Ein Bild der Ungleichheit. Thomas Piketty zeigt, dass Gesellschaften niemals umfassend egalitär waren.
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BerlinThomas Piketty lehrt an einer der angesehensten Forschungseinrichtungen Frankreichs, an der „École des Hautes Études en Sciences Sociales“. Sein mehr als 800 Seiten umfassendes Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ legt nicht nur eine Reihe neuer Forschungsansätze vor, sondern es ist auch vollgepackt mit Zahlen, Kurven und Tabellen. Keine leichte Lektüre. Trotzdem wurde es ein Weltbestseller, der das Thema der gefährlichen Auswirkungen der ökonomischen Ungleichheit für Demokratie und Wirtschaft auf die Tagesordnung setzte.

Nun ist der Folgeband „Kapital und Ideologie“ erschienen. Er hat 1312 Seiten, und um die Wahrheit zu sagen: Ich habe ihn nicht von vorn bis hinten gelesen. Ganze zwölf Stunden habe ich mit ihm verbracht. Hätte ich bei Seite 9 angefangen, wäre ich jetzt vermutlich irgendwo in der Mitte des Bandes angelangt. Vielleicht im Kapitel „Dreigliedrige Gesellschaften und Kolonialismus: der Fall Indien“. Stattdessen habe ich die Einleitung gelesen und im Rest des Buches mehr oder weniger geblättert. Dabei ist mir womöglich einiges von der Arbeit Pikettys entgangen. Aber er hat mich begeistert, und ich möchte, dass mehr Menschen sich (möglichst intensiver, als ich es bisher getan habe), mit „Kapital und Ideologie“ beschäftigen.

Der Kampf hört niemals auf

Im Jahr 2004 erklärte der US-Milliardär Warren Buffett, geboren 1930: „Wenn in Amerika ein Klassenkampf tobt, ist meine Klasse dabei, ihn zu gewinnen.“ Warren Buffett ist kein Bill Gates. Er hat keine neue Technologie entwickelt. Er hat nichts erfunden. Nicht einmal neue Finanzpakete hat er geschnürt. Warren Buffett hat sein langes Leben lang nichts anderes getan als aus Geld noch mehr Geld zu machen.

Thomas Piketty zeigt, dass es diesen Klassenkampf gibt. Er zeigt, dass es ihn, solange die Geschichte zurückreicht, immer gegeben hat. Das Wort kommt bei ihm kaum vor. Er drückt sich anders aus. Er schreibt zum Beispiel: „Jede Gesellschaft, also jedes Ungleichheitsregime...“ Das scheint mir eine zentrale Einsicht des Buches. Gesellschaft bildet sich nicht als Vertrag von Gleichen, sondern geht hervor aus einem Prozess der Unterwerfung. Für den werden Begründungen, Theorien, Ideologien herbeigeholt. Sie dienen nicht nur gegenüber den Unterworfenen als Rechtfertigung, diese Mythen feuern auch die Sieger an. Sie verschaffen ihnen ihr Überlegenheitsgefühl. Diese Funktion scheint mir Piketty zu unterschätzen.

Thomas Piketty zeigt, dass Gesellschaften zwar niemals umfassend egalitär waren, dass aber der Kampf um die Anteile am Produkt niemals aufhörte. Das „Produkt“ umfasst hier deutlich mehr als das, was wir einmal Bruttosozialprodukt nannten. Piketty erinnert zum Beispiel auch daran, dass ausgerechnet in den 2010er-Jahren in den USA die Lebenserwartung sank. Das war jener Abschnitt der jüngsten Entwicklung des Landes, in dem die bestverdienenden zehn Prozent der Bevölkerung über 48 Prozent des Gesamteinkommens verfügten. Blickt man noch etwas genauer hin, stellt man fest, dass ein Hundertstel der Bevölkerung sich zwanzig Prozent des Gesamteinkommens geschnappt hatte.

In Hinduismus und Islam gab es einen Erbklerus

Da es um 1900 nicht viel anders aussah, könnte man auf die Idee kommen, so sei es eben. Aber Thomas Piketty sieht sich die Entwicklungskurven an. Das reichste Hundertstel verfügte 1950 zum Beispiel nur über deutlich unter 15 Prozent. Zu früheren Zeiten fehlen vergleichbare Daten. Es lässt sich also nichts sagen über das damalige Verhältnis des obersten Hundertstels zum Rest der Gesellschaft. Gehörten etwa die Spitzen des Klerus zum obersten Hundertstel oder nicht?

Thomas Piketty weist darauf hin, dass die Einführung des Zölibats im Laufe des 11. Jahrhunderts womöglich damit zusammenhing, dass die Kirche verhindern wollte, dass ihr Einfluss durch den der Familien der Kleriker zurückgedrängt wurde. In Hinduismus und Islam gab es – auch daran erinnert er – einen Erbklerus, der größeren Einfluss hatte als die kirchlichen Institutionen. Das klingt, so wie ich es hier sage, einfach hingeworfen. Aber in Wahrheit berührt es zentrale Probleme der ökonomischen und sozialen Ungleichheit, ihrer Rechtfertigung und also auch die Frage, wie man ihr den Garaus machen kann.

Letzteres ist das zentrale Anliegen Pikettys, und es wird mit Sicherheit am heftigsten debattiert, ja bekämpft werden. Piketty ist sich dessen bewusst. Darum warnt er gleich zu Beginn davor, es sich einfach zu machen und nur die Einleitung (70 Seiten) und das Schlusskapitel „Elemente eines partizipativen Sozialismus für das 21. Jahrhundert“ (85 Seiten) zu lesen. Man werde dann nicht verstehen, wie er zu so optimistischen Ausblicken kommen kann.

Piketty wurde im Jahr 1971 geboren. Er wuchs heran in einer Welt, in der man der Sowjetunion beim Sterben zusehen konnte. Er hat den Ost-West-Konflikt nur in der Phase seiner Auflösung erlebt. Ihm fehlt die Erfahrung des Glaubens an die Unsterblichkeit menschlicher Einrichtungen. „Kapital und Ideologie“ ist ein Stück Weltgeschichte als eine Ortsbestimmung der Gegenwart. Einer Gegenwart, die sich klar darüber ist, dass sie nichts ist als der Übergang in eine Zukunft, die wir gestalten müssen.

Frauen kommen nicht vor

Der Leser von oder auch nur in Thomas Pikettys Buch wird den Eindruck nicht los, dass Piketty dem „Kapital des 21. Jahrhunderts“ die Ideologie hinzufügte, weil er feststellen musste, dass sein Millionenpublikum durch Zahlen allein nicht aufzustacheln war für einen Kampf um eine bessere Zukunft. Man kann die Zahlen nicht erörtern, ohne sich auch Gedanken zu machen über die Brille, durch die man sie sieht.

Frauen kommen in Thomas Pikettys Buch so gut wie nicht vor. Für ein Buch, das sich so grundsätzlich mit der Produktion und der Abschaffung von Ungleichheit beschäftigt, ist das eine völlig unverständliche Lücke. Die ungleiche Behandlung der Frau ist eine die Menschheitsgeschichte fast überall, fast in jedem Moment durchziehende Konstante. Dass sie keinen systematischen Stellenwert hat in diesem so systematischen Buch, ist nicht zu begreifen.

Das große Verdienst des Buchs ist die Rehabilitierung des historischen Vergleichs. Die erzählende Geschichtswissenschaft verweigerte sich ihm, so wenig sie ohne den scheelen Blick nach drüben auskam, systematisch. Was geschah, war einmalig, und es in seiner Einmaligkeit zu erkennen, war Aufgabe der Geschichtsschreibung. Piketty vergleicht die unterschiedlichsten Gesellschaften, allemal „Unrechtsregime“. Er ist nicht auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Er interessiert sich für die Variationen. Also für das jeweils Besondere. Aber Thomas Piketty sieht es als ein Besonderes in einer Folge von Gegenüberstellungen. Die Unterschiede ergeben sich aus Konstellationen vieler, aber nicht unendlich vieler Faktoren.

Keine Vergangenheit ist wirklich vergangen

Zu denen gehören ganz wesentlich die Gedanken, die wir uns über die Welt machen. Sie können ihr vorauseilen, und sie können mit schwer zu schlagender Sturheit an längst begrabenen Vergangenheiten festhalten, sie können sogar versuchen, die Gegenwart zurück zu katapultieren in Schichten, die man in archäologischer Ferne glaubte. Das Vertrackte ist, das macht einem die Lektüre klar, dass zwar alles mit allem zusammenhängt, dass aber auch alles seine eigene Geschichte hat. Keine Vergangenheit ist wirklich vergangen. Alles ist mobilisierbar. Von allen Seiten. Darum schreibt Piketty: Der Umweg über die langfristigen Entwicklungen ist unumgänglich. „Er wird uns zunächst und vor allem die politisch-ideologische Vielfalt der Ungleichheitsregime ebenso ermessen lassen wie die Vielfalt der Wege und möglichen Abzweigungen. Die verschiedenen menschlichen Gesellschaften haben in der Geschichte großen Erfindungsreichtum in der ideologischen und institutionellen Organisation sozialer Ungleichheiten bewiesen, und man wäre schlecht beraten, diese intellektuellen und politischen Konstruktionen bloß für einen trügerischen Deckmantel zu halten, der den Eliten dazu dient, ihre immer gleiche Herrschaft zu rechtfertigen.“

Nur in der Nacht der Unwissenheit sind alle Katzen grau. Thomas Piketty drückt einen Schalter, und es wird hell. Die Raubtiere strahlen in allen Größen und Farben.

Thomas Piketty: Kapital und Ideologie. Aus dem Französischen von André Hansen, Enrico Heinemann, Stefan Lorenzer, Ursel Schäfer und Nastasja Dresler. C. H. Beck, 1312 S., 158 Grafiken in s/w und 11 Tabellen. 39,95 Euro