahme sie steht. Laut Telekom-Sprecherin Marion Kessing hat das Kartellamt der Übernahme schon zugestimmt. Festzurren will die Telekom den Deal aber erst, wenn die DSW die Lizenz auch offiziell zugeteilt bekommt. Doch hier könnte der deutsche Marktführer Tipico der Telekom und den anderen Lizenzbegünstigten noch einen Strich durch die Rechnung machen. Ausgerechnet Tipico nämlich ist dem Vernehmen nach im Lizenzverfahren leer ausgegangen und droht mit einer Klage, welche die Vergabe der Konzessionen erheblich verzögern könnte.

Verführung zu unkontrolliertem Wettverhalten

Für die Telekom indes, deren Gewinnmargen in ihrem eigentlichen Geschäft immer geringer werden, wäre der Sportwettenmarkt ein neues Standbein, um die Ertragslage aufzupolieren: „Grundsätzlich sind Sportwetten ein wachsender Markt. Und Fußball ist die wichtigste Marke“, sagt Telekom-Sprecherin Kessing. Damit tummelt sich das einst staatliche Unternehmen demnächst auf einem zweifelhaften Feld. Viele Organisationen warnen schließlich vor den Gefahren der Spielsucht. Doch diesen Vorwurf bezeichnet Kessing als nicht gerechtfertigt: „Wichtig ist, dass das Produkt als seriös wahrgenommen wird und dass alles rechtlich einwandfrei läuft“, beschwichtigt sie.

Suchtexperten bezweifeln, ob die Lizenzen dazu beitragen, das Wettverhalten in geordnete Bahnen zu lenken. „Wer schon einmal auf den Seiten eines Online-Wettanbieters war, kennt die Vielzahl der dortigen Einsatzmöglichkeiten“, bestätigt sogar die staatliche Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

„Was sich so verlockend und harmlos anhört, kann aber zum handfesten Problem werden. Spontane und unüberlegte Wetteinsätze sind also leicht möglich, was zu einem unkontrollierten Wettverhalten führen kann“, warnt die Behörde. Sogenannte Live-Wetten, bei denen die Kunden zum Beispiel während eines laufenden Fußballspiels auf den nächsten Torschützen setzen könnten, seien besonders kritisch zu betrachten. Denn ihr großer Anreiz bestehe darin, durch spontane Einsätze noch mehr Geld zu gewinnen – oder bisherige Verluste auszugleichen. „Da derartige Entscheidungen jedoch kaum noch durchdacht werden, sind Verluste hierbei programmiert.“

Ein weiterer Problempunkt bei internetbasierten Glücksspielen sei die Anonymität, führt die BZgA weiter aus. So säßen die Spieler normalerweise alleine vor dem PC und seien daher auch niemandem über ihr Spiel Rechenschaft schuldig – was ebenfalls zu unkontrolliertem Spielen führen könne. Eindeutiger könnte das Urteil nicht ausfallen.