Pferdefleisch im Rindergulasch, falsche Bio-Eier, Schimmel-Mais im Kuhstall – wenn es so weitergeht, wird 2013 zum Rekordjahr der Lebensmittelskandale. Dabei mischen sich in der Öffentlichkeit Ekelgefühle mit dem eher diffusen Verdacht, durch die industrialisierte Nahrungsproduktion wachsenden gesundheitlichen Risiken ausgesetzt zu sein. Unser Essen scheint zunehmend verseucht, verdorben und verdreckt, belastet mit Schadstoffen, befallen von Keimen. Dieser Eindruck ist nachvollziehbar, aber dennoch grundfalsch.

Verbrauchern haben Vertrauen verloren

Tatsächlich nämlich seien „Lebensmittel heutzutage im Vergleich zu früher aus naturwissenschaftlicher Sicht signifikant sicherer und qualitativ deutlich besser geworden“, heißt es in einer aktuellen Analyse des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Trotz dieser Tatsache hätten heutige Verbraucher das Vertrauen in die Güte der Produkte mehr und mehr verloren, während Nahrungsmittel aus Omas Kindertagen den Nimbus gesunder Ursprünglichkeit trügen. In Wirklichkeit verhalte es sich aber genau anders herum. Durch moderne Anbau- und Weiterverarbeitungsmethoden, mittels genauer Analyse- und Kontrollverfahren sowie durch Kühltechniken und schnelle Transportwege seien Lebensmittel heute viel sicherer als zu Zeiten der Einweckgläser, Stockfische und Bauernmärkte.

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Zum Entstehen der Fehleinschätzung tragen nach Ansicht der BfR-Forscherin Gaby-Fleur Böl die Medien mit ihrer teilweise übertreibenden hysterischen Berichterstattung über Lebensmittelskandale bei. Zum anderen vertiefe die Kluft zwischen romantisierender Werbung für angeblich naturbelassene Nahrungsmittel und deren offenkundig industrieller Herstellung das Misstrauen der Verbraucher. Allerdings schadet Skepsis gegenüber Werbebotschaften und Fertiggerichten – und sei sie auch übertrieben – zumindest nicht der Gesundheit.

Verbraucher bewerten Geundheitsrisiken falsch

Anders verhält es sich mit einer zweiten Fehleinschätzung, die tatsächliche Gefährdungen im Lebensmittelbereich betreffen. So wurden in einer BfR-Befragung zur Bewertung von Gesundheitsrisiken nach dem Spitzenreiter Umweltverschmutzung bereits an zweiter Stelle Lebensmittel als potenzielle Gefahrenquelle genannt – noch vor Alkohol, Medikamenten und Tabak. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das ein nachgerade bizarres Ergebnis.

Ebenfalls falsch schätzen die meisten Verbraucher Gefahren ein, die von Lebensmittelskandalen ausgehen: In einer umfassenden Verbraucherbefragung vom Herbst 2011 geht hervor, dass die gesundheitliche Belastung durch Dioxin-Eier, die Anfang des Jahres aufgetaucht waren, deutlich höher eingeschätzt wurde als durch die mit dem Ehec-Erreger verseuchten Sprossen im Sommer.

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#infoboxTatsächlich aber hätte ein Erwachsener ein ganzes Jahr lang täglich zwei der Dioxin-belasteten Eier verzehren können und wäre nicht annähernd auf die Anreicherung des Giftes im Fettgewebe gelangt, die noch vor 20 Jahren durch die allgemeine Umweltbelastung durchschnittlich auffindbar war. Demgegenüber ging von Ehec eine sehr konkrete Gefahr aus, zwischen Mai und August starben 53 Menschen in Deutschland an der Infektion, bei einigen hundert der 3842 Infizierten verlief die Erkrankung äußerst schwer.

Gefahr durch Salmonellen wird unterschätzt

Ähnliches gilt für die Gefahr durch Salmonellen, die sträflich unterschätzt wird, während gesundheitsschädigende Wirkungen von Pflanzenschutzmittelrückständen meist viel zu hoch bewertet werden. Laut BfR sind etwa Schimmelpilzgifte im Getreide um ein vielfaches gefährlicher als Mittel, die gegen den Pilzbefall zum Einsatz kommen. Zudem wurden in früheren Jahrzehnten weitaus schädlichere Stoffe ausgebracht als heute.

An die Politik richtet das BfR den Appell, bei künftigen Lebensmittelskandalen die Befürchtungen der Bevölkerung ernst zu nehmen, sie aber zugleich sachlich und wissenschaftlich fundiert über die tatsächlichen Risiken aufzuklären. Es bedürfe einer „offenen und verständlichen Risikokommunikation“, um das Vertrauen in den gesundheitlichen Verbraucherschutz wieder zu stärken. Ein frommer Wunsch.