Teure Energie: Unternehmen verlassen Deutschland

Das 200-Milliarden-Euro-Paket der Bundesregierung ändert offenbar nichts an den Abwanderungsplänen vieler Unternehmen.

Dahlewitz (Brandenburg): Ein neuartiges Flugzeugtriebwerk vom Typ Rolls-Royce Trent XWB wird von einem Arbeiter in einer Montagehalle begutachtet. (Archiv)
Dahlewitz (Brandenburg): Ein neuartiges Flugzeugtriebwerk vom Typ Rolls-Royce Trent XWB wird von einem Arbeiter in einer Montagehalle begutachtet. (Archiv)dpa

Deutsche Unternehmen erhoffen sich offenbar nicht allzu viel von dem 200 Milliarden Euro schweren Entlastungspaket der Bundesregierung. Die Kritik anderer EU-Mitglieder, Deutschland verschaffe sich durch das Paket einen Vorteil auf Kosten anderer Staaten, hält der Betrachtung der Realität nicht stand. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán hatte gesagt, Deutschland treibe den Zerfall der EU voran.

Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hatte am Wochenende in Prag kritisiert, es sei nicht zu akzeptieren, dass die deutsche Industrie Vorteile gegenüber der polnischen Industrie erlange. Der scheidende italienische Ministerpräsident Mario Draghi sagte mit Blick auf die deutschen Maßnahmen, es sei notwendig, „ungerechtfertigte und gefährliche Verzerrungen des Binnenmarkts zu vermeiden“.

Die Unternehmen sehen dies offenbar ganz anders: Zahlreiche Unternehmen sind auf der Suche nach billigeren Produktionsstandorten im Ausland – auch in EU-Staaten „Das vorgeschlagene Energieentlastungspaket wird vorerst nichts an unseren Überlegungen ändern. Wir müssen Alternativen finden“, sagte Mads Ryder, Geschäftsführer des bayerischen Porzellanherstellers Rosenthal, der Nachrichtenagentur Reuters.

Das Unternehmen, das vor 143 Jahren in Deutschland gegründet wurde, versucht, einen Teil seiner Produktion aus Deutschland zu verlagern, um Kosten zu senken. Ryder sagte, die Maßnahmen seien noch zu vage, um Rosenthal davon zu überzeugen, seine Pläne zu überdenken. Lars Feld, Wirtschaftsberater von Bundesfinanzminister Christian Lindner, sagte Reuters, Energiepreise wie vor dem Krieg seien nicht zu erwarten.

Vor allem kleine und mittlere Betriebe sind betroffen: Jedes fünfte Ingenieurbüro überlegt, zumindest einen Teil seines Geschäfts ins Ausland zu verlagern, wie eine Umfrage der deutschen Gewerkschaft IG Metall im vergangenen Monat ergab.

Der Textilhersteller Wülfing sagte, er werde seine Pläne, die Produktion von Deutschland nach Portugal oder Pakistan zu verlagern, erst zurückstellen, wenn die Regierung die Energiepreise auf ein Niveau begrenzt, das nur noch doppelt so hoch ist wie im Jahr 2020. Das sagte Wülfing-Geschäftsführer Johannes Dowe Reuters.

Einer Studie der Deutschen Bank zufolge schrumpft die Produktion wegen der steigenden Energiepreise in Deutschland in diesem Jahr um 2,5 Prozent und im Jahr 2023 um fünf Prozent. „Wenn wir in etwa zehn Jahren auf die aktuelle Energiekrise zurückblicken, könnten wir diese Zeit als Ausgangspunkt für eine beschleunigte Deindustrialisierung in Deutschland sehen“, heißt es in der Studie. Für den deutschen Mittelstand stelle die Anpassung eine große Herausforderung dar, „an der einige Unternehmen scheitern werden“, so die Studie.

Ifo-Ökonom Oliver Falck erwartet „vorübergehende Produktionseinstellungen“

Der Autozulieferer Boegra aus der Nähe von Düsseldorf hat im vergangenen Monat wegen steigender Energiepreise die Produktion gedrosselt. Das Unternehmen, das bereits einen Teil der Produktion nach Tschechien ausgelagert hat, sucht nun nach einem Plan B. „Ich reise nächste Woche nach Tschechien, um die Möglichkeiten zu prüfen, unser Geschäft dort auszubauen“, sagte Boegra-Geschäftsführer Tobias Linser am Freitag Reuters.

Auch das Münchner Ifo-Institut erwartet, dass die Entwicklung der Energiepreise zu vermehrten Investitionen im Ausland führen wird. „Der Kostenanteil für Energie ist auf den ersten Blick gar nicht so hoch“, sagt Ifo-Ökonom Oliver Falck. Der Anteil der Energiekosten am Bruttoproduktionswert liegt in der Autobranche bei 0,5 Prozent, im Maschinenbau bei 0,8 Prozent und in der Chemie bei 3,1 Prozent.

„Trotzdem kann ein starker Preisanstieg bei der Energie die Wettbewerbsfähigkeit gerade von denjenigen Branchen beeinträchtigen, die im harten internationalen Wettbewerb stehen und ohnehin schon wettbewerbsbedingt relativ geringe Umsatzmargen realisieren.“ Falck erwartet „vorübergehende Produktionseinstellungen und die Verlagerung besonders energieintensiver Produktionsschritte ins Ausland“.

Energieintensive Produktion ist nach Falcks Worten auch sehr kapitalintensiv – sprich teuer. Verlagerungen seien nicht ohne Weiteres möglich. „Wir werden aber bei Neuinvestitionen wahrscheinlich Verlagerungen ins Ausland sehen.“ Beim Maschinenbau-Verband VDMA sagt ein Sprecher: „Allein wegen der Energiepreise werden die Unternehmen eine solch wichtige Entscheidung nicht treffen, aber stark steigende Energiepreise können natürlich im Einzelfall das Zünglein an der Waage sein.“

Wegen der hohen Energiepreise warnt auch der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Peter Adrian, vor zahlreichen Insolvenzen in den kommenden Monaten. „Wenn die Energiepreise nicht deutlich sinken, gehen spätestens in sechs Monaten bei Zehntausenden Betrieben hierzulande die Lichter aus“, sagte er der Rheinischen Post (Freitag). Damit drohe ein Wohlstandsverlust unbegreiflichen Ausmaßes. Zudem seien Gaspreise in Deutschland etwa zehnmal so hoch wie in den USA.

Den höchsten Gasverbrauch Deutschlands hat der BASF-Standort Ludwigshafen

Wie immens der Energiebedarf der energieintensivsten Unternehmen ist, lässt sich an den Daten des Statistischen Bundesamts ablesen. Den größten Gasverbrauch in ganz Deutschland hat die Stadt Ludwigshafen mit ihren lediglich 171.000 Einwohnern. Denn die Stadt am Rhein beherbergt das BASF-Stammwerk.

Zahlen nur für Ludwigshafen nennt die BASF nicht, doch die Energiekosten der europäischen Standorte zusammen waren nach Angaben des Chemiekonzerns im zweiten Quartal 800 Millionen Euro höher als ein Jahr zuvor. Verglichen mit dem zweiten Quartal 2020 beliefen sich die Mehrkosten der Energieversorgung demnach auf eine Milliarde Euro.

Ein Folgeschaden der hohen Energiepreise: Längst sind die innerdeutschen Lieferketten gestört, Nachschubprobleme gibt es nicht mehr nur bei chinesischen Importen. „Uns liegen zahlreiche Rückmeldungen von Mitgliedsverbänden vor, die von Produktionsdrosselungen der Mitgliedsbetriebe aufgrund der massiv gestiegenen Energiepreise berichten“, sagt Bertram Brossardt, der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw).

Die BASF hat ihre Ammoniakproduktion stark reduziert, nicht mit voller Auslastung läuft auch die Herstellung von Acetylen, eines Grundstoffs für viele Kunststoffe, Textilien oder auch Lösungsmittel. Nach Angaben eines BASF-Sprechers ist die Nachfrage zurückgegangen, weil einige Acetylen-Folgeprodukte zurzeit nicht wettbewerbsfähig hergestellt werden können.

„Die Kosten für Strom, Öl und Gas machen in der chemischen Industrie rund zwölf Prozent der Produktionskosten aus“, sagt Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VCI. „In der Grundstoffchemie ist der Anteil mit rund 16 Prozent noch höher. Bei einzelnen Chemikalien, zum Beispiel Ammoniak oder Chlor, liegt der Anteil sogar bei mehr als 70 Prozent.“

Unternehmer sehen die Lage noch sehr viel dramatischer als Ökonomen

Chemische Erzeugnisse werden für die Herstellung nahezu sämtlicher Industrieprodukte benötigt. „Im dritten Quartal lagen die Energiekosten der Chemie fast 150 Prozent über dem Vorjahresniveau“, sagt Große Entrup. Innerhalb von zwei Jahren hätten sich die Energiekosten der Branche mehr als vervierfacht. Auch bei vielen Vorprodukten seien die Preise seit 2020 im dreistelligen Bereich gestiegen.

Bedrängte Unternehmer sehen die Lage noch sehr viel dramatischer als Ökonomen. Größtes Kostenproblem für viele industrielle Mittelständler ist nicht Erdgas, sondern der Strom. Manche Unternehmen kauften Strom jahrelang am Spotmarkt ein, weil die Preise dort günstiger waren als langfristige Lieferverträge.

Die Spotpreise haben sich vervielfacht, aber auch vielen Unternehmen mit langfristigen Lieferverträgen stehen nun immense Strompreiserhöhungen bevor. Zum Jahresende werden vielerorts die Verträge auslaufen. Viele Firmen zahlten bislang weniger als zehn Cent pro Kilowattstunde, nun stehen Preise um die 40 Cent ins Haus, wie Andrea Thoma-Böck berichtet, Geschäftsführerin des Familienunternehmens Thoma Metallveredelung in Heimertingen.

„Nur noch sehr wenige Unternehmen werden in der glücklichen Lage sein, noch in 2023 abgedeckt zu sein“, sagt die Unternehmerin. „Der Rest wacht in dieser neuen Preiswelt auf, die für kein Unternehmen zu stemmen ist.“ Manche Firmen finden niemand, der ihnen noch Strom verkaufen wollte: „Erschwerend kommt hinzu, dass vielen Unternehmen ein Stromvertrag verweigert wird“, sagt Thoma-Böck.

Der Autoindustrieverband VDA befragte im September 103 Zulieferer sowie Bus-, Anhänger- und Aufbautenhersteller, zehn Prozent meldeten Einschränkungen der Produktion. Schlagen die hohen Strompreise erst einmal voll durch, erwartet vbw-Hauptgeschäftsführer Brossardt, dass die Produktion in vielen Unternehmen unrentabel wird. „Das halten die Betriebe nicht lange durch. Das betrifft nicht nur energieintensive Betriebe, sondern die Breite der Wirtschaft.“ Unternehmen plagt zudem die Ungewissheit, wie der Gaspreisdeckel ausgestaltet werden soll.

Eine mehr oder minder schleichende Abwanderung der deutschen Industrie gab es schon vor der Corona-Krise. Der Anteil der „Waren ausländischen Ursprungs“ an den deutschen Exporten ist laut Statistischem Bundesamt stetig gestiegen, von knapp zehn Prozent 1990 auf 24,5 Prozent im vergangenen Jahr. Daran lässt sich mittelbar ablesen, wie massiv die deutsche Industrie in die Auslandsproduktion investierte. (mit dpa)