Die Telekommunikationsbranche ist heftig in Bewegung. In den vergangenen Monaten gab es zahlreiche spektakuläre Übernahmen. Angeschoben wird dieser Prozess vom Zusammenwachsen der Technologien. Lutz Schüler, Chef des Kabelnetzbetreibers Unitymedia-KabelBW, prognostiziert, dass sich in den nächsten Jahren ganz neue Nutzungsformen durchsetzen. Dazu zählen flächendeckende WLAN-Netze für Mobilfunknutzer und mobiles Fernsehen. Das bedeutet auch, dass der Bedarf für superschnelles Internet wächst. Schüler rechnet damit, dass die Preise für die Nutzer stabil bleiben.

Herr Schüler, in der Telekommunikationsbranche wird gerade heftig Monopoly gespielt. Nur Sie dürfen nicht mitspielen. Verstehen Sie das?

Sie spielen auf das Oberlandesgericht Düsseldorf an, das die Freigabe durch das Kartellamt für den Zusammenschluss von Unitymedia mit Kabel Baden-Württemberg zunächst einmal aufgehoben hat. Wir legen gegen das Urteil Beschwerde ein. Sollten wir dort unterliegen, muss das Kartellamt die Übernahme, die es schon einmal genehmigt hat, erneut prüfen. Dann haben wir 2014 oder 2015 und eine ganz andere Situation als 2011, als die Übernahme erstmals angemeldet wurde.

Was ist anders geworden?

Der Mobilfunker Vodafone hat Kabel Deutschland, KDG, mit seinen Netzen in 13 Bundesländern übernommen. Dadurch wandelt sich der Markt grundlegend. Vodafone wird künftig Festnetztelefonie, schnelles Internet und Fernsehempfang flächendeckend anbieten – also auch in den drei Bundesländern, in denen wir und nicht KDG aktiv ist. Allerdings auf Basis der Telefonnetze mit DSL-Technik, da wir in diesen drei Ländern die Kabelnetze besitzen.

Was bedeutet das für eine Prüfung durchs Kartellamt?

Wir sind zuversichtlich, dass diese neue Prüfung anerkennen wird, dass ein Zusammenschluss von Unitymedia mit Kabel BW notwendiger denn je ist, da der Wettbewerb durch Vodafone mit KDG erheblich intensiver geworden ist.

Können sich die Kunden also auf verschärfte Preiskämpfe freuen?

Das macht der Mitbewerber doch jetzt schon. Sie können von ihm in unserem Verbreitungsgebiet ein recht aggressives DSL-Angebot inklusive Internetfernsehen bekommen. Die Kollegen erhöhen auch gerade den Vermarktungsdruck.

Wie wäre es mit einer Gegenoffensive? Sie könnten Vodafone etwa in Ostdeutschland und Berlin mit Unitymedia-Angeboten angreifen.

Wir können nur dort Geschäfte machen, wo wir auch ein Netz haben. Für uns gibt es keinen gesamtdeutschen Ansatz. Wir werden in den drei Bundesländern weiter wachsen. Mit dem Technikstandard fürs Kabel, Docsis 3.0, gehen wir locker auf eine Übertragungsgeschwindigkeit von 400 Megabit pro Sekunde. Mit der nächsten Stufe der Technik, Docsis 3.1, kommen wir auf in den Gigabitbereich. Bei DSL ist bei 100 Megabit Schluss.

Bei Ihrer neuen Settop-Box Horizon, die Fernsehen und Internet verknüpft, hapert es allerdings mit dem Qualitätsversprechen. Es gab Lieferverzögerungen, und es ist teilweise nicht möglich, das Pay-TV-Angebot von Sky mit Horizon zu nutzen. Das kann doch nicht das Niveau sein, das Sie meinen?

Mit Horizon erleichtern wir dem Kunden den Zugang zu Inhalten aus verschiedenen Quellen. Über eine Suchfunktion bekommen Sie beispielsweise alles, was mit Formel 1 zu tun hat. Sie können aktuelle oder archivierte Rennen, Interviews oder Dokumentationen anschauen, Sie können Ihre Freunde auf Facebook zum Chat über das Rennen auffordern. Es gibt Formel-1-Spiele. Das ist ein großer Sprung in der Leistung. Die Lieferverzögerungen hatten mit prozessualen Anpassungen zu tun, die wir jetzt weitestgehend gelöst haben. Und die Nutzung von Sky betrifft nur einen kleinen Kundenkreis. Dafür gibt es in Kürze eine gemeinsame Lösung.

Trotz Horizon: Kann sich ein Anbieter, der nur in drei Bundesländern aktiv ist, tatsächlich dauerhaft halten?

Davon sind wir und unsere US-Mutter Liberty überzeugt. Wir haben im Internet einen Marktanteil von 25 Prozent. Das heißt wir haben 75 Prozent noch nicht. In weiter entwickelten Ländern wie der Schweiz oder den Niederlanden kommen Kabelnetzbetreiber auf Marktanteile von bis zu 60 Prozent. Da ist für uns noch viel Luft drin. Im Fernsehen geht es gerade erst los. Der Bildschirm ist größer, jetzt wollen alle eine vernünftige Bildqualität haben. Also kaufen sie TV-Empfang in hochaufgelöster Qualität dazu. Dann wollen sie mehr sehen, also kaufen Sie Bezahlangebote hinzu. Ich glaube, da ändert sich gerade grundsätzlich etwas in Deutschland.

Bezahlfernsehen hatte jahrzehntelang keine Chance hierzulande. Kommt jetzt die große Zeit von Sky?

Man sieht jedenfalls an den Zahlen von Sky und unseren eigenen Pay-TV Angeboten, dass sich etwas tut. Das ist ein Wachstumspfeiler für uns. Und der neue TV-Technik-Standard 4K, der noch viel schärfere Bilder bietet, steht vor der Tür, der braucht noch einmal zehnmal mehr Kapazität als HD. Und irgendwann werden wir auch Videos aus dem Internet in 4K abrufen. Ich kann Ihnen versichern, der Bedarf nach hohen Übertragungsgeschwindigkeiten wird massiv steigen.

Aber müssen Sie und Sky sich nicht gegen neue Konkurrenten wehren, wie Netflix, die Filme und Serien gegen eine günstige Monatsgebühr via Internet vermarkten?

Zum einen können wir mit den Abrufdiensten auf unserer Horizon-Plattform in diesem wichtigen neuen Geschäftsfeld sehr gut mithalten. Zum anderen ist das Geschäftsmodell von Netflix in der Tat in vielen Ländern sehr erfolgreich. Ich erwarte, dass dieses Angebot früher oder später auch in Deutschland kommen wird. Dem gegenüber sind einige der in Deutschland geplanten Senderkooperationen, wie zum Beispiel Germany’s Gold, am Widerspruch des Kartellamts gescheitert. Dabei sind das Chancen für qualitativ sehr hochwertige Angebote.

Klingt die Argumentation der Wettbewerbshüter nicht plausibel? Sie kritisierten an Germany’s Gold, dass ARD und ZDF Preise absprechen und letztlich mit Gebühreneinnahmen eine Video-Plattform betreiben wollten. Das behindert den Wettbewerb.

Hier handelt es sich um eine doch sehr enge, nur auf den deutschen Markt bezogene Sichtweise. Durch das Verbot von Germany’s Gold wird es für ausländische Anbieter von Abrufdiensten für Filme und Serien nun einfacher, hier Fuß zu fassen. Wie gesagt, Netflix wird hier einreiten.

Und dann haben Sie es mit der Telekom und Vodafone künftig mit zwei dominierenden Konzernen zu tun, die im Festnetz und im Mobilfunk aktiv sind. Müssen Sie sich nicht auch in diesem Geschäft umschauen?

Ich bin von der vierfachen Vermarktung – also TV, Festnetz, Internet und Mobilfunk – überzeugt. Aber wie funktioniert die Vermarktung? Sie verkaufen fünfmal leichter einem Festnetzkunden Mobilfunk als umgekehrt. Festnetz ist bei vielen Unternehmen die Basis. Aber brauchen wir ein bundesweites Festnetz?

Wenn Sie so fragen, antworte ich: Nein.

Genau. Denn wir legen es darauf an, unseren Festnetzkunden zusätzlich mobile Lösungen zu bieten. Für uns ist es ein Einfaches, in Städten ein großflächiges WLAN-Angebot zu machen. WLAN bringt höhere Übertragungsgeschwindigkeiten als die neue Mobilfunktechnik LTE, und zwar zu geringeren Kosten. Also kann man sich vorstellen, dass wir unseren Kunden mit Internetanschluss in Städten ein attraktives Angebot zur Nutzung von Wlan machen. Unsere Kunden können dann im Café genauso Fernsehen empfangen und das Internet nutzen wie zu Hause im Wohnzimmer.

Das muss dann aber kostenlos sein und könnte mit einem Mobilfunkvertrag mit ihrem Partner O2 kombiniert werden.

Das kann, muss aber nicht.

Apropos 02 . Der Anbieter gehört zur spanischen Telefónica und will gerade den Rivalen E-Plus schlucken und ist auch in Italien als Teilhaber von Telecom Italia sehr aktiv. Wird in einigen Jahren in der Branche in Europa eine Handvoll Anbieter den gesamten Telekommarkt beherrschen?

Welche Anbieter meinen Sie denn?

Telefónica, Deutsche Telekom, Orange – früher France Télécom-, Vodafone und Liberty.

Es ist für mich ganz klar, dass es eine weitere Konsolidierung geben wird. Treiber ist das Zusammenwachsen der verschiedenen Technologien, also Mobilfunk, Festnetz, TV und Internet, aber auch ein Zusammenwachsen des europäischen Marktes. Es läuft auf einen Kampf der Inhalteanbieter wie Google mit Youtube mit den Infrastrukturanbietern wie Unitymedia-KabelBW hinaus. Um als Infrastrukturanbieter zu bestehen, brauchen Sie Größe, deshalb die Konsolidierung.

Heißt das dann auch, dass Kunden immer stärker Lock-in-Effekte fürchten müssen? Denn wer alles von einem Anbieter bezieht, hat es enorm schwer, zu einem anderen Anbieter zu wechseln und akzeptiert dann lieber Preiserhöhungen.

Richtig ist, dass die Mediennutzung sich erheblich ändern wird. Sie gucken künftig das, was Sie wollen, wann Sie es wollen und wo sie es wollen – in hoher Qualität. Dieses Bedürfnis wird zu einem starken Wettbewerb um die beste Lösung führen. Die Preise werden dabei etwa stabil bleiben – bei weiter steigender Qualität.

Besteht aber nicht die Gefahr, dass sich die fünf Großen ähnlich wie in der Mineralölbranche zu einem Oligopol organisieren und dann die Preise hochtreiben?

Ihre These bedeutet, dass die fünf Unternehmen auch mit ihren jeweiligen Wachstumsplänen nebeneinander Platz haben. Das würde ich stark in Frage stellen. Liberty hat neben Unitymedia-KabelBW eine Reihe weiterer Beteiligungen in Europa. Der Konzern ist derzeit der am schnellsten wachsende in der Branche. Und Liberty will in Europa weiter wachsen und Marktanteile gewinnen und wird deshalb den großen Telekommunikationskonzernen weiter kräftig Konkurrenz machen. Die anderen werden gegenhalten. Davon bin ich fest überzeugt.

Das Gespräch führte Frank-Thomas Wenzel.