Berlin - In der Debatte über einen Ausstieg aus der Kohleverstromung rücken neben dem Klimaschutz zunehmend Gesundheitsfragen ins Zentrum des Interesses. Laut einer neuen Studie mehrerer großer  Umweltschutzorganisationen sind die Kohlekraftwerke in der Europäischen Union pro Jahr für fast 23.000 vorzeitige Todesfälle sowie für zehntausende Fälle von Herz- und Lungenkrankheiten verantwortlich.

Man muss nicht in der Nähe eines Kraftwerks wohnen, um zu erkranken

Betroffen sind davon demnach nicht nur Länder wie Deutschland, die selbst im großen Stil auf die Kohleverstromung setzen. Vielmehr kenne die Verschmutzung der Luft keine Grenzen, denn der Wind transportiere die freigesetzten Feinstaubpartikel auch in andere Länder und Regionen.  „Menschen, die gar nicht in der Nähe eines Kohlekraftwerkes leben, inhalieren womöglich diese Partikel und erkranken daran“, heißt es in der Studie. Bei der Kohleverstromung entstehen überdies giftige Stickoxide und Schwefeldioxid.

Die Untersuchung, die dieser Zeitung bereits vorliegt, soll an diesem Dienstag einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt werden. Verantwortlich zeichnen unter anderem die Umweltschutzorganisation WWF, die Health and Environment Alliance (HEAL) sowie das Climate Action Network.

Über 4000 weniger Tode ohne Kohlekraft

Die fünf Staaten, die mit ihren Kohlekraftwerken am meisten die Gesundheit der Europäer belasten, sind laut Report Polen, Deutschland, Großbritannien, Rumänien und Bulgarien. Die polnischen Kohlekraftwerke machen die Autoren für mehr als 5.800 vorzeitige Todesfälle im In- und Ausland verantwortlich, die deutschen Anlagen für fast 4.400.

„Der in Großbritannien bis 2025 geplante Kohleausstieg könnte jährlich bis zu 2.870 vorzeitige Todesfälle verhindern – davon mehr als 1.300 auf dem europäischen Festland“, heißt es. Schalte Deutschland seine Kohlekraftwerke ab, könnten im Inland jedes Jahr fast 1.900 Menschenleben gerettet werden und im Ausland sogar knapp 2.500.

Umweltministerin fordert Auslaufen der Kohleverstromung

Die Umweltverbände fordern als Konsequenz aus den Befunden einen europaweiten Ausstieg aus der Kohleverstromung. Dieser sei nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes, sondern auch im Sinne des Gesundheitsschutzes zwingend. „Das muss sowohl von der EU-Klimapolitik als auch in den Kohleländern selbst vorangetrieben werden“, sagte WWF-Klimaexpertin Viviane Raddatz.

In Deutschland tobt seit der erfolgreichen Welt-Klimakonferenz Ende vergangenen Jahres eine heftige Debatte über die Notwendigkeit eines Kohle-Ausstiegs. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) verlangt, dass die schwarz-rote Koalition noch in der laufenden Legislaturperiode einen Fahrplan für ein langfristiges, sozialverträgliches Auslaufen der Kohleverstromung festlegt. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der zugleich SPD-Vorsitzender ist, will davon mit Rücksicht auf die Kohleländer sowie die Gewerkschaften aber nichts wissen.