Herbert Pfriem ist der Verzweiflung nahe. Die Dürre macht dem Landwirt aus dem unterfränkischen Landkreis Kitzingen in Bayern zu schaffen. Pfriem baut vor allem Getreide an – und hat gerade dramatische Einbußen erlitten: „Bei manchen Sorten wie Hafer und Sommergerste sind es 70 Prozent weniger als im vergangenen Jahr, beim Winterroggen sind es 50 Prozent – obwohl diese Sorte extrem robust ist.“ Insgesamt rechnet der 62-Jährige in diesem Jahr mit einem Drittel weniger Einnahmen im Pflanzenbau, seiner Haupterwerbsquelle.

Wenig Regen seit März

Wie ihm geht es den meisten Landwirten in der Gegend. Dort hat es seit März nur noch ganz wenig geregnet. „Das bisschen, das runterkam, ist sofort verdunstet“, sagt Pfriem. Schon seit einigen Jahren läuft es für die Bauern dort nicht gut. Pfriem ist überzeugt, dass der Klimawandel schuld ist. Deshalb hat er im wahrsten Sinne des Wortes damit begonnen umzusatteln: Seit einigen Jahren vermietet er nebenbei Stellplätze für Reitpferde.
Ähnlich schlechte Erfahrungen machen in diesem Sommer viele Landwirte im Südwesten der Republik, aber auch in Niedersachsen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen. Auch in einigen Gegenden Brandenburgs gab es Probleme.

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„Anfang Juni gab es in vielen Regionen in Deutschland eine extreme Dürre“, erklärt Franz-Josef Löpmeier, Leiter des Zentrums für Agrarmeteorologische Forschung beim Deutschen Wetterdienst in Braunschweig. „Im Juni war der Niederschlag in vielen Gegenden nur etwa 30 Prozent der Menge, die sonst üblich ist. In manchen Regionen war es sogar noch weniger.“ Betroffen sind vor allem Wintergerste und Winterweizen, die relativ früh geerntet werden und vor allem für Tierfutter verwendet werden.
Inzwischen habe sich die Lage in den meisten Gegenden zwar etwas entspannt, sagt Löpmeier. Doch Entwarnung kann deshalb nicht gegeben werden. Wegen der geringen Niederschläge im April, Mai und Juni sei die Bodenfeuchte in vielen Regionen vielerorts noch gering. „Sollte es in nächster Zeit nochmals zu einer Woche oder zehn Tagen Trockenheit kommen, wird es hohe Verdunstungsgrade geben und dann wäre die Lage wieder extrem“, warnt Löpmeier. Bis Mitte nächster Woche sehe es mit Regen ganz gut aus, „doch was danach kommt, ist noch völlig offen“. Zuverlässige Wetterprognosen seien in der Regel nur für fünf bis sieben Tage möglich. „Längerfristigere Prognosen sind unseriös und für die Landwirtschaft unbrauchbar.“

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Im vergangenen Jahr hatten die deutschen Landwirte noch eine Rekordernte eingefahren. Und auch wenn es außerhalb der erwähnten Regionen lange nicht so schlimm aussieht und die Bauern in Südbayern oder Brandenburg beispielsweise recht zufrieden sind – in diesem Jahr werden sich die deutschen Bauern insgesamt mit deutlich geringeren Erträgen begnügen müssen. Wie hoch die Einbußen sein werden, muss sich noch herausstellen, schließlich hat die Erntesaison in den meisten Regionen erst begonnen. Ungünstigerweise setzte vielerorts der Regen genau zum Beginn der Erntezeit ein, also als er gar nicht mehr zu gebrauchen war – die Ernte musste oftmals unterbrochen werden.

Kurzfristig keine Preiserhöhung

Einzig bei der Wintergerste, die traditionell früh abgeerntet wird, lässt sich schon Genaueres sagen. „Angesichts der Niederschlagsdefizite – regional weniger als ein Drittel der Normalwerte – kam es hier zu erheblichen Trockenschäden und folglich Ertragsminderungen“, heißt es beim Deutschen Bauernverband in Berlin. Die bundesweite Gesamterntemenge an Wintergerste schätzt der Verband derzeit deshalb auf 8,6 Millionen Tonnen. Das wären neun Prozent weniger als im Vorjahr. Nächste Woche will der Bauernverband eine Ernteprognose für alle wichtigen landwirtschaftlichen Erzeugnisse abgeben.

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Keine Sorgen müssen sich indes die Verbraucher machen. Mit Preiserhöhungen aufgrund geringerer Erntemengen ist nicht zu rechnen, jedenfalls vorerst nicht. „Kurzfristige Preisschwankungen in der Lebensmittelproduktion können aufgrund fester Lieferverträge und dem harten Wettbewerb nicht immer sofort an den Kunden weitergegeben werden“, erklärt Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie. Zudem mache der Rohstoffpreis nur einen geringen Teil des Preises aus, den der Endverbraucher bezahle. Überdies werde der Preis für Agrarrohstoffe nach Angebot und Nachfrage am Weltmarkt entschieden. Das bedeutet: Eine schlechte deutsche Ernte ist zwar für die hiesigen Landwirte dramatisch. Auf den Weltmarktpreis hat das aber nur eine minimale Auswirkung.