Den Sonnenuntergang in allen Phasen fotografieren – statt ihn zu genießen. Das Konzert filmen und ins Netz stellen – statt zuzuhören. Der schnelle Check bei Facebook, wenn die Arbeit nicht vorangeht. Wir sind ständig online und vernetzt. All die Nachrichten, die im Minutentakt auf dem Smartphone eingehen – sie piepsen und vibrieren um unsere Aufmerksamkeit. Der Griff zum Telefon erfolgt fast reflexartig, unterbrechungsfreies Arbeiten oder ein Wochenende ohne Smartphone ist für manche kaum noch möglich oder vorstellbar.

Es geht um digitale Entgiftung

Doch es gibt immer mehr Menschen, die die Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit und Zeit zurückerobern wollen. So, wie der Berliner Andre Wilkens, Autor des Buches „Analog ist das neue Bio“. Am Donnerstagabend diskutierte er in der Espressobar, dem neuen Coworking-Space des Café St. Oberholz, mit Michael Dettbarn, Mitbegründer der App „Offtime“ für die digitale Auszeit. Die Veranstaltung war ein Satelliten-Event im Rahmen des Tech Open Air Festivals.

Zu Beginn wurden die Gäste gebeten, die Telefone auszuschalten. Die Veranstalter reichten „iStones“ herum, in einer Filzhülle steckende Steine in Smartphone-Form – „zum Anfassen, falls jemand nervös wird“. Die Schweizer Herstellerfirma bewirbt das Accessoire als „stilles, trendiges Statement für eine bewusste Gesprächskultur, echte Verbindungen und Entschleunigung“.

Offline als bewusstes Gegenkonzept zum Mainstream, als Luxus in einer hyperkonnektiven Welt? Andre Wilkens, Jahrgang 1963, kam diese Idee, als er ausgerechnet im Hipster-Mekka nahe der Berliner Torstraße eine neueröffnete Videothek entdeckte. Ungläubig stellte er fest, dass der Laden voll war. Gleichzeitig veröffentlichte Edward Snowden die ersten Abhör-Berichte der NSA.

Wilkens störte immer mehr, dass seine Familie sich abends zwar im gleichen Raum befand, aber jeder auf seinem Bildschirm mit etwas anderem beschäftigt war. Er habe nichts gegen Technologie, betont der Autor, sie könne helfen, die Welt zu verbessern. Digital sei alles schneller und einfacher – aber: „Es ist wie eine wundervolle Droge. Drogen haben Nebenwirkungen. Warum gibt es dafür keinen Beipackzettel?“

Eine digitale Überdosis habe zur Folge, dass wir so viel an die Technologie outsourcten, dass sie uns am Ende beherrsche. Wilkens begann, einen Blog darüber zu schreiben, die Huffington Post griff das Thema auf, und plötzlich bekam er Nachfragen von Technologie-Unternehmen, die ihn als Redner einluden.

In seinem Buch vergleicht er die Digitalisierung mit der Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion. Die wurde ebenfalls immer schneller, billiger und effizienter, bis Lebensmittelskandale und andere Enthüllungen der Bio-Bewegung den Weg bereiteten. „Die Bio-Nische wurde immer größer und beeinflusste den Mainstream“, so Wilkens. Das erhofft er sich auch von der Offline-Bewegung: „Wir brauchen eine kleine Konterrevolution.“

Die Vorbilder dazu sieht er ausgerechnet im Silicon Valley, wo seit einiger Zeit der „Digitale Detox“ postuliert wird, die digitale Entgiftung. Menschen zahlen dort Hunderte Dollar für Camps, in denen ihre Smartphones weggeschlossen werden, damit sie sich wie Kinder im Ferienlager an Lagerfeuer, Gesang und Wandern erfreuen können. „Die höchste Dichte an Walldorf-Kindergärten gibt es im Silicon Valley“, sagt Wilkens. „Die Kinder der totalen Digitals gehen auf Offline-Schulen.“ Offline zu sein, bedeute für manche einen ähnlichen Luxus wie Bio-Lebensmittel.

Man könnte das Telefon ja einfach mal ausschalten. Doch was, wenn man einen wichtigen Anruf verpasst? Die dringende Email zu spät liest?

Hier hilft die Android-App „Offtime“. Mit ihr lässt sich das Handy wahlweise für eine bestimmte Dauer komplett blockieren, oder Apps wie Social Media herausfiltern, während Anrufe und Emails bestimmter Personen durchkommen. Während der „Offtime“ verschickt die App automatisierte Antworten. „Wir ermöglichen, sich ganz einfach auszustöpseln und zu fokussieren“, werben die Gründer, die ihr Büro im Betahaus haben. Bei der Weiterentwicklung der App kooperieren sie mit der Humboldt Universität. „Wir hoffen, auch Firmen für unsere App zu interessieren. Schließlich hätte jeder gerne fokussierte Mitarbeiter“, sagt Dettbarn. In Kürze gibt es die App auch leicht abgespeckt für das Apple-Betriebssystem iOS. Offtime wurde 2014 eine halbe Million mal heruntergeladen, die Nutzer nahmen mehr als 100 Stunden analoge Auszeiten.

„Eure App zeigt die Verrücktheit der Welt“, sagte Wilkens. „Um mit der Technologie klar zu kommen, entwickeln wir mehr davon.“ Für manche sei sie aber sicher das Richtige. Er ist inzwischen öfter nicht zu erreichen, spielt wieder Skat und findet es schön, sich ohne Google Maps zu verirren. Für die Familie hat er TV- und DVD-Gerät angeschafft. „Dann schauen wir wenigstens alle das Gleiche.“