Dhaka - Man sieht es Kleidungsstücken nicht an, wo und von wem und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurden. Man sieht Qualität und Preis und freut sich: So ein schönes Teil, für so wenig Geld. Auch Handelsketten wie H&M haben Grund zur Freude, denn sie verdienen trotz der günstigen Endverbraucherpreise gut am Verkauf von Hosen, Hemden, Blusen und Kleidern.

Produziert werden die Textilien unter oft unerträglichen Bedingungen in Ländern mit extrem niedrigem Lohnniveau, vornehmlich in südasiatischen Ländern wie Indien und Bangladesch. An die hiesige Öffentlichkeit gelangen die Missstände in der Herstellerländern nur im Katastrophenfall, etwa als 2013 in Bangladesch das Rana Plaza Textilgebäude einstürzte und mehr 1135 Menschen unter sich begrub.

Faire und sichere Produktionsbedingungen

Seither wurden alle möglichen Vereinbarungen zu Feuerschutz und Arbeitssicherheit unterzeichnet, Handelsketten traten einem Textilbündnis für faire und sichere Produktionsbedingungen bei, und auch H&M verpflichtete sich zur Einhaltung internationaler arbeitsrechtlicher Abkommen und Normen. 

So unterzeichnete der Handelskonzern am 14. Januar 2014 eine Vereinbarung mit der internationalen Gewerkschaftsorganisation Union Network International, in der sich das schwedische Unternehmen zu den Normen der internationalen Arbeitsorganisation ILO verpflichtet. Neben dem Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit werden damit das Recht auf Gründung von Gewerkschaften und kollektive Tarifverhandlungen garantiert. 

Realität sieht ganz anders aus

Die Wirklichkeit in den rund 400 Zuliefer-Betrieben, in denen H&M in Bangladesch nähen lässt, wird von lokalen Belegschaftsvertretern und Gewerkschaftsaktivisten allerdings völlig anders beschrieben. Jeder Versuch, eine Arbeitnehmervertretung ins Leben zu rufen, um über Gesundheitsschutz, Löhne und Arbeitszeiten auch nur zu verhandeln, werde mit massiven Repressalien seitens der Unternehmen beantwortet, berichtet der Vorsitzende der Textilgewerkschaft NGWF, Amirul Haque Amin. Amin ist mit drei weiteren Gewerkschaftsvertretern aus Indien und Bangladesch auf Einladung von Verdi nach Berlin gekommen, um auf die nach wie vor unerträglichen Arbeitsbedingungen in der südasiatischen Textilindustrie aufmerksam zu machen. 

Die Arbeiterinnen, so Amin, müssen 12 bis 14 Stunden pro Tag schuften, oftmals an sieben Tagen in der Woche. Umgerechnet 59 Euro erhalte eine Näherin in Bangladesch pro Monat, in Indien seien es 108 Euro, berichtet Prathibha Ramanath, Textilgewerkschafterin aus dem indischen Bangalore. Sobald sich Widerstand rege, würden Beschäftigte entlassen, körperlich misshandelt, bedroht oder sogar sexuell missbraucht. Auch Fälle von Kidnapping habe es gegeben. Die Unternehmen vor Ort missachteten gesetzliche Bestimmungen zum Mutterschutz, blieben die Bezahlung von Überstunden schuldig und drückten sich um gesetzlich garantierte Lohnzuschläge. So werden Näherinnen systematisch nach mehrjähriger Betriebszugehörigkeit entlassen, weil ihnen nach fünf Jahren gesetzlich ein Bonus in Höhe von knapp drei Monatsgehältern zustünde. Zudem verfügen die „Nachrückerinnen“ aus Sicht der Hersteller über einige Vorteile: Aufgrund ihres geringen Alters meist noch unverheiratet sind sie familiär ungebunden und daher „flexibel“ einsetzbar, also auch nachts und in Doppelschichten. Aufgrund ihrer Jugend sind sie besonders leistungsfähig, aufgrund ihrer Unerfahrenheit meist fügsam.

Viele Unternehmen lassen produzieren

Und wenn nicht? Im vergangenen Dezember wurden 1800 Beschäftigte einer bestreikten Textilfabrik in Bangladesch kurzerhand vor die Tür gesetzt, 30 Aktivisten kamen in Haft. Amin weiß von 137 weiteren Gewerkschaftern, die unlängst wegen ihres Engagements für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen ihren Job in einer der Fabriken verloren, die für H&M produzieren.

Dabei ist der schwedische Modehändler nicht der einzige, gegen die sich die Vorwürfe richten. Auch Zara, Primark, C&A, Aldi, Lidl und Tchibo tauchen auf einer Liste auf, die Ramanath, Amin und ihre Mitstreiterinnen mitgebracht haben, um die Dimension des Problems zu verdeutlichen. Ihr Vorwurf gegen die westlichen Konzerne wiegt schwer: „Die multinationalen Handelsunternehmen geben Preise, Produktionsmenge, Lieferfristen und Qualitätsstandards vor und sind damit unmittelbar für Arbeitsbedingungen und Löhne bei ihren Zulieferern verantwortlich“, sagt Amin. „Die Marken haben es in der Hand, wie die Arbeitsbedingungen gestaltet sind“, weiß auch Verdi-Vorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger.
Gemeinsam fordern die Gewerkschaften nun H&M und andere Handelsketten auf, mit halbwegs fairen Preisen wenigstens für existenzsichernde Löhne und die Durchsetzung grundlegender Arbeitnehmerrechte zu sorgen.