Berlin - Als Arne Christiani im September vergangenen Jahres erneut zum Bürgermeister der brandenburgischen Gemeinde Grünheide gewählt wurde, galt der Ort nicht gerade als ein Hotspot der Beschäftigung. Seinerzeit gab es im gesamten Landkreis knapp 3000 sozialversicherungspflichtige Jobs, die meisten im Handel, in der Gastronomie und im Dienstleistungsbereich. Doch inzwischen ist Christiani Bürgermeister einer kleinen Gemeinde im Löcknitztal, die sich anschickt, das neue Wolfsburg im Land zu werden.

Bekanntermaßen will Tesla in seiner dort entstehenden Gigafactory ab dem nächsten Sommer jährlich 500.000 Autos von den Bändern rollen lassen. 12.000 Menschen werden dort arbeiten. Und nun soll auch noch die „größte Batteriefabrik der Welt“ in den gerodeten Kiefernwald gesetzt werden. Damit sind weitere Tausende Jobs zu erwarten. Grünheide wird Autostadt.

Bürgermeister Christiani will davon nichts wissen. Für ihn klingt Autostadt vor allem nach Hochhaussiedlung, und dafür ist er nicht zu haben. „Ich bin noch bis 2024 im Amt“, sagt der 61-Jährige. Und solange werde hier der Gemeindecharakter erhalten bleiben. Sogar mit einer Batteriefabrik neben dem Autowerk. Denn die hat Christiani längst eingepreist. Von Anfang an sei die Batteriefertigung Teil der Pläne gewesen, sagt er. Enttäuscht hätte ihn, wenn es anders gekommen wäre. In jedem Fall gibt es auf dem Areal Platz genug. Denn von den insgesamt 300 Hektar Tesla-Land beansprucht die inzwischen fast fertige Autofabrik  gerade einmal 90 Hektar.

Batterien für mehrere Millionen Tesla-Fahrzeuge

Tatsächlich wirkte Teslas Batteriestrategie für Grünheide bislang verworren. War im ersten  Bauantrag, den das Unternehmen Anfang Januar beim Brandenburger Landesumweltamt eingereicht hatte, noch das sogenannte Packaging, das Zusammensetzen von Akkuzellen zu Batterien, als fester Bestandteil der Fabrik aufgeführt, so war dieser Part im Sommer verschwunden. In einem weiteren Antrag, den Tesla im Juli stellte, war der „Battery Pack“ gestrichen worden. Gepackte Batterien sollten zugeliefert werden, so die Erklärung, die aber auch nur wenige Tage hielt. Denn kurze Zeit später kündigte Tesla-Chef Elon Musk eine „lokale Zellproduktion“ an, „die den Bedürfnissen der Berliner Fabrik gerecht wird“. Nun soll es die größte der Welt werden. Es geht um Lithium-Ionen-Batterien einer neuen Generation – leistungsstärker, umweltfreundlicher und nur noch halb so teuer. Tesla war also immer gradlinig. Kurskorrekturen statt Konfusion. Nur eben sehr schnell, ungewohnt schnell.

Die bevorstehende Erweiterung der Grünheider Gigafactory verkündete der  Tesla-CEO zu Wochenbeginn in bewährter Überraschungsmanier und treffsicher während der vom Bundeswirtschaftsministerium (dort gibt es die Förder-Millionen) veranstalteten Europäischen Batterie-Konferenz. Zunächst sei die Fertigung von Batterien mit einer Gesamtkapazität von rund hundert Gigawattstunden geplant. Später solle die Produktion auf 250 Gigawattstunden wachsen. Es geht also wirklich um viel. Immerhin sollen in Grünheide allein in der Startphase genug Batterien produziert werden, um rund 1,3 Millionen Tesla Model 3 fahrfertig zu bestücken.

Außer der Ankündigung ist allerdings noch wenig bekannt. Wie im Brandenburger Umweltministerium am Freitag auf Anfrage zu erfahren war, sei bislang noch kein Bauantrag gestellt worden, nicht einmal Vorgespräche hätten stattgefunden. Doch das ist nichts, was gegen den Ausbau in Grünheide spricht. Im Idealfall könnte ein Genehmigungsverfahren laut Landesumweltministerium binnen sieben Monaten abgeschlossen werden. Andererseits hat Elon Musk in einem Interview mit einem amerikanischen Fernsehsender gerade eingeräumt, dass die Maschinen und Anlagen für die Zellfertigung noch entwickelt werden müssten. Dennoch könnte 2022 die Fertigung beginnen. Für Grünheide hat Tesla inzwischen jedenfalls Stellen unter anderem für Ingenieure und Instandhalter in der Zellfertigung ausgeschrieben.

Dabei läuft zurzeit noch die Rekrutierung für den Produktionsstart der Autoproduktion. Spätestens bis zum nächsten Sommer müssen 7000 bis 8000 Arbeitskräfte eingestellt werden. Die allermeisten Stellen sind noch unbesetzt. Ein Jahr später soll die Tesla-Belegschaft bereits auf 12.000 gewachsen sein und parallel die Batteriefertigung aufgebaut werden.

Bei den zuständigen Arbeitsagenturen, die sich selbst als erster Dienstleister am Arbeitsmarkt verstehen, gilt die Rekrutierung bereits jetzt als eine gewaltige Aufgabe. Im Brandenburger Wirtschaftsministerium will man lieber gar nicht erst kommentieren, was die zusätzliche Produktion für den regionalen Arbeitsmarkt bedeutet. Man sei gespannt auf die detaillierten Pläne des Unternehmens, heißt es in Potsdam. „Ohne diese sind Schätzungen des Arbeitskräftebedarfs unseriös.“

Beim Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe hat man den Batteriemarkt genau analysiert. Dort geht man davon aus, dass in der Batteriezellenfertigung je Gigawattstunde Batterieleistung etwa 40 Arbeitskräfte nötig sind. Somit wären in der brandenburgischen Akku-Fabrik anfangs 4000, später 10.000 Arbeitskräfte nötig. Inzwischen sprach auch der Bundeswirtschaftsminister von 10.000 neuen Jobs.

Die Arbeitskräftebeschaffung ist allerdings kein Selbstläufer. Zwar sind in Berlin und Brandenburg in den vergangenen zwölf Monaten allein in den größeren Industriebetrieben fast 7000 Stellen gestrichen worden und weitere Entlassungen drohen. Andererseits wird der Fachkräftemangel in der Region auch nach Corona bestehen. Für Facharbeiter in technischen Berufen etwa prognostizieren die Industrie- und Handelskammern beider Länder einen Engpass von 31.000 Arbeitskräften im nächsten Jahr, in Helferberufen werden demnach 1400 Arbeitskräfte fehlen. Vorteil für Tesla: Das Unternehmen legt bei sehr vielen Jobs keinen Wert auf Abschlüsse und verspricht ordentliche Löhne. Bei 2700 Euro soll das Bruttoeinstiegsgehalt für Ungelernte liegen.