Die US-Regierung hält die App von TikTok für ein Sicherheitsrisiko.
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Die Angriffe aus den USA treffen die Mitarbeiter von TikTok unvermittelt, viele wissen nicht, wie ihnen geschieht. Jahrelang war TikTok ein Geheimtipp: Mit kurzen Video-Clips begannen sich vor allem Jugendliche zu informieren. Die meisten kennen das Kulturgut Zeitung nur vom Hörensagen. Die Texte auf Facebook sind vielen zu lang. Und selbst das Lesen von Kurznachrichten über WhatsApp kann nicht mit dem Video-Konsum mithalten, den TikTok bietet. Von Informationen zu sprechen wäre zu viel.

Die Kernzielgruppe der App sind die 16- bis 30-Jährigen. Mit Politik hatte TikTok bisher wenig zu tun – doch mit den massiven Angriffen von US-Präsident Donald Trump auf das Netzwerk hat sich das geändert.

Das Unternehmen schweigt. Wenn man sich jedoch umhört, merkt man die Verunsicherung – nicht nur in den USA. Mitarbeiter sagen, dass sie doch nicht ihre chinesischen Kolleginnen und Kollegen samt und sonders der Spionage bezichtigen können. Denn die US-Regierung wirft dem Netzwerk, das in Deutschland etwa 150 Mitarbeiter hat und in ganz Europa immerhin bereits 1.000 Leute beschäftigt, vor, der verlängerte Arm der Kommunistischen Partei Chinas zu sein.

US-Justizminister William Barr sagte am Sonntag auf Fox News, dass sich kein Jugendlicher sicher sein könne, was mit seinen persönlichen Daten geschieht: Kontakte zu Freunden, Telefonnummern, Adressen – alles sei dem direkten Zugriff des chinesischen Geheimdienst- und Militär-Apparats ausgesetzt. Barr lieferte auch eine Begründung für die bisher unbewiesene These: Peking verfolge die Strategie, besonders talentierte Personen oder Experten in bestimmten Fachbereichen auszuspionieren, um sie später abzuwerben. So komme China in den Besitz der Betriebsgeheimnisse der US-Konzerne, um ihnen am Ende die dominante Position auf den Weltmärkten abzujagen.

Bei TikTok gibt man sich derweil gelassen. Eine Sprecherin des Konzerns sagte der Berliner Zeitung: „Obwohl wir uns nicht zu Gerüchten oder Spekulationen äußern, sind wir vom langfristigen Erfolg von TikTok überzeugt. Millionen Menschen sind bei TikTok, um unterhalten zu werden und Kontakte zu knüpfen. Dazu gehört auch unsere Community von Creator*innen, die über TikTok ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ihre Leidenschaft und Kreativität motiviert uns. Gleichzeitig sehen wir es als unsere Verpflichtung, ihre Privatsphäre und Sicherheit zu schützen. Wir arbeiten weiter daran, Nutzer*innen Freude zu bereiten und diejenigen, die auf unserer Plattform kreative Inhalte schaffen, erfüllende Karrieren zu ermöglichen.“

Das Unternehmen verweist darauf, dass es allein in Europa in diesem Jahr 60 Millionen Euro für die Kreativwirtschaft ausgeben will. Das ist viel – und doch nur ein Bruchteil dessen, was die klassische Unterhaltungsindustrie für ihre Inhalte ausgeben muss. Allein in Deutschland gibt es bereits über zwei Millionen TikTok-Nutzer. Das Unternehmen ist bezüglich seiner Zahlen allerdings verschwiegen: Weder zu den Nutzern noch zu den Zielgruppen will sich die Sprecherin äußern, mit dem Verweis, man sei „ein privates Unternehmen“. Den Vorwurf der Spionage für die Kommunistische Partei kontert die Sprecherin mit dem Hinweis, dass der Zugriff auf die Daten durch die Mitarbeiter „streng kontrolliert“ werde. Die Server mit den Daten stünden in Singapur und den USA.

Das ist für die deutschen Nutzer allerdings nur ein schwacher Trost: Alle großen US-Technologie-Konzerne sind verpflichtet, mit der US-Regierung und allen Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten. Daher sagt man auch bei TikTok hinter vorgehaltener Hand: „Haben die Deutschen schon den NSA-Skandal vergessen?“ Der US-Geheimdienst hatte vor einigen Jahren eingeräumt, faktisch alle Daten auszuwerten, derer er habhaft werden könne. Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren Handykommunikation damals auch überwacht worden war, zeigte sich entrüstet und sagte: „Ausspionieren unter Freunden – das geht gar nicht.“ Die Empörung legte sich schnell, ob die Praxis der US-Dienste heute eine andere ist, weiß niemand.

TikTok sieht sich zu Unrecht am Pranger und verweist auf seine Leistungen: „Hier sind die Fakten: 100 Millionen US-Amerikaner sind bei TikTok, um unterhalten zu werden und Kontakte zu knüpfen. Das hat insbesondere die andauernde Pandemie gezeigt. Wir haben allein in diesem Jahr fast 1000 Mitarbeiter für unser US-Team eingestellt. Wir planen, für weitere 10.000 Mitarbeiter*innen gut bezahlte Jobs in den USA zu schaffen.“ Die Sprecherin verweist darauf, dass auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Bundesgesundheitsministerium Accounts auf TikTok betreiben. Das Unternehmen helfe den Behörden, die Kommunikation in der Pandemie rasch und direkt unters Volk zu bringen.

Mit den Behörden habe man bisher noch nie Probleme gehabt, heißt es aus dem Unternehmen. Auch mit der „EU-Kommission“ arbeite man eng zusammen. Dort laufe eine „Standard-Überprüfung“, wie sie jedes junge Unternehmen über sich ergehen lassen muss. Ein Sprecher der EU-Kommission verweist auf die neu gegründete Task-Force, die sich als Gremium der nationalen Datenschutzbeauftragten seit einiger Zeit um TikTok kümmert.

Moritz Körner, EU-Abgeordneter der FDP, hält TikTok für ein Problem. Der Jungliberale begründet, warum seine Partei TikTok als gefährlich einstuft: TikTok zensiere „Beiträge zu LGBTI und fettleibigen oder behinderten Menschen“. Auch „Protestvideos, die zum Beispiel die Verfolgung der Uiguren durch den chinesischen Staat anprangern“, seien plötzlich von der Plattform verschwunden. Das „chinesische Unternehmen Bytedance, dem TikTok gehört, erstellt präzise Daten-Fingerabdrücke jedes einzelnen Nutzers“. Damit könne jederzeit ohne Anlass und Vorwarnung auf die Daten der einzelnen Nutzer zugegriffen werden. TikTok sei in China nicht einmal verfügbar, kontert die Unternehmenssprecherin.

Interessant ist die Datensammelwut des Konzerns allemal: Nun möchte Microsoft das US-Geschäft übernehmen, die Daten der User seien bei einem US-Konzern in besseren Händen als bei der Kommunistischen Partei Chinas, sagt der republikanische Senator Lindsey Graham. TikTok will dagegen eine öffentliche Diskussion darüber, wie die ganze Branche mit Daten umgeht – die US-Unternehmen eingeschlossen.