Kiri Hannifin, Mitarbeiterin der Supermarktkette Countdown.
Foto: Countdown

ChristchurchEs ist zunächst eine ganz alltägliche Situation: Zwei Arbeitskollegen sind auf dem Weg in den Supermarkt. Sie plaudern angeregt über den grauen Himmel und die fehleranfällige Software im Büro. An der Drehschranke verstummt ihr Gespräch zwar nicht, aber plötzlich sprechen die beiden nur noch im Flüsterton miteinander. Ihre gedämpften Stimmen sind eine Reaktion auf die Mitteilung, die auf vier kleinen Plakaten im Eingangsbereich zu lesen ist.

„Enjoy a Quiet Hour“, steht darauf. Genießen Sie eine ruhige Stunde. Jeden Mittwoch von 14.30 bis 15.30 Uhr ist seit Ende Oktober in den meisten der 180 Filialen einer der größten Supermarktketten Neuseelands größtmögliche Stille angesagt – um, wie im Kleingedruckten auf den grünen Papierbögen steht, „Kunden mit sensorischen Problemen und ihren Familien zu helfen“.

Einkaufen als Horrortrip

Das sind in erster Linie von Autismus und ähnlichen Entwicklungsstörungen betroffene Kinder und Erwachsene, für die ein alltäglicher Besuch im Supermarkt wegen der konstanten Reizüberflutung, die sie nicht verarbeiten können, kein audiovisuelles Erlebnis-Shopping ist, sondern ein Horrortrip. Aber auch langsame, licht- und lärmempfindliche Menschen, für die das laute Leben purer Stress bedeutet, profitieren von der Neuerung der Countdown-Supermärkte, die zum australischen Woolworths-Imperium gehören.

Das, was unter dem Begriff Erlebnis-Shopping firmiert, kennt man: grelle, reflektierende Neonröhren, brüllende Babys, herumrennende Schulkinder, laute Hintergrundmusik, Gelächter und Gespräche, schallende Durchsagen, das Geräusch von Pappkartons, die beim Auffüllen der Regale aufgerissen werden, das Dingeling an der Kasse und das Quietschen der Einkaufswagen, wenn sie dutzendweise vom Parkplatz in den Vorraum gerollt werden.

Während der 60 Minuten am Mittwochnachmittag – das ist die Zeit, wenn die meisten Mütter ihre Kinder von der Schule abholen und auf dem Nachhauseweg ihre Besorgungen machen – wird das grelle Licht gedimmt und unnötiger Lärm vermieden. Die Hintergrundmusik ist so leise, dass sie nur wahrnehmbar ist, wenn man die Ohren spitzt. Durchsagen gibt’s nur bei Notfällen, die Vorräte in den Regalen werden nicht nachgefüllt, und selbst das Gebimmel an den Kassen ist nur als entferntes Klingeln wahrnehmbar.

Kreischen beim Gemüse

An diesem Nachmittag haben zwei junge Frauen die Plakate offenbar nicht gesehen oder nicht verstanden – auch nicht das Piktogramm mit dem Finger über dem Mund. Denn gleich hinter dem Eingang in der Obst- und Gemüseabteilung unterhalten sie sich lautstark miteinander und kurz danach auch noch am Handy. Zwei Minuten später hüpft die Tochter einer der Frauen kreischend in den Laden und verkündet eine unverständliche frohe Botschaft.

Immerhin: Einmal in der Woche ist eine Stunde lang Ruhe. 
Foto: BLZ/Stein-Abel

„Wäre das so weitergegangen, wären wir einfach zu den Frauen gegangen und hätten mit ihnen geredet“, sagt die Mitarbeiterin beim Kundenservice der Filiale im Eastgate-Einkaufszentrum in Christchurch. Dennoch hat sich die Neuerung nicht überall herumgesprochen. „Einige Leute haben uns angesichts der spärlichen Beleuchtung schon gefragt, ob wir die Stromrechnung nicht bezahlt haben“, erzählt sie. „Ansonsten wird das Angebot sehr gut angenommen und die Kunden haben Verständnis dafür.“

Strafende Blicke der Leute

Rund 80.000 Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung leben in der 4,8-Millionen-Einwohner-Nation Neuseeland. Für sie stellen Situationen, die für andere Leute völlig normal sind, eine große Herausforderung dar, und sie reagieren mit Rückzug, Hyperaktivität, Weinen oder Wutanfällen auf die geballte Ladung an Sinnesanregungen. „Als meine Tochter jünger war, war das Einkaufen eine Qual“, sagte Tanya Blakey, die bei der nationalen Autismus-Gesellschaft Autism New Zealand Aufklärungskampagnen leitet. „Aber die strafenden Blicke der Leute waren das schlimmste. Ich konnte doch nicht jedem Einzelnen erklären, dass mein Kind nicht ungezogen war, sondern bloß mit der Situation nicht zurechtkam.“

Dunkler, ruhiger und auch leerer: Der Supermarkt für Autisten und "Kunden mit sensorischen Problemen".
Foto: BLZ/Stein-Abel

Auch eine Kollegin von Kiri Hannifin, die bei Countdown für Unternehmensbelange, Sicherheit und Nachhaltigkeit zuständig ist, hat eine autistische Tochter. Als sie Hannifin von dem Problem mit ihr beim Einkaufen erzählte, war die Idee der „Quiet Hour“ geboren. Nach einer einjährigen Testphase in einigen Filialen und überwältigend positivem Feedback wurde das zusammen mit Autism New Zealand entwickelte Konzept kürzlich landesweit eingeführt.

„Wir wollen unsere Supermärkte offen und einladend für alle Neuseeländer und ihre Familien gestalten“, sagt Hannifin. „Ich hoffe, dass wir, indem wir einige kleine Änderungen vornehmen, einen großen Unterschied machen können.“ Dane Dougan, der Geschäftsführer von Autism New Zealand, meint, durch die stille Stunde werde nicht nur das Leben von Menschen mit dieser Entwicklungsstörung verbessert, sondern „es trägt auch zur Aufklärung bei, was es bedeutet, mit Autismus zu leben“.

Wohlige Wirkung

An diesem Mittwochnachmittag ist die Countdown-Filiale im Eastgate-Einkaufszentrum nur schwach besucht. Mütter mit lärmenden Schulkindern meiden während der stillen Stunde ganz offenbar das Geschäft; bei der Konkurrenz – das sind die Supermarkt-Ketten New World, Pak’n’Save und Four Square, die zum Marktführer Foodstuffs gehören – geht’s lebhaft und hektisch zu wie immer um diese Uhrzeit. Dafür nutzen zahlreiche Senioren, die nicht im Gedränge durch die Regalreihen rasen, sondern in ihrem eigenen Tempo einkaufen wollen, die fast idyllische Ruhe.

Selbst das Personal empfindet es so. In einem Rundfunkbeitrag sagte David Colli, Manager einer Countdown-Filiale in Auckland: „Wenn man die Lichter aus- und die Musik abschaltet, merkt man erst, wie hell und laut ein Supermarkt ist. Diese Stunde hat eine beruhigende und wohlige Wirkung. Es ist fast wie eine Stunde Meditation.“