Textilfabriken in Asien: Ausbeutung für deutsche Kleidung

Die gute Nachricht: Tchibo, zehntgrößter Textileinzelhändler in Deutschland, hat am Donnerstag als zweites großes Unternehmen seine Bereitschaft erklärt, sich an einem Brandschutzprogramm in Textilfabriken in Bangladesch beteiligen zu wollen. Die schlechte Nachricht: Das ist noch nicht der Durchbruch. Denn der US-Branchenriese PVH, der zuvor seine Bereitschaft bekundet hatte, knüpft seine Beteiligung am Programm an eine Bedingung: Mindestens drei andere bekannte internationale Markeninhaber oder Einzelhandelsketten müssen die Vereinbarung auch unterzeichnen. Nur dann will PVH, dem Marken wie Tommy Hilfiger und Calvin Klein gehören, bis zu einer Million Dollar in Brandschutz investieren.

Das Projekt wird von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) und Gewerkschaften aus Bangladesch mitgetragen. Die Unterzeichner verpflichten sich, ihre Zulieferer zu benennen und von ihnen zu verlangen, dass in den Fabriken Arbeitsschutzausschüsse gebildet werden. Beschäftigte sollen geschult werden und Gesundheits- und Sicherheitsrisiken melden können. Wenn eine Fabrik trotz Aufforderung Risiken nicht beseitigt, muss der Auftraggeber die Produktion in eine andere Fabrik verlegen.

Johann Rösch, Textilexperte bei der Gewerkschaft Verdi, geht davon aus, das PVH Tchibo als weiteren, großen Player in der Textilindustrie akzeptieren wird. Was die Verdi-Leute wurmt: dass bislang weder der schwedische Textilriese H&M noch die spanische Zara-Mutter Inditex das Brandschutzabkommen unterzeichnen wollen. H&M begründet dies damit, bereits mehr als eine Million Euro in eine Aufklärungskampagne zum Brandschutz zu investieren. Rösch hält dies für unzureichend: „Solange die Beschäftigten nicht selbst Arbeitsschutzkomitees einrichten können, wird das Sterben in den Fabriken auch in Bangladesch nicht gestoppt“.

Am Existenzminimum

Vorige Woche waren bei einem Großbrand in einer Textilfabrik in Pakistan fast 300 Arbeiter ums Leben gekommen. Die Fabrik hatte Jeans für die Billigkette Kik produziert, die solche Hosen derzeit in Deutschland für 15,99 Euro anbietet. Kik bedauerte das Unglück und kündigte an, mit anderen Auftraggebern einen Hilfsfonds für Angehörige aufzubauen.

Das Hauptaugenmerk der Gewerkschaften und NGOs liegt derzeit auf Bangladesch, wo die Löhne in der Bekleidungsindustrie weltweit mit Abstand am niedrigsten sind. Der Großteil der rund 3,5 Millionen Näherinnen sind junge Frauen, die unter dem Existenzminimum schuften.

Das ist in Sri Lanka nicht anders. Die Arbeiterinnen in den Fabriken verdienen nur 52 Euro im Monat, dabei wären 250 Euro nötig, um eine vierköpfige Familie zu ernähren. Da sie meist einzige Verdienerin in der Familie sind, arbeiteten sie häufig sieben Tage in der Woche, um Zuschläge für das Erreichen der hohen Produktionsziele zu erhalten, berichtet Anton Marcus von der Gewerkschaft FTZ & GSEU in Sri Lanka bei einem Pressegespräch in Berlin. Hinzu kommt, dass die Frauen häufig Gewalt und sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind.

Zwölf Cent mehr fürs T-Shirt

Marcus betont, wie wichtig es sei, dass die Gewerkschaften Zugang zu den Fabriken bekommen, um die Beschäftigten über ihre Rechte zu informieren. Denn die sind auf dem Papier zwar da, werden aber oft nicht eingehalten. Der Zugang zu den Fabriken zählt zu den Kernforderungen, die Verdi mit der FTZ & GSET sowie der National Garment Workers Federation in Bangladesch aufgestellt hat.

Neben der Forderung, alle Zulieferer offen zu legen, setzt sich das Bündnis auch für höhere Löhne ein. Eine Diskussion mit Fabrikbesitzern in Dhaka habe ergeben, dass sich ein Kleidungsstück nur um zwölf Cent verteuern müsste, damit jede Näherin von ihrem Auftraggeber pro Monat 50 Euro mehr Lohn bekommt. „Das wäre zwar immer noch nicht existenzsichernd, aber ein riesiger Schritt“, sagt Gewerkschafter Rösch.