Berlin - Berlin wird voller. Und es gibt viele Berliner, die das nicht gut finden. Der Taxifahrer Bodo Eckardt gehört nicht zu ihnen. Er sagt: „Ich liebe diese Stadt – so, wie sie ist.“ Und: „Ich sauge es förmlich auf, wie sich Berlin entwickelt.“

Eckardt, 54 Jahre alt und im Schöneberger Süden aufgewachsen, kann sich noch gut an die Zeit vor dem Mauerfall erinnern. „In West-Berlin herrschte zuletzt Endzeitstimmung. Die Stadt fühlte sich wie so eine Art Riesendorf an. West-Berlin war eine unwirkliche Welt. Es war gut, dass die Mauer aufging. Wir stellten fest, dass die Welt dann doch größer ist.“

Man muss genügsam sein

Das Taxameter zeigt „Pause“. Ein Pappbecher mit Kaffee steht auf der Mittelkonsole. Nebenan liegen Münzen als Wechselgeld bereit. Bodo Eckardt ist guter Laune, er hat heute Früh eine lukrative Tour gehabt: „Vom Artemis nach Stolpe. 40 Euro.“ Es war eine staufreie Fahrt vom Halenseer FKK- und Saunaclub, der als größtes Bordell Berlins gilt, bis in den Landkreis Oberhavel.

Ein Auftrag, der in Prenzlauer Berg unweit vom Helmholtzplatz begann, folgte. Am Ende stand die Uhr auf 30 Euro, auch nicht schlecht. „Taxifahren ist ein Job, in dem man Genügsamkeit und Gottgläubigkeit üben muss. Doch vor allem besteht er aus Glück, zu 99 Prozent“, sagt Eckardt und nimmt noch einen Schluck Kaffee.

Konkurrenz durch Uber

Die wachsende Stadt hat sich auch in der Taxibranche bemerkbar gemacht, und es sind vor allem Berlin-Besucher und Zugezogene, die zu diesem positiven Effekt beitragen. „Die Zahl der Fahrgäste ist in den letzten Jahren wieder gestiegen. Es sind vor allem Neu-Berliner, die ihr Auto abgeschafft oder gar nicht erst mitgebracht haben, und Geschäftsleute.“ Bevor Eckardt vor einem Jahrzehnt Taxifahrer wurde, sah das noch anders aus. „Da war das Geschäft massiv eingebrochen.“

Allerdings mache sich die Konkurrenz durch Uber bemerkbar. In Berlin vermittelt das US-Unternehmen Fahrten mit Taxis und Limousinen. Letztere gelten als Mietwagen mit Chauffeur. Sie warten am Flughafen Tegel und anderswo auf Aufträge, obwohl sie rechtlich dazu verpflichtet wären, nach jeder Tour an den Betriebssitz zurückzukehren. „Es ist wie eine Flut“, erzählt Eckardt. „Uber pumpt Geld in den Markt mit dem Ziel, ihn zu beherrschen, um dann die Preise diktieren. Ob es in zehn Jahren noch viele Taxis geben wird, das weiß ich nicht.“

Bodo Eckardt ist Tagfahrer

Bodo Eckardt hat selbst schon prekäre Situationen erlebt. „Eigentlich bin ich ausgebildeter Landschaftsgärtner. Ich habe auf dem Bau gearbeitet. Doch dann ging die Firma, bei der ich mehr als 20 Jahre war, in Konkurs. Ich habe mich auf dem Arbeitsmarkt versucht und bin Baggerfahrer geworden. Bei meinem letzten Arbeitgeber musste ich ein Vierteljahr auf meinen Lohn warten. Damals sagte ich mir: Etwas muss grundsätzlich anders werden. Dann habe ich den Taxischein gemacht. Das hätte ich viel früher tun sollen.“

Andere sind Nachtfahrer, Bodo Eckardt ist Tagfahrer. Wenn der Schöneberger am Morgen in der Alboinstraße aus dem Haus tritt, um seine Zehn-Stunden-Schicht zu beginnen, steht das Taxi schon vor der Tür. Ein Kollege hat es ihm vors Haus gestellt. „Die Nachfrage kommt in Wellen. Früh sind es meist Leute, die zu einem Bahnhof oder nach Tegel zum Flughafen wollen. Ab elf droht dann das berüchtigte Mittagsloch.“ Reaktion: „ Taxi hinstellen und kurz Mittagsschläfchen machen.“

Schneller, verrückter, wilder

Manchmal ist die Ruhephase auch nötig, um den Stress zu reduzieren. „Ich kann beim Autofahren entspannen“, sagt Eckardt allerdings. Aber auch er merkt, dass die Stadt wächst, wenn er unterwegs ist. „In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Radfahrer lawinenartig zugenommen. Es gibt Tage, da scheinen alle unterwegs zu sein.“ Nicht selten erinnern ihn die Szenen auf Berlins Straßen an einen Tanz auf dem Vulkan: „Das wird immer schneller, alle werden immer verrückter, fast keiner hält sich an die Regeln, seien es Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger.“

Es gebe einige Situationen, die immer wieder vorkämen, sagt Eckardt. „Zum Beispiel Radfahrer, die bei der Fahrt aufs Handy gucken. Oder: Ich will abbiegen, blinke rechts, schaue ein paar Mal über die Schulter nach hinten, alles frei und will endlich fahren – und dann kommen von links zwei Radfahrer angezischt und überholen. Manchmal ist das mehr als Glück, dass man keinen Unfall gehabt hat. Da atme ich am Abend richtig auf: Heute ist es noch mal gut gegangen.“ Das ist neu, das war anders, als Bodo Eckardt anfing.

Auch die Zahl der Autos wächst

Radfahrstreifen könnten die Lage entspannen, sagt er. „Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich die Verwaltung auf teure große Prestigeprojekte konzentriert wie den Komplettumbau der Karl-Marx-Allee. Besser wäre es, gezielt viele Gefahrenpunkte zu entschärfen, viele Kreuzungen umzubauen und sicherer zu gestalten. Das größte Drama sind die vielen Abbiegeunfälle.“

Während Berlins Bevölkerungszahl auf den nächsten Nachkriegsrekord zusteuert, wächst auch die Zahl der Autos. „Der Pendlerverkehr nimmt zu. Berlins Außenbezirke und das Umland kranken daran, dass sie zum Teil immer noch schlecht mit Nahverkehr versorgt sind“, sagt der Taxifahrer. Er wundert sich darüber, dass Politiker und Planer nicht alle Möglichkeiten nutzen, um neue Verbindungen zu schaffen. Warum liegt zum Beispiel die Trasse der alten Stammbahn, die durch Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf in Richtung Potsdam führt, weiter brach?

Wer kann sich das noch leisten?

Der Kaffee ist getrunken. Bodo Eckardt startet den Mercedes-Benz, um den nächsten Fahrgast abzuholen. Er freut sich darüber, dass Berlin wächst, dass sich so viele Menschen bewusst für die Stadt entscheiden. Doch wer wird sich Berlin künftig noch leisten können? „Ich lade meinen Frust nicht bei den Spekulanten ab, sondern bei der Wohnungspolitik, vor allem bei der SPD! In München, Hamburg und anderswo hätten sie sich anschauen können, was passiert, wenn nicht vernünftig in den Wohnungsbau investiert wird.“

Allzu lange habe sich nichts getan. Das ärgert ihn am meisten – und nicht, dass Berlin voller wird. Da ist er ganz Lokalpatriot.