UNO-App "ShareTheMeal" aus Berlin: Per Crowdfunding die Welt retten

Berlin - 795 Millionen Menschen leiden weltweit an Hunger, eins von sieben Kindern ist betroffen. Gleichzeitig gibt heute 20-mal so viele Smartphone-Nutzer wie hungernde Kinder. Mit der App "ShareTheMeal" können diese nun mit nur drei Klicks auf ihrem Handy für 40 Cent ein Kind einen Tag ernähren. Co-Gründer Sebastian Stricker aus dem Berliner Büro von "ShareTheMeal" erklärt im Interview mit der Berliner Zeitung die Idee hinter der neuen App der Vereinten Nationen.

Herr Stricker, wie kamen Sie auf Idee, den Hunger auf der Welt per App auf dem Smartphone zu bekämpfen?

Ausgangspunkt war, dass wir überrascht waren, dass es nur 40 Cent kostet, ein Kind einen ganzen Tag lang zu ernähren. Wir dachten: wenn es einen einfachen Weg gäbe, diese 40 Cent zur Verfügung zu stellen, dann würden das viel mehr Leute tun. So bin ich auf die Idee gekommen, das mit einer App zu versuchen. Als wir dann auch noch erfahren haben, dass es 20 mal so viele Smartphone-Nutzer gibt wie hungernde Kinder, haben wir entschieden, das auszuprobieren und eine App zu bauen, mit der man ganz einfach einem Kind Essen zur Verfügung stellen kann: für 40 Cent einen ganzen Tag. Vor einem Jahr sind wir dann gestartet und im August 2014 sind wir Teil der Vereinten Nationen geworden.

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Erzählen Sie uns etwas zu ihrem beruflichen Hintergrund.

Studiert habe ich Wirtschaft und Politik. Dann war ich in der Privatwirtschaft als Unternehmensberater tätig und anschließend bei der Clinton-Stiftung in Tansania, wo ich am Malaria-Programm mitgearbeitet habe. Dann bin ich zum Welternährungsprogramm der UNO gegangen und habe dort drei Jahre gearbeitet, bis ich mir vor einem Jahr ein Sabbatical genommen habe. Vorher hatte ich die Idee für Share the Meal. Uns ist klar, dass solche Dinge auch schief gehen können. Aber wenn man sie unversucht lässt, dann werden sie nie funktionieren. Im Moment sieht es allerdings so aus, als hätten wir Erfolg. Deswegen wollen wir spätestens im Herbst die App global herausbringen.

Wie viele Mahlzeiten wurden mit der deutschen App bisher an Kinder verteilt?

Man kann den aktuellen Stand auf der Webseite verfolgen, am Donnerstag um 9.42 Uhr Uhr sind wir bei 608.267 Mahlzeiten (von der Redaktion ausktualisiert). Unsere Erwartung wurde ganz, ganz deutlich übertroffen. 90 Prozent der Nutzer sind in Deutschland, der Rest befindet sich in Österreich und der Schweiz. Wir haben die App nur im deutschsprachigen Raum gelauncht, aber es gibt Pläne, sie auch in anderen Teilen der Welt an den Markt zu bringen. Wir müssen jetzt zunächst die App verbessern, um es den Nutzern so einfach wie möglich zu machen.

Ihr erstes Ziel ist es, 50.000 Schulinder in Lesotho, im südlichen Afrika, mit zwei Mahlzeiten pro Tag zu helfen. Was bekommen die Kinder dort zu essen?

Sie kriegen in Vorschulen und Kindergärten morgens „Super Cereal“, einen angereicherten Brei mit vielen Nährstoffen, und mittags „Papa“, einen traditionellen Maisbrei mit Hülsenfrüchten. In Lesotho ist es sogar noch billiger, ein Kind einen Tag lang zu ernähren. Die 40 Cent sind tatsächlich ein globaler Durchschnitt. Wir konzentrieren uns jetzt am Anfang des Projekts auf Schulmahlzeiten in Lesotho, weil das eine besonders effektive Intervention ist: Kurzfristig bekämpft sie Hunger, mittel-und langfristig unterstützt sie Bildung. So wollen wir den Teufelskreis des Hungers durchbrechen, wo Hunger zu Schwäche führt und die Schwäche dazu, dass Kinder nicht in die Schule gehen können. Und wenn sie nicht in die Schule gehen, sind sie nicht so produktiv, deswegen bleiben sie schwach und können wieder nicht in die Schule gehen.

Wenn das Ziel in Lesotho erreicht ist, was kommt dann?

Wenn wir es schaffen, alle bedürftigen Kinder in Lesotho ein Jahr zu ernähren, dann werden wir uns entweder anderen Ländern oder anderen Programmen zuwenden. Wir stehen aber noch relativ am Anfang. Bisher haben wir erreicht, dass die Kinder 12 Tage lang versorgt sind. Und das in sieben Tagen, was eigentlich großartig ist.

Wie kamen Sie auf Lesotho?

Zum einen ist der Bedarf groß: Rund 40 Prozent der Kinder sind dort chronisch unterernährt. Und zum anderen glauben wir, dass es ein geeignetes Pilotland für so ein neues Konzept wie "Share the Meal" ist. Das Land ist relativ klein, es hat etwa zwei Millionen Einwohner. Und wir können mit der dort bestehenden Regierung und Infrastruktur arbeiten. Außerdem konnte die UNO in der Vergangenheit ihre Programme an die Regierung weitergeben und diese wurden nachhaltig weitergeführt.

Wie wird die App finanziert - und wie viel Geld kommt tatsächlich bei den Kindern an?

Die operativen Kosten, also die Entwicklung der App und die Gehälter für die Mitarbeiter werden von Privatspendern, von Unternehmen und den Vereinten Nationen gedeckt. Die 40 Cent sind insgesamt genug, um ein Kind einen Tag lang zu ernähren. Von dem Geld fallen nur die Transaktionskosten und der Verwaltungsaufwand der Vereinten Nationen weg. Die Verwaltungsausgaben des Welternährungsprogramm der UNO sind unter 10 Prozent, was im Vergleich zu anderen gemeinnützigen Organisationen extrem niedrig ist. Das deutsche Spendengütesiegel bekommt man mit 35 Prozent. Wir glauben, dass wir diese Kosten mit der App noch deutlich drücken können.

Das Büro von "ShareTheMeal" befindet sich in Berlin. Ist die Berliner Startup-Szene ein inspirierendes Arbeitsumfeld?

Das ist super! Berlin ist einfach super (lacht). Es ist eine tolle Stadt, aber die Startup-Szene ist auch sehr befruchtend. Es sind tolle Leute hier, man hilft einander. Ohne diese Hilfe wären wir vielleicht nicht so weit gekommen. Startups aus Berlin und Köln haben uns mit ihrem Wissen und auch bei der Programmierung unterstützt. Die haben das gemacht, weil sie an die Sache glauben. Wenn ich die Möglichkeit habe, mich bei den allen zu bedanken, dann würde ich das gerne machen.