In Grünheide/Mark will Tesla seine neue Gigafactory bauen.
Foto: imago images / photothek

BerlinEs war die News des Tages: Tesla wird künftig bei Berlin Elektroautos vom Typ Model Y bauen sowie Antriebsstränge und Batterien montieren. Elon Musk, der Chef des US-Unternehmens, kündigte am Dienstagabend in Berlin an, dass die geplante europäische Gigafactory in der Nähe des BER entstehen wird. In der Hauptstadt-Region war das eine wirtschaftspolitische Sensation, die ein durchwegs positives Echo fand. Nicht zuletzt in der Gemeinde im Landkreis Oder-Spree, die Tesla als künftigen Fertigungsstandort ausgewählt hat: Grünheide/ Mark, wenige Kilometer von der östlichen Stadtgrenze entfernt am Berliner Ring, der Autobahn A10.

„Die Euphorie bei uns ist groß“, sagte Erik Giese aus der Gemeindeverwaltung am Mittwoch. Grünheide als Fertigungsstandort zukunftsfester Automobilindustrie, das sei „eine sehr erfreuliche Vision“.  An diesem Donnerstag um 18.30 Uhr kommt der Hauptausschuss der Gemeinde zu einer regulären Sitzung zusammen. Es ist davon auszugehen, dass die frohe Botschaft dann ausführlich diskutiert wird.

Und zwar öffentlich – denn bislang lief alles im Verborgenen. „Wir wundern uns immer noch, wie es uns gelungen ist, die Sache vier Monate lang unter der Decke zu halten“, hieß es aus Brandenburger Regierungskreisen. Tesla-Vertreter hatten sich das Gelände im Güterverkehrszentrum (GVZ) Berlin Ost Freienbrink bereits mehrfach angeschaut. Ursprünglich hatte BMW dort ein Autowerk bauen wollen, entschied sich dann aber 2000 für Leipzig.

Die Nähe zu Polen spielte ebenfalls eine Rolle

„Tesla ist ein riesiger Gewinn für die Region, ein echtes Stück Zukunft“, kommentierte der Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Schließlich gälte: „Wenn schon Autos, dann solche.“ Die Hauptstadt-Region sei „wie gemacht für Tesla. Hohe politische Aufmerksamkeit, aber schwache wirtschaftliche Struktur, das heißt günstige Preise für Personal. Dazu kommen sehr gute Forschung und Entwicklung, eine Startup-Kultur und mit Berlin ein wichtiges Schaufenster für die Welt. Knie erinnerte an Ernst Reuter: „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!“

Insider berichteten, dass die Nähe zu Polen ebenfalls eine Rolle gespielt habe. Auch dort gebe es gut ausgebildete Arbeitnehmer, die sich einen Wechsel überlegen würden. Die Autobahn A12 zum Grenzübergang bei Frankfurt/ Oder führt nicht weit an Grünheide/ Mark vorbei.

Politikwissenschaftler Knie würdigte auch, dass Tesla in Berlin ein Forschungs- und Entwicklungszentrum etablieren will. Der Standort werde derzeit noch gesucht, sagte er, doch die Mission sei klar. Dort werde es nicht darum gehen, neue Autoteile zu entwerfen, sondern um insgesamt neue Formen von Automobilität.

Steigt Tesla nun auch ins Berliner Carsharing ein?

Tesla habe erkannt, dass es nicht genügt, Fahrzeuge zu bauen. Viel wichtiger sei es mittlerweile, digital vernetzte Dienstleistungen zu entwickeln, in denen Elektroautos eine zentrale Rolle einnehmen – als gemeinschaftlich kommerziell genutzte Vehikel, also nicht als Privatautos herkömmlicher Art. Andreas Knie geht davon aus, dass Tesla sein geplantes Berlin-Zentrum auch dazu nutzen wird, wie Volkswagen („We Share“) ins Carsharing einzusteigen.

„Das ist eine große Nachricht für Berlin und Brandenburg“, bekräftigte Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Für Tesla-Chef Musk sei zwar China die Priorität Nummer eins, aber „dann kommt schon Europa“. Jetzt sollte die Bundesregierung überlegen, wie sinnvoll es noch sein kann, viel Steuergeld zum Beispiel in Batteriefertigung in Nordrhein-Westfalen zu investieren. „Wir sollten mit den Champions, also den Chinesen wie CATL, sVolt oder Elon Musk daran arbeiten, das Zellmaterial weiter zu entwickeln“, sagte Dudenhöffer. „Da könnte man mehr gewinnen als beim Versuch, das Rad nochmals zu erfinden .“

Auch für den Autoindustriestandort sei Musks Ankündigung eine gute Nachricht, so der Wirtschaftswissenschaftler weiter. „Auch für VW, Daimler und BMW“, betonte er. „Wettbewerb macht uns schneller und besser. Mit der Entscheidung von Elon Musk für Deutschland werden wir gestärkt, und die Elektromobilität nimmt mehr Fahrt auf als nach hundert Kanzlergipfeln in Berlin.“

Dudenhöffer zeigte sich allerdings skeptisch, ob der neue Fertigungsstandort bei Berlin schon zu Beginn mehrere tausend Arbeitsplätze bieten wird. In Brandenburger Regierungskreisen geht man von mehr als 5000 Stellen aus. „Man sollte die Zahl der Arbeitsplätze nicht überschätzen“ – anfangs werden es wohl mehrere hundert sein. „Zellfabrikation ist hochautomatisiert. Da zählen Energiekosten deutlich mehr als Arbeitskosten“, sagte er.

Naturschützer: Batterieproduktion schädigt die Umwelt

Auch Tilmann Heuser, Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) goss etwas Wasser in den kalifornischen Wein. „So sehr Tesla ein Pionier bei der Durchsetzung von E-Mobilität ist, bei der Integration von Autos in multimodale Mobilitätsangebote sind andere Konzerne bereits weiter; zumindest in ihren Konzepten“, sagte Heuser.

Zwar seien Elektrofahrzeuge im Betrieb emissionsfrei, solange es ausreichend „grünen“ Strom gibt. „Die Produktion des Fahrzeugs und der Batterien ist jedoch weiterhin mit Umweltzerstörung und hohem Ressourcenverbrauch verbunden“, gab Tilmann Heuser zu bedenken.

Man sollte die Zahl der Arbeitsplätze nicht überschätzen. Zellfabrikation ist hochautomatisiert. Da zählen Energiekosten deutlich mehr als Arbeitskosten.

Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft 

Ein Auto sei nicht deshalb gut, weil es mit Strom fährt. „Die verkehrspolitischen Herausforderungen gerade in der Stadt lassen sich nicht lösen, ohne dass die Zahl der Pkw massiv abgesenkt wird“, mahnte der Berliner BUND-Chef. Hier müsse sich zeigen, ob Tesla an einem zukunftsweisenden Mobilitätsangebot arbeiten will – etwa an neuen Konzepten für Taxis, Lieferfahrzeuge und „geteilte Autos“ (Carsharing) – oder ob das Unternehmen weiterhin auf auto-orientierte Mobilität setzt.

„Nagelprobe hierfür wird der geplante Standort für die Gigafactory am doch sehr peripher gelegenen Standort in Grünheide sein. Ich bin insofern sehr gespannt, wie das Mobilitätskonzept für die dort eingesetzten Mitarbeitenden aussehen wird“, sagte Heuser. Immerhin: In den Grünheide Ortsteilen Fangschleuse und Hangelsberg stoppt der Regionalexpress RE 1 der Deutschen Bahn. Von Berlin Alexanderplatz bis Hangelsberg dauert die Fahrt laut Plan nur 34 Minuten – auch eine Form der Elektromobilität.

Mix aus Forschung, Hightech und Industrie rund um den BER

Der Flughafen BER ist nicht weit von Grünheide/ Mark entfernt. Kein Wunder, dass sich Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup ebenfalls positiv äußerte. „Flughäfen sind wichtige Impulsgeber für die Wirtschaft“, sagte er am Donnerstag der Berliner Zeitung. „Für die Entscheidung von Tesla dürfte es auch eine Rolle gespielt haben, dass sich bereits jetzt rund um den BER eine Mischung aus Forschung, Hightech und Industrie angesiedelt hat, die im internationalen Wettbewerb um Wirtschaftsansiedlungen durchaus konkurrenzfähig ist. Mit Tesla und dem BER erreichen wir ein neues Level wirtschaftlicher Wertschöpfung aus diesem Teil der Hauptstadtregion.“

Weitere Ansiedlungen dieser Art seien im Umfeld des BER, der im Oktober 2020 öffnen soll, zu erwarten, sagte Lütke Daldrup. „Es gibt viele Unternehmen, die überlegen, sich in der Hauptstadtregion niederzulassen. So wird die unmittelbare Umgebung des Flughafens gerade von der Immobilienbranche als interessantes Entwicklungsgebiet entdeckt. Mit der Tesla-Entscheidung gibt es ein starkes zusätzliches Argument dafür, in die Flughafenregion zu kommen.“