Ungleichheit bei Einkommen hoch wie nie

Berlin - Verteilungskämpfe spalten Europa. „Merkel rettet Griechen mit unserem Geld“, hieß es während der Euro-Krise. In der Flüchtlingskrise wird vor „Sozialtouristen“ und „Wirtschaftsflüchtlingen“ gewarnt, die es auf deutsche Jobs und Sozialleistungen abgesehen hätten. Zwischen Regierungen tobt der Streit, wie die Kosten der Flüchtlinge aufzuteilen sind.

Weniger Erregung produziert dagegen die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen innerhalb Deutschlands. Dabei geht es hier um viel größere Summen. „Die Bekämpfung der Ungleichheit ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit", sagte Stefan Körzell, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) dieser Zeitung. Ein Überblick über die Erkenntnisse des neuen DGB-Verteilungsberichts:

 

Löhne

In den letzten zwei Jahren haben die Löhne in Deutschland wieder etwas stärker zugelegt. Auf lange Sicht jedoch relativiert sich diese Entwicklung. Zwar stieg der durchschnittliche Bruttolohn je Monat seit 2000 von 2090 auf 2721 Euro im vergangenen Jahr. Real – also abzüglich der Inflationsrate – ist der Verdienst eines Durchschnittsbeschäftigten seit der Wiedervereinigung jedoch kaum gestiegen. Gründe hierfür waren unter anderem die Inflation, höhere Abgaben, die Lohnzurückhaltung in den Jahren ab 2003 sowie der Ausbau des Niedriglohnsektors, in dem heute etwa ein Fünftel aller Beschäftigten arbeitet.

Weiter besteht eine große Lücke zwischen Ost- und Westdeutschland. Die Tariflöhne im Osten liegen zwar bei 97 Prozent des West-Niveaus. Doch viele Unternehmen zahlen weniger als Tarif oder unterliegen keinem Tarifvertrag. Die tatsächlich gezahlten Effektivlöhne liegen laut DGB 17 Prozent unter West-Niveau.

Kapital

Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen sind in den letzten Jahren tendenziell stärker gestiegen als die Arbeitnehmerentgelte (Arbeitskosten der Unternehmen einschließlich ihrer Sozialbeiträge). Seit dem Jahr 2000 legten die Kapitaleinkommen real 33 Prozent zu, die Arbeitnehmerentgelte nur knapp elf Prozent. Ergebnis – nicht nur in Deutschland - ist ein langfristig fallender Anteil der Löhne am gesamten Volkseinkommen. Diese „Lohnquote“ ist im Durchschnitt aller OECD-Länder seit den 1980er Jahren um zehn Prozentpunkte gefallen.

Für die Kapitaleinkommen spielen die Einkommen aus Vermögen eine immer größere Rolle. Zwischen 2000 und 2014 stiegen die Betriebsüberschüsse der Kapitalgesellschaften um durchschnittlich 3,4 Prozent pro Jahr.

Die Vermögenseinkommen dagegen legten netto jährlich 8,2 Prozent zu. Fast ein Fünftel der Unternehmensgewinne stammen nicht aus der normalen Produktion, sondern aus der Geldanlage. Anfang des Jahrtausends lag dieser Anteil nur bei fünf Prozent. „Es findet eine zunehmende Abhängigkeit von Finanzanlagen –auch bei produzierenden Unternehmen – statt“, so der DGB.