Das Berliner Unternehmen profitiert vom Online-Handel. Wie lange der noch prosperiert, ist fraglich. 
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Berlin - Seitenaufrufe sind die Ladenklingeln des digitalen Handels. Jeder Klick bedeutet, es kommt Kundschaft ins Geschäft, um im Sortiment zu stöbern. Das Online-Modekaufhaus Zalando kann sich in dieser Hinsicht nicht beklagen. Im vergangenen Jahr zählte das Berliner Unternehmen mehr als vier Milliarden Seitenaufrufe. Damit schellte die Ladenglocke in jeder Stunde fast eine halbe Million Mal. Und es wurde nicht nur geguckt, sondern auch gekauft, wie die am Donnerstag vorgelegte Bilanz für das Jahr 2019 belegt. Danach stieg der Umsatz von Zalando auf 6,5 Milliarden Euro.

Zalando, das Vorzeigeunternehmen der neuen Berliner Wirtschaft, wuchs damit schneller als der Gesamtmarkt. Denn während hierzulande der Einzelhandelsumsatz insgesamt um 1,2 Prozent zulegte, der Online-Handel um gut neun Prozent, ging es bei Zalando um gut 20 Prozent nach oben. 31 Millionen sogenannte aktive Kunden hat das 2008 gegründete Unternehmen mittlerweile in der Kartei. Jeder von ihnen kaufte im vergangenen Jahr im Schnitt 4,7 Mal bei Zalando ein und gab dabei jeweils 56,60 Euro aus.

Beginn vor 12 Jahren als Schuhverkaufsplattform

„Hinter uns liegt ein sehr erfolgreiches Jahr“, sagte Zalandos Finanzchef David Schröder am Donnerstag. Dabei hat sich das Unternehmen, das vor zwölf Jahren als Schuhverkaufsplattform gestartet war und längst als Prototyp des erfolgreichen Hauptstadt-Start-ups gilt, besonders im vergangenen Jahr deutlich verändert. Die Eigenmarken wurde zurückgefahren. Dafür empfahl sich Zalando Drittanbietern als Technologieunternehmen und Plattform, um beiderseits noch stärker vom weiter wachsenden Internetgeschäft profitieren zu können.

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Zalando verfolgt konsequent das Ziel, die erste Anlaufstelle für jeden zu sein, der ein neues Kleidungsstück sucht. „Spotify der Mode“ will Zalando sein und formuliert damit ein sehr lohnendes Ziel. Zalando selbst schätzt den weltweiten Gesamtmarkt für Mode auf derzeit rund 450 Milliarden Euro, wovon etwa ein Viertel online umgesetzt werde. Für Zalando-Chef Rubin Ritter liegt dort Zalandos Potenzial: „Das zeigt, wie viel Wachstum noch möglich ist.“

Dafür will das Online-Kaufhaus stärker als bisher im Premiumbereich der Modewelt mitmischen. Denn allein in Europa sind in diesem Handelssegment jährlich 38 Milliarden Euro zu verteilen. Dass dort was zu holen ist, hat man bei Zalando bereits erfahren. Die Premium-Kategorie wuchs dort in den letzten Monaten am schnellsten. Also soll in den nächsten drei Jahren das Luxus- und Premium-Sortiment verdoppelt werden. Tatsächlich verfügt Zalando für das Geschäft über einen Schatz.

Denn nach eigenen Angaben hat Zalando den größten Kundenstamm der Generation Z und Millennials in Europa. „Es wird erwartet, dass diese Kundengruppen bis 2025 55 Prozent aller Luxuskäufe tätigen werden“, sagt Lena-Sophie Röper, die in dem Handelshaus den Premiumbereich verantwortet. Für Luxusmarken könnte Zalando also der Weg zu neuen, jungen Kunden sein. Darüber hinaus will Zalando das Geschäft mit Secondhand-Mode ausbauen. Ab dem dritten Quartal sollen Kunden Secondhand-Mode auf der Plattform kaufen und eigene Modeartikel an Zalando verkaufen können.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher

Der Ausbau des preisintensiven Luxusgeschäfts dürfte auch Zalandos Profitabilität gut tun. Schließlich wäre dort mit höheren Warenwerten pro Bestellung zu rechnen. Denn tatsächlich ging der Bestellwert je Order in den vergangenen Jahren immer weiter zurück. Lag die durchschnittliche Warenkorbgröße je Bestellung im gesamten Geschäftsjahr 2017 noch bei 60,60 Euro, so waren es 2018 nur noch 57,20 Euro. Jetzt sind es noch weniger. Bei zugleich wachsenden Versandkosten schmälert das freilich den Gewinn. 2019 verdiente Zalando unter dem Strich gut 99 Millionen Euro.

Und wie weiter? Während Zalando als Mutter des deutschen Online-Handels auch die Berliner Wirtschaft beeinflusste, etlichen Unternehmen die Blaupause für neue Geschäftsmodelle lieferte und Firmen wie Home24, Brands4friends, Kfzteile24 oder Flaconi heute feste Größen in der hiesigen E-Commerce-Landschaft sind, bietet der Online-Handel auch Angriffsfläche.

E-Commerce ließ den Lieferverkehr explodieren und hat einen gehörigen Anteil am Zuwachs des Verpackungsmülls. Auch Zalando. Hatte das Versandhaus laut Geschäftsbericht 2017 noch 25.000 Tonnen Verpackungsmaterial eingesetzt, waren es 2018 bereits 34.000 Tonnen. Im vergangenen Jahr kam man auf über 44.000 Tonnen. Zugleich gilt der Online-Handel als Ladenkiller.

Dennoch gilt im E-Commerce weiteres Wachstum als sicher. Thomas Roeb, Wirtschaftswissenschaftler und Professor für Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, rechnet allerdings mit deutlich geringeren Wachstumsraten. „Der Online-Handel kommt an seine Grenzen“, sagt Roeb. Zu oft seien Retouren nötig, die Preisvorteile gegenüber dem stationären Handel gering.

Daher glaubt der Handelsexperte nicht, dass der Online-Handel seinen Anteil am gesamten Einzelhandel von jetzt elf Prozent bis 2030 dramatisch ausbauen wird. „Ich rechne mit höchsten 20, eher 15 Prozent“, sagt Roeb. Damit würde der stationäre Handel auch in zehn Jahren noch 80 bis 85 Prozent des Einzelhandelsumsatzes generieren. Es bedeutet aber auch, dass Läden und Geschäfte bis dahin ein Umsatzvolumen von wenigsten 30 Milliarden Euro an den Online-Handel verlieren werden.

Zalando will mittelfristig Umsatz von 13 Milliarden Euro

Zalando sieht sich in dieser Entwicklung allerdings sogar als Retter. Denn das Versandhaus sucht die Zusammenarbeit mit kleinen Händlern, um die Lieferung innerhalb weniger Stunden oder binnen eines Tages ausbauen zu können. Wird also ein Artikel von einem Berliner Zalando-Kunden bestellt, prüfen die Computerprogramme zuerst, ob der Schuh, das T-Shirt oder die Tasche in einem der angeschlossenen Berliner Läden verfügbar ist. Ist das der Fall, geht die Order an den Händler, der die Ware verpackt. Ein Lieferdienst von Zalando sammelt dann die Bestellungen in den Berliner Läden ein, bringt sie zu einem Zwischenlager in der Stadt, von dem aus Kuriere die Waren am Abend ausliefern. Möglicher Nebeneffekt: Auf diesen vergleichsweise kurzen Wege könnte sich der Einsatz von Mehrwegverpackungen als praktikabel erweisen.

In jedem Fall bleibt der Online-Handel dank der Aussicht auf weiteres Wachstum für Unternehmensgründer interessant. Allein im vergangenen Jahr sammelten junge Berliner E-Commerce-Firmen bei Investoren zusammen 528 Millionen Euro Risikokapital ein. Damit flossen fast drei Viertel des 2019 in deutsche E-Commerce-Start-ups gepumpten Kapitals nach Berlin. Zalando will seinen Umsatz in den nächsten drei bis vier Jahren übrigens noch einmal verdoppeln – auf 13 Milliarden Euro.