Zugegeben: Das Thema Geldwäsche ist kompliziert. Aber auch einfach. Einfach ist es etwa anzunehmen, man schraube ein wenig am Strafrecht, und Probleme lösten sich in Luft auf. Puff. Geldwäschegesetz-Novelle (wie sie vergangene Woche vom Bundestag verabschiedet wurde). Puff. Mehr Integrität in der Wirtschaft. Puff. Weniger Kriminalität. Puff. Puff. Puff. Ein Himmel voller leichter Quellwolken, zwischen denen fortan nur noch die Sonne auf unsere sorgenbefreiten Häupter scheint. Weniger Geld, das am Fiskus vorbeigereicht wird. Mehr Geld für öffentliche Infrastruktur, Schulen - kurzum für alles, was wichtig, aber mit zu wenig Mitteln ausgestattet ist: toll! Wenn es nur so - genau - einfach wäre.

Also gut: Die Jurisprudenz ist nie ein einfaches Unterfangen, und Gesetze lassen sich auch nicht einfach so schreiben, geschweige denn über die Exekutive ins Leben rufen. Niemand nimmt an, dass mit einer Gesetzesnovelle allen und allem geholfen sei. Aber es mutet doch mindestens wie bei Franz Kafka an, was wir im Moment rund um die Strafverfolgbarkeit von Geldwäschern und anderen Wirtschaftskriminellen erleben. Von Steueroasen, wie Olaf Scholz ihnen aktuell mit einer Maximalforderung (wie Steuerrechtler das nennen) parallel beikommen will, haben wir dann noch gar nicht gesprochen. Hängt aber miteinander zusammen - klar.

Nicht nur für die Gauner wird die Schlinge mit dem neuen Geldwäschegesetz enger. Wir erinnern uns: Bisher war die Strafbarkeit der Geldwäsche daran geknüpft, dass das Geld aus besonders schweren Straftaten stammt. Jetzt soll jede strafbare Tat ausreichen. Die Frage ist doch aber: Wer soll das alles aufdecken? Die Ermittler und zuständigen Instanzen tun sich ja heute schon schwer. Und wenn wir eines wissen, dann doch, dass organisierte Kriminalität immer auf Wissensvorsprung gründet. Da werden Behörden einfach ausgespielt. Manchmal genügen nicht mal Hinweise an die zuständigen Organe, um Verdachtsmomenten nachzugehen. Sie werden überhört: Hallo Wirecard!

Aber sehen wir uns das noch einmal genauer an: In Deutschland werden jedes Jahr 100 Milliarden Euro durch Geldwäsche veruntreut. Und da sprechen wir erst von einer Dunkelziffer. Nach Schätzungen stehen einem aufgedeckten Geldwäschevergehen 500 nicht erkannte gegenüber. Damit steht Deutschland nur knapp hinter Geldwäscheparadiesen wie den Cayman Islands, der Schweiz oder Singapur. Die USA treiben es ähnlich bunt. Die Niederlande übrigens auch. Dass wir mit dem Problem nicht alleine dastehen, hilft nun auch niemandem weiter. Aber es relativiert vielleicht zumindest, hier immerzu auf einen „deutschen Sonderweg“ abzustellen.

Der eigentliche „Deutsche Sonderweg“ steht - sei hier als These kurz bewegt - auf einem ganz anderen Blatt Papier und nennt sich nicht Geldwäscheparadies oder Steueroase. Er nennt sich Bürokratie. Zurück zu Kafka. Erinnern Sie sich an Kafkas Roman „Das Schloss“ und vor allem an sein Ende? Genau, es gibt kein Ende. Kafka starb, ehe er seinen Protagonisten durch alle Windungen des Beamten-Stabes in seiner Geschichte hatte schreiben können.

Kafka in die Gegenwart zu heben, ist dabei keineswegs eine schiefe Analogie. Es ist ja nicht so, als würde niemand etwas gegen Geldwäsche und Co. unternehmen: Nehmen wir die Financial Intelligence Unit (FIU) des Zolls, deren Versuche, Geldwäsche auf den Grund zu gehen, von Beobachtern aber unter dem Stichwort Chaos subsumiert werden. Zeitungen titeln, die Bundesregierung zittere vor Geldwäschetests internationaler Experten, und die Aufsicht scheint ein Flickenteppich. Ohnehin wird vor allem beaufsichtigt, was in der Finanzindustrie passiert (andere Branchen hingegen nicht). Wenn der Bankenverband nun ächzt, die Finanzinstitute kämen da schlichtweg nicht hinterher. Ja, dann kann man denken: Was soll von der Lobby auch anderes zu erwarten sein? Aber der Personalengpass, der damit einhergeht, der ist für die FIU zum Beispiel ein noch viel größeres Problem.

Mehr ist nicht immer mehr. Das sollten wir vor allem für Gesetze und Regulierungsvorhaben verstehen. Am Ende all dieser Maßnahmen steht oft nicht mehr Tatkraft, sondern Verwaltungschaos. Und das zu durchdringen, schaffen nicht Sie, und offenbar auch der Staat manchmal nicht - denken wir an Cum-Ex. So mancher Redner im Untersuchungsausschuss erweckt nicht den Eindruck, auch nur ansatzweise die Logik von derlei Geschäften zu verstehen, die Fortsetzung auf Schattenmärkten noch gar nicht einbezogen.

Wir brauchen nicht noch mehr Regeln zu Regeln (ff). Wir brauchen solche, die verstanden werden, weil die Verbrechen unserer Zeit letztlich vor allem auf den Lücken unseres für die allermeisten undurchdringbaren Verwaltungsapparates basieren. Von wegen puff. Eher: Error. Manchmal werden aus Quellwolken Gewitter. Die Syntax unseres Systems ist das Problem.