Kohlekraftwerke gelten als Rückgrat der Stromversorgung in Deutschland – zum Ärger von Umwelt- und Klimaschützern. Trotz des Booms der Erneuerbaren Energien entfällt auf Braun- und Steinkohleanlagen fast die Hälfte der erzeugten Elektrizität. Etliche Kraftwerke laufen auf vollen Touren, der Ausstoß des Klimakillers Kohlendioxid steigt seit Jahren.

Jetzt allerdings erhalten die Kohle-Gegner neue Munition: Laut einer aktuellen Studie tragen die Kraftwerke weiterhin im großen Stil zum Ausstoß des gesundheitsschädlichen Quecksilbers in Deutschland bei. Rund 70 Prozent der Emissionen stammten zuletzt aus dem Energiesektor – „vor allem von den mit Braun- oder Steinkohle befeuerten Kraftwerken“, schreibt die renommierte Umweltwissenschaftlerin Barbara Zeschmar-Lahl.

Zwei Fünftel der Gesamtemission ließen sich auf acht Braunkohlekraftwerke zurückführen, die jeweils mehrere Hundert Kilogramm Quecksilber pro Jahr in die Luft bliesen, heißt es in der Studie, die im Auftrag der Grünen entstand und der Berliner Zeitung vorliegt. Würde die Bundesrepublik die deutlich strengeren Grenzwerte der USA übernehmen, müssten hierzulande umgehend rund 50 Kohlekraftwerke vom Netz gehen, ihre Abgasreinigung anpassen oder Kohle mit einem geringeren Quecksilber-Gehalt verfeuern.

505 Kilogramm Quecksilber im Jahr

Die größte Quecksilber-Menge stieß den Angaben zufolge zuletzt das Vattenfall-Braunkohlekraftwerk im brandenburgischen Jänschwalde mit 505 Kilogramm im Jahr aus. Quecksilber gilt als extrem schädlich für Mensch und Umwelt. Das giftige Schwermetall kann das Nervensystem schädigen, auch Herz-Kreislauferkrankungen und Schäden des Immunsystems werden darauf zurückgeführt.

Die US-Regierung hatte wegen der Gesundheitsrisiken im Jahr 2012 die Quecksilber-Emissionsgrenzwerte für Kohlekraftwerke drastisch gesenkt. Steinkohlekraftwerke dürfen dort jetzt höchstens noch 1,4 Mikrogramm Quecksilber pro Kubikmeter Abgas in die Atmosphäre blasen, Braunkohlekraftwerke 4,1 Mikrogramm. In Deutschland liegen die Grenzwerte mit 30 Mikrogramm im Tagesmittel deutlich höher. Würde man die strengen US-Grenzwerte zugrunde legen, dürften fast alle untersuchten deutschen Kohlekraftwerke gar nicht laufen. Durch Einführung und Einhaltung der US-Grenzwerte jedoch würden die Quecksilber-Emissionen aus diesen Quellen um die Hälfte sinken. Lediglich eine einzige Anlage blieb zuletzt sicher unter den US-Werten, das war das Steinkohlekraftwerk Datteln (NRW).

Die Grünen-Fraktion im Bundestag forderte die schwarz-rote Koalition am Donnerstag auf, deutlich strengere Grenzwerte für den Quecksilber-Ausstoß einzuführen. Es sei ein Armutszeugnis für die Bundesregierung, ausgerechnet in diesem Punkt hinter den USA hinterherzuhinken, sagten die Umwelt-Experten Oliver Krischer und Peter Meiwald. „Die Bundesregierung muss endlich handeln: Neben Klimaschutz sind Gesundheit und volkswirtschaftliche Folgekosten weitere Punkte, weshalb Deutschland noch stärker auf den Ausbau der Erneuerbaren und mehr Energieeffizienz setzen muss.“