Berlin - Chinesische Unternehmen sind auf Einkaufstour. Im ersten Halbjahr haben sie so viele europäische Unternehmen übernommen wie nie zuvor, errechnet die Unternehmensberatung Ernst & Young (E&Y). Bevorzugtes Ziel der Chinesen: Deutschland. Hier läuft derzeit die Übernahme des Roboterherstellers Kuka durch den Konzern Midea. Politiker hier zu Lande sorgen sich, dass die Übernahme zu einem Verlust an Jobs und Know-how führen könnte.

Doch E&Y sieht das gelassen. „Angst müssen wir in Deutschland nicht haben“, beruhigt Yi Sun, Partnerin von E&Y Deutschland. „Die Zeiten, in denen hier ein Stahlwerk abgebaut und in China wieder aufgebaut wurde, sind längst vorbei.“

Wie viel kaufen die Chinesen in Europa?

Im ersten Halbjahr 2016 kauften sich chinesische Adressen in 164 europäische Unternehmen ein, so E&Y. Das waren fast so viele wie im Gesamtjahr 2015 (183) und vier Mal so viele wie 2006 (40).  Das Volumen belief sich in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres auf 72,4 Milliarden Dollar, fast doppelt so viel wie im vergangenen Jahr (40 Milliarden). Zum Vergleich: 2006 investierten Chinesen nur 4,5 Milliarden Dollar in europäische Unternehmenskäufe und –beteiligungen.

Wo kaufen die Chinesen?

Attraktiv sind offensichtlich vor allem deutsche Unternehmen. Im ersten Halbjahr erwarben Chinesen 37 hiesige Firmen, im Gesamtjahr 2015 waren es 39. Noch deutlicher wird der Sprung, wenn man die Volumina betrachtet: Chinesischen Übernahmen in Höhe von 526 Millionen Dollar 2015 stehen nun 10,8 Milliarden Dollar allein im ersten Halbjahr gegenüber. Gemessen an der Anzahl der Transaktionen folgen hinter Deutschland Frankreich mit 23 Akquisitionen, Großbritannien (20) und Italien (15).

Zwar holt China als Investor stark auf. Vergleicht man jedoch nicht die Neu-Investitionen, sondern den über die Jahre aufgelaufenen Bestand an Investitionen, zeigen sich die wahren Größenverhältnisse: Laut Bundesbank hatten deutsche Unternehmen 2014 insgesamt 64 Milliarden Euro in chinesische Unternehmen und deutsche Auslandstöchter in China investiert. Chinas Investitionsbestand in Deutschland belief sich dagegen nur auf etwa zwei bis vier Milliarden Euro.

Was sind die größten Brocken?

Der mit Abstand größte Deal ist die Übernahme des schweizerischen Chemieunternehmens Syngenta durch Chemchina in Höhe von 44 Milliarden Dollar – diese Übernahme ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Dahinter folgt der Kauf des finnischen Onlinespiele-Entwicklers Supercell durch Tencent für 8,6 Milliarden Dollar. Derzeit bietet der chinesische Midea-Konzern knapp 4,7 Milliarden Dollar für den deutschen Roboterhersteller Kuka. Für die deutsche EEW zahlte Beijing Enterprises 1,6 Milliarden.

Was kaufen die Chinesen?

Laut E&Y stehen für die Investoren aus Fernost vor allem Industrieunternehmen im Fokus – 17 der 37 in Deutschland übernommenen Firmen kommen aus dieser Branche. Von 164 Unternehmensbeteiligungen in Europa betrafen 45 Industrieunternehmen. Dahinter folgen die Branchen Technologie und Energie. „Das starke Interesse der Chinesen an Industrieunternehmen kommt vor allem Deutschland zu Gute“, so E&Y. „Anders als in anderen Ländern kam es hier nie zur Deindustrialisierung.“ Im ersten Halbjahr stand China auf Platz drei der größten Investoren in Deutschland hinter den USA (64 Übernahmen) und der Schweiz (45).

Sind die Übernahmen ein Problem?

Laut E&Y nicht. Zwar wird vielfach befürchtet, die chinesischen Investoren könnten Know-how und Arbeitsplätze aus Europa abziehen. Doch sei diese Angst unbegründet. „Zu den bevorzugten Übernahmezielen in Deutschland zählen vorwiegend Hochtechnologie-Unternehmen“, erklärt die Unternehmensberatung. Hier sei die Standortverlagerung „unmöglich, weil sehr viel Know-how hinter dem gesamten Produktions-, Logistik-, Management- und IT-Prozess steckt“. Zusätzlich brauche man hoch qualifizierte Mitarbeiter, di in der Anzahl in China nicht vorhanden seien.