Man stelle sich vor, ein Land wird reicher, und niemand kriegt es mit. Die US-amerikanische Wirtschaft erzielte in den vergangenen Jahrzehnten meist hohe Wachstumsraten. Ökonomen machen dafür die freien Märkte, geringe staatliche Abgaben und den flexiblen Umgang mit den Arbeitnehmern verantwortlich. Doch das hat seinen Preis: Nach neuen Berechnungen hat rund die Hälfte aller Amerikaner nichts vom wachsenden Kuchen abbekommen. Ihr Einkommen stagniert – seit 35 Jahren.

Quasi Vollbeschäftigung

Am Freitag tritt Donald Trump als neuer Präsident der Vereinigten Staaten an. Er erbt eine starke Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte dieses Jahr um zwei bis drei Prozent wachsen. Gemessen an der Arbeitslosenrate herrscht quasi Vollbeschäftigung. Trump hat versprochen, nochmal eins draufzulegen: Mit Steuersenkungen und Infrastrukturausgaben will er die Wachstumsrate auf mittelfristig auf vier Prozent treiben. 

Nach landläufiger Meinung müssten davon alle Amerikaner etwas haben. Die geplanten Steuersenkungen werden zwar vor allem den Wohlhabenden zu Gute kommen. Doch Teile des wachsenden Reichtums sollen nach unten zu den Ärmeren „tröpfeln“ – Trickle-down heißt die dazu passende Theorie. Eine Theorie, die sich zumindest für die USA als falsch erwiesen hat. Die Ökonomen Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman errechnen: Die am Einkommen gemessen ärmere Hälfte der Erwachsenen ist vom Wirtschaftswachstum seit den siebziger Jahren komplett ausgeschlossen.

Bruttoinlandsprodukt wuchs um 60 Prozent

Zwischen 1980 und 2014 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – der Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen – in den USA real von etwa sechs auf rund 16 Billionen Dollar. Pro erwachsenem Amerikaner legte das BIP um etwa 60 Prozent zu. Dennoch verdienten Erwerbstätigen aus der unteren Hälfte der Einkommensstruktur abzüglich Inflation 2014 durchschnittlich so viel wie 1980: 16.000 Dollar

Zugewinne gab es laut Piketty und Kollegen vor allem an der Spitze: Die reichsten zehn Prozent der US-Erwerbstätigen hatten 2014 121 Prozent mehr als 1980, beim reichsten ein Prozent verdreifachte sich das Einkommen, beim reichsten 0,001 Prozent stieg es um das Siebenfache.

Wer bekam also wie viel vom gewachsenen Kuchen? Das reichste ein Prozent erhielt rund ein Drittel, die reichsten zehn Prozent zwei Drittel, ein Drittel ging an die Mittelklasse. Die ärmeren 50 Prozent der Erwerbstätigen,  immerhin 117 Millionen Erwachsene, erhielten: nichts. „Eine Wirtschaft, die über eine Generation der Hälfte der Bevölkerung kein Wachstum liefert“, so die Ökonomen, produziert zwangsläufig Unzufriedenheit.“ Auftritt Donald Trump.

Der Reichtum konzentriert sich immer stärker

Folge: Der Reichtum konzentriert sich immer stärker. 1980 verdiente die ärmere Hälfte der Amerikaner noch ein Fünftel des gesamten nationalen Einkommens vor Steuern. 2014 waren es nur noch 12,4 Prozent. Das reichste ein Prozent hingegen verdoppelte seinen Anteil auf über 20 Prozent. Angehörige dieser Elite verdienten 2014 rund 80 Mal mehr als der Durchschnitt der ärmeren Hälfte – 1980 waren es nur 27 Mal mehr. Grund für diese Konzentration war laut Piketty vor allem der Boom bei den Einkommen aus Kapital.

Dass derartige Entwicklungen nicht zwangsläufig sind, zeigt Piketty am Beispiel Frankreich. Dort wuchs das reale Einkommen der unteren Hälfte der Bevölkerung seit 1980 um ein Drittel und damit in etwa so stark wie der landesweite Durchschnitt. Ergebnis: Die ärmeren 50 Prozent der Franzosen verdienen heute mehr  als die Vergleichsgruppe in den USA.