Flaggen mit dem Logo der Automarke.
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BrandenburgArne Christiani ist Bürgermeister einer Gemeinde in Brandenburg, die vielen Berlinern bis Mitte dieser Woche sicher völlig unbekannt war und deren Name nun in Zeitungen von Los Angeles bis Schanghai zu lesen ist: Grünheide. Jener Ort, an dem der US-amerikanische E-Mobil-Pionier Tesla in den nächsten zwei Jahren eine Auto- und Batteriefabrik märkischen in den Kiefernwald stellen will.

Als sich der 60-jährige Christiani im September zur Wiederwahl stellte, wusste er bereits, dass Grünheide ein aussichtsreicher Kandidat für das Tesla-Werk war. Deshalb trat er noch einmal an. „Das wird den gesamten Landkreis grundlegend verändern“, sagt er und will daran teilhaben. „Es ist eine Entwicklung möglich, die wir noch gar nicht abschätzen können.“

Damit dürfte Grünheides erster Mann recht behalten. Die Gemeinde mit insgesamt sechs Ortsteilen im Landkreis Oder-Spree hat knapp 9000 Einwohner. Die Arbeitslosenquote im Landkreis liegt bei 6,7 Prozent. Es gibt exakt 2981 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die je etwa zur Hälfte im Handel, Gastgewerbe und Verkehr sowie im Dienstleistungsbereich arbeiten. Jobs im produzierenden Gewerbe gibt es in Grünheide gar nicht. Eine Industriewüste, in der das Raumschiff „Gigafactory IV“ landen will und weiteren Wohlstand verspricht.

Industrieansiedlungen als Wachstumsmotor

Dass eine solche Industrieansiedlung einer Region einen enormen Schub verpassen kann, ist an Leipzig seit eineinhalb Jahrzehnten ablesbar. Dort hatte sich zunächst Porsche angesiedelt, wenig später folgte BMW. Die Bayern hatten sich damals auch schon für Grünheide interessiert, sich dann aber für Sachsen und gegen Brandenburg entschieden.

Seitdem hat Leipzig zwei große Automobilwerke, in denen im vergangenen Jahr zusammen rund 400.000 Autos von den Bändern rollten. Die beiden Großunternehmen sind längst die größten Gewerbesteuerzahler der Stadt. „Das hat uns nach vorne geschossen“, wurde Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung in der FAZ zitiert.

Dass ein Zulieferer ein neues Werk neben der Teslafabrik baut, wird sicher die Ausnahme sein. Wenn überhaupt."

Alexander Schiersch, Ökonom am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)

Tatsächlich gilt Leipzig seit der Ansiedlung von BMW und Porsche als Spitzenstandort für neue Technologien wie Leichtbau, innovative Antriebe sowie vernetzte und modernste Fertigung. Denn etliche Zulieferer sind der Autobauern in die 600.000 Einwohner zählende Stadt gefolgt. Heute arbeiten bei Porsche und BMW zusammen etwa 9 500 Mitarbeiter. Zählt man die Jobs bei Zulieferern und Dienstleistern hinzu, kommt man schnell auf 20.000. Im Frühjahr hatte Porsche zudem eine Kapazitätserweiterung für sein Werk beschlossen. 600 Millionen Euro werden investiert.

Was bedeutet das alles für Grünheide? Zunächst sollen in der geplanten Gigafactory 3000 Jobs entstehen, danach soll die Stellenzahl auf 7000 wachsen. Wird sich die Zahl mit den weiteren Jobs im Umfeld des Werks ebenfalls verdoppeln?

In der Mohrenstraße in Mitte hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) seinen Sitz. Dort befasst sich Alexander Schiersch im Ressort Unternehmen und Märkte auch mit der Automobilindustrie. Er ist bereits von den angekündigten 7000 Tesla-Arbeitsplätzen überrascht und sieht damit allenfalls das obere Ende markiert. „Das sind hochautomatisierte Fertigungen“, sagt er.

Auf einen Faktor x, mit dem sich die Tesla-Jobs multiplizieren lassen und der am Ende eine Gesamtzahl neuer Arbeitsplätze in der Region ergibt, will sich der DIW-Ökonom nicht einlassen. Das wäre reine Spekulation, sagt er. Und tatsächlich ist die Situation heute eine andere als in Leipzig von zehn Jahren.

Die deutsche Zulieferindustrie steckt selbst in einer Krise und hat eher Probleme, die vorhandenen Kapazitäten auszulasten. Bei Continental, Brose und Schaeffler laufen Sanierungsprogramme. Osram, wo jeder zweite Euro mit dem Auto verdient wird, steht kurz vor der Übernahme. Die Branche erlebt seit Monaten Umsatzeinbrüche und rückläufige Auftragseingänge. Einige Unternehmen mussten Kurzarbeit anmelden. Insofern sieht Schiersch die Tesla-Ansiedlung als „große Chance“ für die hiesige Autozulieferer. „Dass ein Zulieferer ein neues Werk neben der Teslafabrik baut, wird sicher die Ausnahme sein“, sagt Schiersch. „Wenn überhaupt.“

Größte Industrie-Investitionen seit Jahren

Dennoch ist auch der Wirtschaftsforscher sicher, dass das neue Werk die Region voranbringen wird. Es ist die größte Industrie-Investition seit Jahren, mit der sich ein ganzer Beschäftigungsbereich verdoppeln wird. Denn derzeit hat ganz Brandenburg im Fahrzeugbau 6980 Beschäftigte. Es sind gut bezahlte Jobs. Aktuell liegt der Stundenlohn in der Automobilindustrie bei etwa 48 Euro. Daran, so Schiersch, wird sich auch Tesla orientieren müssen. Damit wird die Kaufkraft in der Region steigen. Die Leute werden irgendwo wohnen müssen, was die Baubranche pushen wird. Die Menschen werden einkaufen und essen wollen.

Bürgermeister Arne Christiani, der am Dienstagnachmittag von Teslas Entscheidung erfuhr, sieht vor allem die Chance, dass jungen Leuten wieder attraktive Jobs in und um Grünheide geboten werden können. „Im besten Fall können wir auch Leute zurückholen, die den Landkreis für ein Studium verlassen haben.“