Tochterfirma von Nokia: BMW, Apple, Facebook und Co. stehen für Kartendienst Here Schlange

Berlin - Jeden Tag werden schätzungsweise drei Millionen Ergänzungen und Verbesserungen für die digitalen Landkarten erstellt. 6000 Frauen und Männer in sogenannten Field Offices sammeln die Daten dafür. Dies ist eine Art moderner Rohstoffförderung, die in den nächsten Jahren in unserer digitalisierten Welt von zentraler Bedeutung sein wird. Here heißt die Firma, die dieses Geschäft betreibt. Noch ist sie ein Teil des Telekommunikationsausrüsters Nokia. Doch die Finnen wollen ihre Tochter in den nächsten Monaten verkaufen. Interessenten stehen Schlange. Die Autobauer BMW, Mercedes und Audi gehören dazu, aber auch der Taxidienst Uber, der Computerkonzern Apple  oder der Internet-Riese Facebook.

Einem Bericht der New York Times zufolge laufen die Verhandlungen. Wer den Zuschlag bekommt, soll Ende Mai bekannt gegeben werden. Sowohl die deutschen Autobauer als auch die US-Firmen wollten am Freitag den Bericht nicht kommentieren. Nokia will den Angaben zufolge beim Verkauf von Here in jedem Fall drei Milliarden Dollar kassieren, die aktuellen Gebote sollen sich bei 2,7 Milliarden Dollar bewegen, berichtet der Finanznachrichtendienst Bloomberg. Es könnte also auch sein, dass ein Deal zunächst nicht zustande kommt. Branchenkenner schätzen aber, dass Here früher oder später losgeschlagen wird. Der geplante Verkauf soll Nokia dazu dienen, von Rating-Agenturen bessere Bewertungen für Kredite zu bekommen, was dem Unternehmen die geplante Übernahme des Rivalen Alcatel-Lucent erleichtern wird.

Verlust höher als Erlöse

Here ist aktuell ein nicht unbedingt erfolgreiches Projekt. Im jüngsten Geschäftsjahr wurde ein Umsatz von 970 Millionen Euro erreicht, das sind weniger als acht Prozent der Gesamterlöse von Nokia. Der operative Verlust von 1,24 Milliarden Euro liegt höher als die Erlöse, wobei 1,21 Milliarden auf eine Abschreibung auf Firmenwerte zurückgingen. Here geht zurück auf das 1985 in Chicago gegründete Unternehmen Navteq, das 2007 von Nokia für 8,1 Milliarden Dollar gekauft wurde.

Die Finnen, die damals noch der weltgrößte Handyhersteller waren, wollten ganz groß in das Geschäft mit Navigation und digitalen Landkarten einsteigen. Doch sie schafften es nicht, die neue Sparte in die richtige Spur zu setzen und zu etwas Lukrativem zu machen – dabei spielte aber auch eine Rolle, dass die Geodaten erst in den vergangenen drei, vier Jahren auf vielen Feldern massiv an Bedeutung gewonnen haben. Die Datensätze von Here gelten als hochgradig verlässlich, weil sie mit großem Aufwand ständig aktualisiert werden. Genau dies hat es bislang aber auch so schwer gemacht, mit dem Dienst Geld zu verdienen. Die elektronischen Landkarten laufen sowohl mit den gängigen Betriebssystemen von Smartphones als auch auf Personal Computern und in den fest installierten Navigationssystemen von Autos. 

Hier hat Here heute einen Marktanteil von rund 80 Prozent. Dies erklärt auch, warum ein Konsortium mit den deutschen Autobauern BMW, Audi und Mercedes am Kauf der Nokia-Tochter interessiert ist, wobei der chinesische Internet-Gigant Baidu auch noch mit von der Partie sein soll. Die Bedeutung der digitalen Landkarten dürfte in den nächsten Jahren deutlich wachsen. Denn sie werden benötigt, um Autos zu steuern und zu kontrollieren, die sich autonom, also ohne Zutun des Fahrers vorwärts bewegen. Hier wird eine rasante Entwicklung erwartet. Falls das deutsch-chinesische Konsortium den Zuschlag erhält, sollen die Daten gegen Lizenzgebühren auch anderen Unternehmen zur Verfügung gestellt werden, berichtet die New York Times. Digitale Landkarten seien wichtige Langzeit-Vermögenswerte für Autobauer. Deshalb sei es sinnvoll, wenn sich die Firmen den Zugriff darauf sicherten, betont der Analyst Jeremy Carlson vom Marktforschungsunternehmens IHS Automotive.

Angst vor Abhängigkeit von Google

Der Hintergrund:  Google Maps,  Landkartensparte des allgegenwärtigen Suchmaschinen-Konzerns, dominiert derzeit die Welt der Geodaten – allein etwa eine Milliarde  Smartphone-Nutzer rufen Maps regelmäßig auf. Die Autobauer haben offenbar Angst, dass sie von Google über kurz oder lang abhängig werden könnten. Das wäre fatal, weil Google selbst an Pkws mit Autopilot arbeitet, dasselbe wird Apple nachgesagt – beim weltgrößten Computerkonzern kommt hinzu, dass es beim eigenen Kartenmaterial in der Vergangenheit heftige Probleme gab. 

Für Facebook ist Here interessant, da immer mehr Nachrichten in sozialen Netzwerken mit Standortinformationen verknüpft werden. Deshalb könnte ein eigener Kartendienst dem Hauptgeschäft von Facebook, dem Sammeln und Verwerten von Daten, einen massiven Schub bringen. Der heftig umstrittene Taxidienst Uber ist ein naheliegender Interessent, da sich das Unternehmen zu einem umfassenden Mobilitätsdienstleister entwickeln will. Dazu gehört auch eine Lösung für Mitfahrgelegenheiten, und dafür sind die digitalen Landkarten unerlässlich.

Für Experten steht jedenfalls fest, dass Geodaten künftig zu einer Art Basisinfrastruktur einer digitalisierten Welt gehören werden. Es sei extrem schwierig, an die Informationen über Straßen, Städte und Landschaften heranzukommen, sagte Jamie Moss vom Marktforschungsunternehmen Ovum. Und Here könne die Daten jederzeit liefern.