Berlin-Marzahn - Der Firmensitz ist perfekt gewählt. Wenn Andrei Ganus an das Fenster seines Büros in Marzahn tritt, blickt er direkt auf eine Aldi- und eine Lidl-Filiale. Das sind seine Gegner. Der 49-Jährige ist Deutschland-Chef der russischen Discounter-Kette Torgservis, die unter anderem in Russland, China und Rumänien rund 800 Lebensmittelmärkte betreibt.

Nun will der 2009 gegründete Handelskonzern aus Krasnojarsk in Sibirien auch im hiesigen Discounter-Geschäft mitmischen. Mehr als 100 Märkte sollen in Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern entstehen. In dieser Woche wird in Leipzig die erste Filiale eröffnet.

Erste Filiale eröffnet in Leipzig

Gelenkt wird die Expansion der Russen nach Deutschland von Marzahn aus. Die Firma TS Markt GmbH hat einige Büros in der sechsten Etage eines Plattenbaus an der Allee der Kosmonauten gemietet. Die unternehmerische Nachbarschaft ist bunt gemischt und reicht vom Massivhaus-Anbieter über eine Fahrschule bis zum Kfz-Gutachter. Im Oktober 2017 wurde die Firma ins Berliner Handelsregister eingetragen. Geschäftsführer ist der in Krasnodar geborene Andrei Ganus. Erst im vergangenen September wurde das Stammkapital auf 725.000 Euro erhöht. Man meint es offenbar ernst. TS steht für Torgservis.

Bei der deutschen Konzerntochter ist man allerdings wenig auskunftsfreudig. Man habe momentan sehr viel zu tun und könne Fragen leider nicht beantworten, heißt es. Schließlich stehe die Eröffnung der ersten Filiale in Deutschland unmittelbar bevor. In Leipzig hat die deutsche Torgservis-Tochter dafür eine ehemalige Aldi-Filiale gemietet, bei der es freilich nicht bleiben soll. Für Zwickau wird bereits ein Filialleiter gesucht, ist zu erfahren. Und Berlin? Ja, man sei auf der Suche nach geeigneten Objekten. „In diesem Jahr wohl eher nicht mehr.“

Das Motto: „Jeden Tag nur Tiefstpreise“

Tatsächlich will die russische Billigmarkt-Kette, die es zuletzt auf einen Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Euro brachte, Aldi und Co. hierzulande vor allem preislich unterbieten. Im Lebensmittelbereich wolle man gute Waren für wenig Geld anbieten, ist auf der Internetseite des Unternehmens zu lesen. „Jeden Tag nur Tiefstpreise“ lautet das Motto. Vor allem in Ostdeutschland rechnet man sich damit Chancen aus. Das Sortiment besteht zu 70 Prozent aus Lebensmitteln, der Rest ist dem sogenannten Non-Food-Bereich zuzuordnen.

Michael Gerling, Chef des Kölner Instituts für Handelsforschung EHI, sieht das Vorhaben der Russen indes mit einiger Skepsis. „Aldi und Co. haben das Discounter-Geschäft zur Perfektion getrieben“, sagt er. Es sei sehr schwierig, jemanden auf der Preisschiene anzugreifen, der über genaueste Marktkenntnis verfügt und Prozesse derart extrem effizient führt. „Wer deren Preise unterbieten will, braucht viel Kraft und Ausdauer“, sagt Gerling. „Aldi und Co. können da sehr lange mitgehen.“

Abschied vom Billig-Ambiente

Tatsächlich sind die Discounter eine Macht im Land. Sie bestreiten hierzulande knapp die Hälfte des gesamten Lebensmittelgeschäfts, wobei Aldi und Lidl den Ton angeben. Die beiden allein haben im Lebensmitteldiscountersegment mittlerweile einen Marktanteil von etwa 65 Prozent. Dabei hat sich ihr Auftritt in den vergangenen Jahren gewandelt.

Nicht nur, dass sich das Sortiment der Märkte auf rund 2500 Artikel nahezu verdreifacht hat. Die großen Discounter haben längst den Wert von Aufenthaltsqualität in den Märkten entdeckt und verabschieden sich zunehmend vom Billig-Ambiente, das von aufgerissenen Kartons, Gitterboxen und Wühltischen bestimmt wird. Schließlich stehen auch sie im Konkurrenzkampf. Ihre Wettbewerber heißen Edeka und Rewe.

Eine Lücke gefunden

Demnach dürfte es Symbolwert haben, dass Torgservis sein Deutschland-Debüt in Leipzig nun ausgerechnet in einer ehemaligen Aldi-Filiale gibt. Denn wahrscheinlich ist es eher die von den aufgestiegenen Discountern hinterlasse Lücke, in der die russische Kette ihre Chance wittert. So werden nun Hallen mit 800 bis 1200 Quadratmetern Verkaufsfläche und Stellplätzen für mindestens 30 bis 40 Autos gesucht. Bei der Ausstattung geht es um Schwerlastregale, Gitterboxen und Wühltische.

Es wird also offenbar vergleichsweise rustikal zugehen bei Torgservis. Voraussichtlich werden die Waren nicht in Regale geräumt, sondern auf Paletten angeboten. Denn das drückt die Personalkosten, und die Kosten sind den Russen wichtig. Jedenfalls sucht die Berliner TS Markt GmbH für ihre Märkte ausdrücklich auch gebrauchte Kühltruhen und Einkaufswagen.

Tatsächlich aber schrumpft das sogenannte Hard-Discounter-Segment des hiesigen Lebensmittelhandels seit Jahren und hat nur noch einen Marktanteil von 1,8 Prozent. Damit geht es aber noch immer um ein Umsatzvolumen von rund zwei Milliarden Euro in Deutschland. Davon will Andrei Ganus einen Teil. Je größer, desto besser.