Technisat-Chef Stefan Kön im Interview: Der deutsche Fernseher wird in Staßfurt gerettet

Das Fernsehgerät ist nach wie vor des Deutschen liebste Errungenschaft der Unterhaltungselektronik. In rund 95 Prozent der bundesdeutschen Haushalte gehört es zum Inventar, täglich sieht der Bundesbürger mehr als dreieinhalb Stunden fern, und im Schnitt werden an jedem Kalendertag über 22.000 TV-Geräte im Land gekauft.

Das freut die Marktführer Samsung und LG, von denen deutsche Traditionsmarken aus den Regalen gespült wurden. Telefunken, Nordmende und Saba sind verschwunden. Grundig ist nur noch ein Etikett auf Geräten aus der Türkei. Metz gehört dem chinesischen Skyworth-Konzern, und das Unternehmen Loewe versucht nach einer Pleite den Neuanfang. Die Branche sei brutal, heißt es dort.

Technisat-Chef Stefan Kön bezeichnet das Geschäft dagegen eher als schwierig. Er führt Deutschlands letzten eigenständigen TV-Gerätehersteller.

Herr Kön, Ihr Unternehmen nennt sich im Untertitel die deutsche Fernsehmarke. Wie lange wird das noch funktionieren?

Sicher noch sehr lange. Ich bin da ganz zuversichtlich.

Obwohl während der jüngsten Funkausstellung in Berlin chinesische Unternehmen dort ausstellten, wo einst die deutschen Traditionsmarken Loewe und Metz ihre neuesten Fernsehgeräte zeigten?

Das ist richtig, aber es beunruhigt mich nicht in dem Maße, wie Sie offenbar vermuten.

Zweckoptimismus?

Es gibt da einfach deutliche Unterschiede zu unserem Unternehmen. Der entscheidende Punkt ist vielleicht, dass Technisat ursprünglich aus dem Bereich Empfangstechnik kommt. TV-Geräte fertigen wir erst seit 1998, und schon damals sind wir mit der Vision eingestiegen, den Fernseher zu einer heimischen Kommunikationszentrale zu machen. Fernsehen war für uns immer mehr als Ton und Bild. Außerdem sind wir insgesamt breiter aufgestellt.

Wie viel des gesamten Technisat-Umsatzes hängt denn am Fernsehgerät?

Etwa ein Zehntel.

Und der Rest?

Wir sind vor allem ein großer Automobilzulieferer. In Autos von Seat, Skoda, Audi, VW und Bugatti stecken unsere Infotainment-Systeme für Radioempfang, Navigation und Kommunikation. Allein damit machen wir 60 Prozent unseres Umsatzes. Weitere 30 Prozent kommen aus der Empfangstechnik. Im Receiver-Geschäft sind wir Marktführer.

Das klingt, als wäre das Fernsehgeschäft nur der Hobbybereich von Technisat, den Sie sich leisten, auf den es aber nicht ankommt.

Im Gegenteil. Wir investieren zurzeit auch sehr viel Ingenieursleistung in den sogenannten Smarthome-Bereich, also den vernetzten Haushalt, und dabei spielt nach unserer Philosophie eben das TV-Gerät eine ganz entscheidende Rolle.

Wie darf man sich das vorstellen?

Der Fernseher wird zum Zentralrechner, über den man vieles per Fernbedienung steuern kann. Klingelt es zum Beispiel an der Haustür, wird in das Fernsehbild automatisch das Kamerabild vom Hauseingang eingeblendet und zeigt, wer vor der Tür steht. Bei Bedarf kann dann mit der Fernbedienung die Tür geöffnet werden. Die Möglichkeiten sind praktisch grenzenlos.

„Apple ist nach wie vor der Maßstab.“

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland insgesamt gut acht Millionen TV-Geräte verkauft. Wie viele kamen von Technisat?

Etwa 80.000 Geräte. Unser Marktanteil liegt unter einem Prozent.

Wer kauft eigentlich einen Technisat-Fernseher?

Die Generation 55-plus. Es sind vor allem Männer, die modernste Technik, neueste Funktionen und zugleich einfachste Bedienung suchen und bereit sind, für Innovationen aus Deutschland etwas mehr Geld auszugeben.

Auch Loewe hatte davon geträumt, Apple aus Germany zu sein …

Was den Bedienkomfort betrifft, ist Apple nach wie vor der Maßstab, und ich glaube, dass wir dichter dran sind als andere. Nutzerfreundlichkeit und Service war für uns immer enorm wichtig. Lange bevor es internetfähige Fernsehgeräte gab, haben wir bereits neue Software über Nacht via TV-Signal auf die Geräte unserer Kunden geschickt. Der Nutzer musste nur bestätigen, dass die neue Software eingespielt werden sollte.

Bis heute verzichten Sie auf den Verkauf Ihrer Geräte über die großen Elektronikmärkte. Wer im Geschäft kaufen will, muss einen der ausgesuchten Fachhändler aufsuchen. Warum das?

Weil nur der Fachhandel in der Lage ist, dem Kunden den Vorteil unserer Geräte zu vermitteln. Bei den Discountern geht der Verkauf vor allem über den Preis. Da können und wollen wir nicht mithalten. Wir wollen uns nicht verscherbeln lassen. Technisat bietet Highend-Produkte.

Damit steht aber Ihr Vertrieb auf wackeligen Füßen. Es ist schließlich unbestritten, dass kleine Händler im Schatten großer Märkte auf Dauer wenig Überlebenschancen haben.

Ich denke, dass es gute Fachhändler noch sehr lange geben wird. Und wir haben sehr starke Partner. Parallel gewinnt natürlich das Onlinegeschäft auch bei uns stetig an Bedeutung.

Sie sprachen den Preis an. Im Schnitt gibt der Bundesbürger derzeit 555 Euro für einen neuen Fernseher aus. Wie viel zahlt der Technisat-Kunde?

1.400 bis 1.500 Euro.

Bekommt er dafür tatsächlich ein TV-Gerät Made in Germany?

Das Mainboard fertigen wir grundsätzlich hier in Deutschland. Das ist gewissermaßen das elektronische Herz oder der Motor des Geräts. Das macht das Gerät aus, da steckt unser Know-how, und es bestimmt, was zu sehen ist und wie der Ton klingt. Die anderen Teile wie Display und Netzteil beziehen wir wie alle TV-Geräte-Hersteller weltweit von Zulieferern aus Fernost. Die Endmontage unserer Geräte erfolgt dann in Staßfurt in Sachsen-Anhalt und in Südeuropa.

In Staßfurt wurden schon im ehemaligen DDR-Kombinat Rundfunk- und Fernmeldetechnik, kurz: RFT, Fernseher zusammengeschraubt.

Das stimmt. Wir haben das Werk 1998 übernommen. Außerdem haben wir noch Werke bei Eisenach und im Vogtland. Unser Entwicklungszentrum befindet sich in Dresden.

Warum hat ein Unternehmen aus der Eifel seine Denkfabrik in Sachsen?

Als Technisat 1987 gegründet wurde, war es zunächst ein reines Handelsunternehmen. Zwei Jahre später wollten wir dann auch eine Fertigung für eigene Wertschöpfung aufbauen. Dann fiel die Mauer und bot uns ein großes Potenzial an Fachleuten mit viel Erfahrung in der Elektronikfertigung. Dresden war auch in der DDR eine Entwicklungshochburg. Es gab die Uni, eine Elektronikindustrie, zahlreiche Institute. Denken Sie nur an das Dresdener Forschungsinstitut von Manfred von Ardenne, der die Fernsehentwicklung in Deutschland maßgeblich vorangetrieben hat.

„Die Wende war ein Glücksfall für uns.“

… und in den 1930er-Jahren Chefingenieur des Unternehmens Loewe war.

Richtig. Allerdings arbeiten heute allein in unserem Entwicklungszentrum mehr Mitarbeiter als bei Loewe insgesamt. In Dresden haben wir etwa 500 Ingenieure und Techniker. Jeder fünfte Technisat-Mitarbeiter ist in Forschung und Entwicklung beschäftigt.

Was wäre eigentlich aus Technisat geworden, wenn die Mauer 1989 nicht gefallen wäre?

Keine Ahnung. Vielleicht würden wir gar keine Fernsehgeräte herstellen, weil wir damit erst mit der Übernahme des Staßfurter Werks begonnen haben. Auf jeden Fall wären wir nicht so schnell gewachsen, hätten ganz bestimmt keine 2.400 Mitarbeiter und würden keinen Umsatz von über 500 Millionen Euro machen. Die Wende war ein Glücksfall für uns.

Wird das deutsche Fernsehgerät am Ende in Sachsen-Anhalt gerettet?

So könnte man es sagen.

Wo wird das Unternehmen in zehn Jahren stehen?

Wir werden beim Umsatz die Milliarden-Marke erreicht haben, hoffentlich schon früher, und noch immer die deutsche Fernsehmarke sein.

Made in Germany?

Sicher.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.