Das Brandenburger Tor im Zeichen der Coronakrise. Doch inzwischen steigt die Zahl der Passanten wieder an.
Foto: Imago Images

BerlinBleibt zu Hause! Das ist eine Forderung, die viele Menschen während der Coronakrise offenbar tatsächlich beherzigen. Die Mobilität in Deutschland ist im Zeichen der Pandemie deutlich zurückgegangen. Zu diesem Zwischenergebnis ist jetzt ein großangelegtes Forschungsprojekt der Humboldt-Universität (HU) und des Robert-Koch-Instituts gekommen. Berlin schneidet im Vergleich der größten Städte aber nur ziemlich mittelmäßig ab. Und für ganz Deutschland gilt, dass die Mobilität inzwischen wieder zunimmt. „Es kann sein, dass die Menschen etwas laxer werden in ihrem Verhalten“, erklärte Frank Schlosser von der HU.

Der Physik-Doktorand gehört zu dem Team, das eine gewaltige Menge von tagesaktuellen Daten der Mobilfunkanbieter Telekom und Telefónica auswertet. Wer sich mit dem Mobiltelefon bewegt, hinterlässt anonyme Spuren. Die aufgezeichneten Ortsveränderungen sind Grundlage der Studie zur Mobilität in Deutschland, zu der nun ein erster Bericht vorgelegt worden ist.

„Während wir Anfang März 2020 an einem typischen Werktag rund 190 Millionen Bewegungen erfasst haben, sank diese Zahl bis Ende März auf etwa 120 Millionen Bewegungen“, stellte das Forscherteam um Professor Dirk Brockmann in dem Bericht fest. Schon die freiwilligen Appelle, zu Hause zu bleiben, fruchteten offensichtlich. In der zweiten Märzwoche, die am 9. März begann, lag die Mobilität bereits klar unter dem Durchschnitt des Vorjahresmonats. Eine noch stärkere Abnahme war in der dritten Märzwoche (ab 16. März) festzustellen, als Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bürger bei einer Fernsehansprache darum bat, die Coronakrise ernst zu nehmen.

Quelle Humboldt Universität Berlin/Robert-Koch-Institut

Regionale Unterschiede klar erkennbar

In der vierten Märzwoche (ab 23. März), als in Berlin und anderen Orten Kontaktverbote in Kraft traten, erreichte die Mobilität den bisher niedrigsten Stand. So gab es in jener Woche bundesweit 39 Prozent weniger Bewegungen als im März des Vorjahres. Höhepunkt war der 29. März, als das Minus in Deutschland 55 Prozent erreichte. In Friedrichshain-Kreuzberg betrug der Rückgang sogar 70 Prozent.   

„In jener Woche sind regionale Unterschiede klar erkennbar“, stellten die Forscher fest. So ging die Mobilität in Grenzregionen stärker zurück als anderswo, was mit den Grenzschließungen zu tun haben könnte. Zwei weitere Erkenntnisse: In Großstädten und Stadtgebieten nahm die Mobilität deutlicher ab als im ländlichen Raum. In Bayern, wo schon seit dem 20. März eine strikte Ausgangssperre herrscht, war der Rückgang besonders stark. Auch in westdeutschen Städten blieben offenbar mehr Menschen zuhause als anderswo. Dagegen nahm die Mobilität im Osten Deutschlands weniger stark ab. Klar ist auch: Reisen zwischen den untersuchten Gebieten (meist Landkreise und große Städte, in Berlin aber auch einige Bezirke) haben stärker abgenommen als Fahrten innerhalb der Untersuchungsbereiche.

„Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Corona-Fälle und der Entwicklung der Mobilität“, fasste Frank Schlosser zusammen. Wer die Pandemie in seiner Umgebung wahrnimmt, wird offenbar vorsichtiger.  Berlin gehörte nicht schon früh zu den Hotspots der Pandemie. Das ist möglicherweise ein Grund dafür, dass die Mobilität hier nicht ganz so stark zurückging wie anderswo. Während sie am 26. März in München um 54 und in Düsseldorf um 52 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats lag, summierte sich die Abnahme in der Hauptstadt auf einen niedrigere Wert: 45 Prozent.

Quelle: Humboldt Universität Berlin/Robert-Koch-Institut

In Brandenburg an der Havel nahm der Verkehr kaum ab

Auch zu einigen Bezirken liegen Daten vor – die jüngsten für den vergangenen Montag. Am 6. April lag die Mobilität in Friedrichshain-Kreuzberg um 51 Prozent unter dem Wert vom März 2019, in Reinickendorf um 35 Prozent, in Tempelhof-Schöneberg um 34 Prozent. Dagegen betrug die Abnahme in Lichtenberg lediglich 27 Prozent. Auch im Land Brandenburg ging die Mobilität nur mäßig zurück. Potsdam lag mit 37 Prozent Rückgang noch an der Spitze. Im Landkreis Havelland betrug die Abbnahme dagegen nur 21, in Märkisch-Oderland 19 sowie in Barnim 15 Prozent. In Brandenburg an der Havel wurden sogar nur sechs Prozent weniger Ortsveränderungen gezählt, das ist fast ein deutscher Minusrekord.  

Die jüngeren Zahlenwerte zeigen auch, dass die Mobilität in Deutschland seit Ende März/Anfang April wieder angestiegen ist. Am 6. April lag das Minus bundesweit nur noch bei 26 Prozent. „Ein Grund für den Rückgang könnte das schöne Wetter sein“, so Schlosser. Möglich sei aber auch, dass manche Menschen die Coronakrise etwas lockerer sehen. "Wir wollen die Daten bald auch mit dem April 2019 vergleichen. Dies wird uns helfen, das zu verstehen." So viel steht fest: Die Forscher bleiben dran.